Der Zorant


II

„Pass doch auf, wo du hinläufst!“

Girestuur packte Myan am Arm und zog sie grob zur Seite – gerade noch rechtzeitig, bevor die Adeptin gegen eine schlanke Felsstange stieß, die das Sonnensegel vor einem Obstladen stützte.

„Würde!“ verlangte der Zorantani halblaut. „Als Angehörige des heiligen Ordens des Zorant müssen wir vor allem Würde ausstrahlen! Das gilt für Adepten nicht weniger als für die geweihten Priester! Wir bewahren den Schutzschild Zorantanders und müssen uns den Respekt der Menschen bewahren!“

Girestuurs Augen vollbrachten das Meisterstück, trotz ihrer goldbraunen Farbe vor Kälte zu sprühen. Die Schärfe ihres Blicks wurde nicht einmal dadurch gemildert, dass der stämmige Zorantani einen halben Kopf kleiner war als Myan. Nur mit Mühe unterdrückte die Adeptin den Impuls, seine Hand von ihrem Arm abzuschütteln wie ein giftiges Insekt. Girestuur war ihr bereits während ihrer Novizenzeit zuwider gewesen. Obwohl er nicht zu den Lehrmeistern der Novizen gehörte, hielt er die Neulinge unter seiner steten Beobachtung. Schweigend ließ er mit seinen bohrenden Blicken wissen, dass er den kleinsten Verstoß gegen die fünf Tugenden bemerken und nie verzeihen würde. Myan hasste den Hochmut, mit dem Girestuur all jenen begegnete, die nicht in vollkommener Sicherheit auf dem Weg des Zorant wandelten. Sie hasste ihn umso mehr, weil sie nicht sicher sein durfte, dass es sich wirklich um Hochmut handelte. Vielleicht lebte Girestuur einfach jene Strenge, die ein Zorantani gegen alle Untugendhaften aufbringen musste. Vielleicht durchschaute er als Einziger, dass sie im Orden nichts zu suchen hatte.

Girestuur sah sich forschend um. Sein Ausdruck wechselte von verächtlicher Kälte zu hoheitsvoller Kühle, sobald er sicher war, dass niemand dem Vorfall Beachtung geschenkt hatte. Er ließ den Arm der Adeptin los und zupfte ihr Gewand zurecht. Die Geste sollte fürsorglich wirken, aber sein Raunen klang alles andere als gütig in Myans Ohren:

„Wirst du ab jetzt deine Augen auf den Weg richten, oder soll ich dich besser gleich auf den Finger des Zorant zurückschicken?“

Der Zorantani deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf die mächtige Felsnadel, die in der Geweihten Höhe gipfelte. Direkt darunter lagen die Ordenshäuser in den Stein gemeißelt. Myan biss sich auf die Lippen. Sich beinahe eine Beule zu holen und ein Sonnensegel herabrauschen zu lassen war für Girestuur offenbar nicht weniger schlimm als alle fünf Tugenden gleichzeitig zu verletzen. Sie rang das Gefühl nieder, dass sie besser sofort aufgeben sollte, und wappnete sich für den täglichen Kampf um den Weg des Zorant.

„Entschuldigt, ehrwürdiger Vater,“ presste sie hervor. „Ich werde nun besser aufpassen.“

„Vor allem wirst du darauf aufpassen, was ich tue!“ plusterte Girestuur sich auf, so gut es mit gedämpfter Stimme ging. „Du bist hier, um zu lernen, wie ein Zorantani die Menschen den Weg des Zorant lehrt. Und während du von einem geweihten Zorantani lernst, hat dich nichts davon zu interessieren, was sonst noch in dieser Stadt vor sich geht. Ich kann dir außerdem versichern, dass sich hier unten nichts geändert hat – alles ist genau so wie immer.“

Mit einem Naserümpfen setzte der Zorantani endlich seinen Weg fort. Myan heftete sich pflichtgetreu an seine Fersen und ließ ihren Blick nicht mehr abgleiten, obwohl sie wusste, dass Girestuur nicht Recht hatte. In einer Handelsstadt wie Zorantander gab es jeden Tag etwas Neues zu sehen. Und sie war nun schon ein Jahr lang nicht mehr durch die Straßen gegangen. Die Novizen durften die Ordenshäuser nur verlassen, um im Fels zu einer ganz bestimmten Bucht des Grottensees hinabzusteigen und dort zu baden. Nach der tiefen Ruhe des Ordenslebens schlugen der Lärm und das Gewimmel Zorantanders über Myan zusammen. Bauern und Händler riefen ihre Waren aus, Karawanen von Lastvögeln wurden durch die engen Gassen zwischen Geschäften und Marktständen geführt. Aus Werkstätten tönte Hämmern oder Schleifen, und dazwischen erklangen immer wieder die Melodien der Straßenmusikanten. Es wollte Myan nicht gelingen, sich wie zu Hause zu fühlen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie darauf gewartet, alt genug für den Eintritt in den Orden zu sein, um dort endlich ihren Kampf um Tugendhaftigkeit zu gewinnen und die Schande ihrer Geburt auszulöschen. Vor einem Jahr hatte sie sich vorgenommen, als würdige Adeptin mit dem Zorantodion auf den Lippen in die Straßen der Stadt zurückzukehren. Nun lag das Stirnband einer Adeptin deutlich sichtbar um ihren Kopf, aber der Kampf dauerte an. Allein ihre Schauspielkünste übertrafen alle Erwartungen. Myan rief sich energisch zur Ordnung. Beim Abendgebet nach ihrer Erhebung zur Adeptin hatte sie erkannt, wie vermessen solche Gedanken waren. Lurethe und Jivirokan gingen allen Zorantani und ganz Zorantander auf dem Weg des Zorant voran. Wenn das Hohe Paar die Beschwörung der fünf Tugenden aus ihrem Mund guthieß, dann hatte sie tatsächlich das Zorantodion gemeistert – egal, wie es ihr selbst erschien. Vielleicht war sie wirklich von den Vorbereitungen auf die Beschwörungszeremonie erschöpft gewesen. Vielleicht gehörte das ausbleibende Gefühl für die Macht des Zorantodion bereits zu den Prüfungen, die sie während ihrer Adeptenzeit bestehen musste. Denn wer die Macht der fünf Tugenden nicht fühlte, dem musste es umso schwerer fallen, ihnen zu folgen. Eine wahrhaft schwere Prüfung für eine Adeptin. Aber gerade sie musste mit den schwersten aller Prüfungen rechnen. Also würde sie weiterkämpfen, so treu, friedlich, rein, gerecht und mäßig wie möglich, bis sie sich zuletzt auf dem Weg der fünf Tugenden wiederfände – unter dem Schutz des Zorant.

Trotz der zahlreichen Sonnensegel lastete die Hitze schwer auf Zorantander. Die Luft war noch drückender als in den Ordenshäusern oben im Finger des Zorant, wo die Wüstenwinde zumindest für etwas Durchzug sorgten. Myans Stirnband klebte auf ihrer Haut, und unter ihrem weiten Gewand bahnten sich immer mehr Schweißtropfen ihren Weg. Der Durst ließ nicht lange auf sich warten. Trotzdem schöpfte Myan nicht einmal Hoffnung auf einen Becher Wasser, als Girestuur einen Brunnen ansteuerte. Sie wusste sofort, dass ihr Lehrmeister nicht vom Wasser angezogen wurde, sondern von den zwei Frauen, die am Brunnen in einen lautstarken Streit verstrickt waren.

„Friede!“ gebot der Zorantani mit erhobenen Händen. „Gedenkt der zweiten der fünf Tugenden!“

Die beiden Frauen hielten inne. Die Jüngere zog verlegen den Schleier ihres fließenden, orangefarbenen Kleids vor ihren Mund.

Die andere zeigte sich ungerührt und ließ mit einem heftigen Kopfschütteln ihr weißes Haar fliegen. „Die zweite Tugend geht flöten, wenn einmal die erste gebrochen wurde!“ entgegnete sie dem Priester resolut.

Girestuur sah sie missbilligend an. „Welche Verletzung der ersten Tugend wirfst du deiner Schwester im Zorant vor?“

Die Weißhaarige stemmte die Hände die in Hüften. „Sie brach die Treue, die Geschäftspartner einander schulden. Sie versprach, nur die Eier von meinen Glinks zu verkaufen. Und nun macht sie seit einigen Tagen auch Geschäfte mit Renturpan!“

„Ehrwürdiger Vater!“ warf die beschuldigte Händlerin hastig, aber mit zaghafter Stimme ein. „Curni liefert mir nicht mehr genügend Eier, seit sie auch mit ausgewachsenen Glinks handelt und nicht nur die Vögel aus ihrer eigenen Zucht verkauft! Ich muss Renturpan Ware abkaufen, um meine Kunden zufriedenstellen zu können.“

Nun schnaubte Curni verächtlich durch die Nase. „Warum schickst du dann einen Teil meiner Ware zurück, wenn deine Kunden angeblich so viele Eier kaufen?“

Bevor die Händlerin diese Frage beantworten konnte, schaltete Girestuur sich ein: „Die Tugend der Treue meint zuallererst Treue zu den fünf Tugenden,“ tadelte er. „Sie meint also Treue zum Weg des Zorant. Und niemals rechtfertigt der Verstoß gegen eine Tugend den Verstoß gegen eine andere Tugend. Um auf dem Weg des Zorant zu bleiben,“ wandte er sich an die weißhaarige Glinkzüchterin, „musst du immer Frieden halten. Auch wenn zuvor eine andere Tugend verletzt wurde. Niemand – nicht einmal ein Zorantani – könnte je auf dem Weg des Zorant bleiben, wenn der Verstoß gegen eine Tugend nur durch den Verstoß gegen eine andere Tugend bestraft werden könnte!“

Curni zog eine Augenbraue hoch. „Steht die Tugend des Friedens also auch über der Tugend der Gleichheit, die ja auch Gerechtigkeit meint?“

Girestuur hob einen Zeigefinger. „Unter der Treue als oberste Tugend stehen die anderen vier Tugenden gleichwertig nebeneinander. Gerade deshalb müssen wir in Frieden für ihre Einhaltung eintreten. Wer Gleichheit und Gerechtigkeit nicht in Frieden erreichen kann, steht abseits vom Weg des Zorant.“

„Gleichheit und Gerechtigkeit!“ ereiferte sich plötzlich die Händlerin. Entschlossen strich sie ihren orangefarbenen Schleier beiseite. „Wenn ich nicht auch Renturpans Ware verkaufe, behandle ich nicht alle gleich, und verlasse damit den Weg des Zorant! Du hättest mich gar nicht zu dem Versprechen auffordern dürfen, nur die Eier von deinen Glinks zu verkaufen, Curni! Du hast bei unseren Geschäften eine Tugend verletzt, nicht ich!“ Ihr Blick heischte um Girestuurs Bestätigung.

Der Zorantani rügte jedoch mit bedeutungsschwangerer Stimme: „Der Weg des Zorant steht über allen Geschäften!“

„Heißt das etwa, dass die fünf Tugenden für unsere Geschäfte nicht gelten?“ fragte die Händlerin gleichermaßen bestürzt wie verwirrt.

In einer väterlichen Geste, die nicht frei von Herablassung war, legte Girestuur einen Arm um die Schultern der Frau. „Das heißt, dass ihr mehr an den Weg des Zorant denken sollt als an eure Geschäfte! Folgt mit ganzem Herzen dem Weg des Zorant! Dann werdet ihr auch eure Geschäfte in Einklang mit den fünf Tugenden führen! Wenn ihr dies nicht tut, dann verliert ihr den Schutz des Zorant und schwächt den Schutzschild aller Menschen in Zorantander!“

Inzwischen hatte die weißhaarige Glinkzüchterin ihre Arme vor der Brust verschränkt und musterte den Zorantani skeptisch. Die Händlerin wiederum starrte Girestuur voller Nervosität an, als versuche sie, einen wirklichen Rat von seinem Gesicht abzulesen. Girestuurs Miene blieb jedoch äußerst glatt. Fahrig wickelte die Händlerin sich den Stoff ihrer weiten Ärmel um die Hände und setzte mehrmals zu sprechen an, ohne einen Ton hervorzubringen. Während dieses Schauspiels verdüsterte Curnis Ausdruck sich immer mehr, bis sie zuletzt ihren Kopf zurückwarf.

„Mach deine Geschäfte mit Renturpan,“ sagte sie kühl zu der Händlerin. „Ich suche mir jemand anderen, der die Eier meiner Glinks verkauft.“

Mit der Andeutung eines Grußes wandte die Züchterin sich um und verschwand im Getümmel. Girestuur nickte zufrieden auf die Händlerin herunter, die ein halb erleichtertes, halb schuldbewusstes Lächeln aufsetzte.

„Und schon ist das Problem aus der Welt geschafft,“ sprach der Zorantani. „In Frieden und in Einklang mit den anderen vier Tugenden.“ Nach einem letzten Tätscheln löste Girestuur seinen Griff um die Schultern der Frau.

„Ich danke Euch, ehrwürdiger Vater...,“ stammelte die Händlerin. Wieder rang sie sichtlich nach Worten.

Ohne darauf zu achten, hob Girestuur seine rechte Hand mit den ausgefächerten Fingern zum Abschiedsgruß und winkte Myan, an seiner Seite davonzuschreiten. Sofort begann er die Adeptin zu belehren:

„Siehst du, so führt man die Menschen auf den Weg des Zorant zurück: Erinnere sie daran, warum wir den fünf Tugenden folgen und was auf dem Spiel steht, wenn wir sie vernachlässigen. Bei einem Streit wird dann der Schuldige sofort die Folgen seines Fehlers erkennen und die Buße auf sich nehmen.“

„Ihr glaubt also–“ begann Myan und formulierte hastig ihre Frage um: „Die Züchterin war also an dem Streit schuld?“

Der verhasste Hochmut breitete sich auf Girestuurs Miene aus. „Natürlich. Du hast doch selbst gesehen, dass sie ihre Vorwürfe zurückzog und ihre ganzen Geschäfte mit der Händlerin auflöste. Unter meinen Worten erkannte sie, dass sie den Weg des Zorant verlassen hatte.“

Myan knirschte mit den Zähnen und zitierte stumm die Formel für die Beschwörung der fünf Tugenden, um nicht nochmals mit einer unbedachten Bemerkung herauszuplatzen. Vor ihren Augen hatten die Dinge sich anders abgespielt. Die Predigt des Zorantani schien die Händlerin völlig verunsichert zu haben, was wiederum die Züchterin dazu bewogen hatte, die Abmachung zu lösen. Ob den beiden Frauen durch Girestuurs Eingreifen der Weg des Zorant gewiesen worden war, blieb mehr als fragwürdig.

„Wie kann der Weg des Zorant über etwas anderem stehen?“ fragte Myan ihren Lehrmeister so respektvoll wie möglich. „Der Orden lehrt, dass jede Handlung uns entweder auf dem Weg des Zorant hält oder gegen eine der fünf Tugenden verstößt. Das müsste also auch für jede Handlung gelten, die jemand während seiner Geschäfte vollzieht.“

„Natürlich gilt das für jede Handlung, auch im Geschäft.“ Girestuur fauchte aus einem Mundwinkel heraus, während er mit erhabener Geste den Gruß eines Wasserträgers erwiderte.

„Aber Ihr sagtet doch soeben, dass der Weg des Zorant über den Geschäften steht,“ beharrte Myan. „Und Ihr habt abgewehrt, als die Händlerin die fünf Tugenden auf ihre Abmachung mit der Züchterin anwenden wollte.“

Girestuur blieb stehen. Sein Zeigefinger stieg auf und pikste Myan beinahe in die Nase. „Zuerst müssen diese Frauen den Weg des Zorant in seiner ganzen Bedeutung erkennen! Dann sehen sie ihn auch in ihren Geschäften! Deshalb steht der Weg des Zorant über ihren Geschäften! Deshalb ist es ja auch unsere allererste Aufgabe, den Menschen von Zorantander den Weg des Zorant zu weisen!“

„Und wie sollen wir den Menschen den Weg des Zorant weisen, wenn nicht am Beispiel ihrer alltäglichen Handlungen?“ entfuhr es Myan gegen ihre beste Absicht.

Girestuur schwang sich auf einen neuen Gipfel des Hochmuts und legte seiner Adeptin beide Hände auf die Schultern: „Um das zu lernen, bist du mit mir unterwegs. Also frag nicht so viel, sondern beobachte mich! Wenn eine Zorantani in dir steckt, werden deine Fragen sich dann ganz von alleine beantworten.“

Unwillkürlich schüttelte Myan sich, als ihr Lehrmeister sie losließ und sich von ihr abwandte. Die Reinheit war die einzige Tugend, die sie in Girestuurs Gegenwart niemals verletzen würde. Selbst sein Geruch stieß sie ab, obwohl der Zorantani vom Hauch eines teuren Parfums umweht wurde. Ein Glück, dass nicht ihre gesamte Lehrzeit als Adeptin in Girestuurs Händen lag. Nur hier unten in Zorantander würde er ihr ständiger Begleiter sein. Das war hart genug. Eine weitere schwere Prüfung durch den Zorant. Myan schwor sich, ihre Lippen für den Rest des Tages fest geschlossen zu halten – egal wie schnell die Fragen aus ihr hervorschießen wollten. Girestuur war ein geweihter Zorantani. Sie schuldete ihm Respekt. Seufzend schob Myan die Hände in ihre Ärmel und folgte erneut ihrem Lehrmeister. Girestuur hielt bereits wieder Ausschau nach weiteren Stadtbewohnern, die der Lehre eines Zorantani bedurften. Myans herbeigezwungener Langmut gegen Girestuurs Gehabe hielt nicht lange an. Als sie auf eine heftig diskutierende Menschengruppe stießen, die sich um das Tor einer Karawanserei versammelt hatte, grub Myan angewidert die Fingernägel in ihre Unterarme. Girestuur erkundigte sich weder nach dem Grund für den Auflauf, noch bat er die Versammelten, ihm Platz zu machen. Stattdessen nahm er am Rand der Gruppe Aufstellung und ließ ein kurzes, scharfes Räuspern hören. Sobald die Umstehenden das Stirnband des Zorantani erblickten, traten sie mehr oder weniger ehrfürchtig beiseite. Mit dem sechsten Räuspern langte Girestuur im Zentrum des Geschehens an, wo ein Karawanenführer Hof hielt. Der reisende Händler war offenbar erst zu dieser Stunde in Zorantander eingetroffen, denn im Hof der Karawanserei wurden noch die unruhig schnatternden Glinks von ihren Lasten befreit.

„Natürlich habe ich das Heer nicht mit eigenen Augen gesehen,“ sagte der Karawanenführer soeben. Seine krächzende Stimme entrang sich einem ausgedörrten, aber stolz aufgerichteten Körper. „Unser Weg führte nur bis Huloneim, und Huloneim liegt rund zwanzig Tagesreisen von Tryllog entfernt.“

„Ehrwürdiger Vater! Ehrwürdiger Vater!“ stürzte sich ein Mann plötzlich atemlos auf Girestuur. „Die Karawane dieses tapferen Händlers bringt furchtbare Neuigkeiten! Tryllog hat einen neuen König, und er sammelt ein riesiges Heer! Es heißt, er wird gegen Zorantander ziehen, sobald genügend Krieger unter seinem Befehl stehen!“

„Bleib ruhig, mein Sohn.“ Der Zorantani klopfte dem aufgewühlten Mann selbstgefällig auf den Rücken. „Der Zorant schützt uns vor jedem Heer, egal wie stark es sein mag. Wenn dieser neue König von Tryllog es wirklich wagen sollte, gegen unsere Stadt zu ziehen, wird er genauso an Zorantander scheitern wie alle anderen Dummköpfe, die im Lauf der Jahrhunderte voller Verblendung am Schutzschild des Zorant zerschellten.“

„Das ist es ja gerade!“ quietschte der Mann. „Der Zorant schützt uns vor dem stärksten Heer, aber der König von Tryllog hat auch einen Zorant!“

Girestuur runzelte tadelnd die Stirn. „Es gibt nur einen Zorant. Was ist das für ein Gerede?“

Die Frage war an den Karawanenführer gerichtet, der bedächtig seinen weiß durchzogenen Bart kraulte. Er antwortete mit derselben Ruhe, mit der ein erfahrener Wüstenwanderer einen Fuß vor den anderen setzt:

„In Huloneim geht die Kunde, dass Tryllog einen neuen König hat – einen Kriegerkönig, der die Stadt eroberte und die Dynastie der Tryll-Inaranti stürzte. Er soll einen magischen Stein von unermesslicher Macht besitzen – mächtiger als der Zorant. Mit diesem Stein will er unser goldenes Zorantander unter seine Herrschaft bringen. Aber trotz dieses Steins braucht er ein großes Heer, um Zorantander zu besiegen. Deshalb plant er, zuerst alle Städte der Wüsten und Savannen zu erobern, die auf dem Weg von Tryllog nach Zorantander liegen – wenn notwendig, auch die Städte südlich und nördlich von Zorantander. Bis sein Heer eben groß genug ist. Die Männer aus den eroberten Städten müssen ihm die Treue schwören und mit ihm ziehen. Sie alle werden Zorantander stürmen, wenn dieser magische Stein die Macht des Zorant außer Kraft setzen sollte.“

„Nichts kann die Macht des Zorant außer Kraft setzen!“ tönte Girestuur. „Nichts, was außerhalb der Stadt liegt! Der Zorant schöpft seine Macht aus der Befolgung der fünf Tugenden! Solange Zorantander tugendhaft lebt, kann selbst das riesigste Heer mit der schwärzesten Magie uns nichts anhaben! Außerdem sind das alles nur Gerüchte, die irgendeiner Fata Morgana entsprungen sein mögen! Ein namenloser Kriegerkönig, der aus dem Nichts kam und eine über tausend Jahre alte Dynastie gestürzt haben soll! Zwischen Tryllog und Huloneim liegen dreißig Tagesreisen–“

„Zwanzig,“ brummte der Karawanenführer und erntete dafür einen strengen Blick des Zorantani, der sich indessen nicht weiter beirren ließ:

„–wenn die Route durch die Schwarzdünenwüste genommen wird. Und diese Reise kann nur während der beiden Taunachtmonate unternommen werden! Auf der anderen Route über die Wogopeischen Trichter dauert die Reise dreimal so lang. Keine Karawane nimmt den ganzen Weg auf sich, also wandern die Nachrichten von Karawane zu Karawane, von Oase zu Oase, von Mund zu Mund und werden dabei immer phantastischer! Das kennen wir alle!“

„Manche Karawanenleute schmücken in der Tat Nachrichten aus anderen Städten aus,“ bemerkte der Karawanenführer mit hochgerecktem Kinn. „Aber nur, solange es um Prinzenhochzeiten, um prachtvolle Bauwerke und um kostbare Handelswaren geht. Wenn es um Krieg und um Kämpfe geht, wird sich jeder Händler davor hüten, von der Wahrheit abzuweichen. Ein Karawanenführer muss wissen, welche Routen sicher sind und wo Gefahr droht. Jeder reisende Händler hat die Pflicht, andere Karawanenleute vor Unheil zu warnen. Auf Sand und Fels sind wir alle gleich – egal, wie hart wir in den Städten und in den Oasen um unsere Handelswaren feilschen.“

Girestuur fixierte den Mann mit anmaßender Skepsis. „Und deine Nachrichten stammen alle aus dem Mund anderer Karawanenleute, die selbst in Tryllog waren? Nichts davon hast du auf den Basaren von Huloneim aufgeschnappt, nachdem sich die ganze Stadt bereits tagelang das Maul darüber zerrissen hat?“

Der Karawanenführer begegnete den kalten Augen des Priesters standhaft, aber verdrießlich.

Das reichte Girestuur als Bestätigung: „Die Sorge der Karawanenleute um ihr Leben und um ihre Waren in Ehren – aber diese Schauermärchen um den mächtigen Kriegerkönig mit seinem magischen Stein brauchen wir nicht ernst zu nehmen. Das einzige, was wir ernst nehmen müssen, ist der Weg der Zorant. Die Befolgung der fünf Tugenden schützt uns vor jedem Übel, auch vor dem größten. Ein tugendhaftes Zorantander wird immer sicher sein!“

Während ihr Lehrmeister zu einer Predigt anhob, blieb Myans Blick an der unbewegten Miene des Karawanenführers hängen. Er betrachtete den Zorantani auf dieselbe Weise wie dunkle Wolken über dem Dünenhorizont, die einen Sandsturm ankündigten.


Die Adern im Fels von Zorantander reflektierten die letzten Strahlen der untergehenden Sonne rötlich-gold. Für einen Moment schien die Stadt zu glühen, obwohl die Hitze des Tages endlich gebrochen war. Bald würde die Wärme des Steins angenehm wirken anstatt ermattend. Myan streckte ihre Beine aus und lehnte sich gegen die Felswand. Sie war allein auf den Stiegen zur Geweihten Höhe zurückgeblieben, nachdem die Ordensleute ihr Abendgebet gesprochen hatten. Wie alle neuen Adepten musste sie sich fünf Wochen nach der Glutsonnenwende einem fünfzehntägigen Fasten unterziehen. Während dieser Zeit gab es ein kleines Frühstück, einen noch kargeren Mittagsbissen und kein Nachtmahl. An den vergangenen drei Abenden hatte Myans leerer Magen ihre Gedanken unweigerlich in den Speisesaal gelenkt. Heute tauschte sie die Enge an den Esstischen gerne gegen die Einsamkeit auf den Stiegen. Ihr Blick schweifte über die gelblichen Sanddünen der Östlichen Wüste und über die schmutziggrauen Böden der Harreischen Dornsavanne. Zwischen ihnen ragte der Felsen von Zorantander empor wie eine Festung. Das Massiv erhob sich so schroff aus dem Umland, dass eine natürliche, mindestens drei Mann hohe Mauer entstand. Erst darüber erlaubten einige sanftere Hänge die Errichtung von Häusern. Das einzige Baumaterial war der beige, goldgeäderte Stein, auf dem die ganze Stadt stand. Wohnhäuser, Basare, Karawansereien und Werkstätten drängten sich dicht an dicht, bis sie sich an die Wände jener großen Felsnadel schmiegten, die in der Mitte der Stadt aufragte – der Finger des Zorant, der Sitz der Zorantani. Um die natürliche Stadtfestung zog sich ein grüner Ring aus Palmhainen und Feldern. Sie wurden durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem mit Wasser aus dem riesigen See unter dem Felsmassiv versorgt. Keine andere Stadt der Wüsten und Savannen konnte so viele Menschen ernähren wie Zorantander. Keine andere Stadt war reicher und größer. Und trotz ihres Reichtums war keine andere Stadt sicherer. Zorantander blieb durch Jahrhunderte hindurch von den Kriegen unberührt, die so häufig zwischen den anderen Völkern der Wüsten und Savannen tobten. Der Zorant verlangte Frieden und schenkte Frieden. Doch nun war die Sicherheit trügerisch geworden. Inzwischen hatten mehrere Karawanen Nachrichten über einen Kriegerkönig in Tryllog gebracht, der über einen magischen Stein gebot. Alle behaupteten, dass der Kriegerkönig Zorantander erobern wollte, sobald er genügend andere Städte unter seine Herrschaft gebracht hätte. Manche Bewohner von Zorantander sprachen immer noch abfällig von einer Fata Morgana, von Basargeflüster und Schauermärchen, die sich ins Nichts auflösen würden. Wenn überhaupt etwas an den ganzen Gerüchten stimme, so meinten sie, dann der Sturz der Tryll-Inaranti. Der Rest der Geschichte klang nämlich so, als wäre sie von den entflohenen Sprösslingen dieser mächtigen Dynastie erfunden worden. Die Besiegten wollten ihren Untergang mit Lügen beschönigen und zum Mythos erheben. Andere Bürger Zorantanders spotteten über den Kriegerkönig und forderten ihn lauthals heraus, seinen Kriegszug zu beginnen. Sein Stein würde ebenso wie sein Heer an dem undurchdringlichen Schutzschild zerschellen, den der Zorant über die goldene Stadt legte. Wahrscheinlich wäre dieser Stein ohnehin ein ganz gewöhnlicher Kiesel. Doch unter all diesen lauten Tönen schlich sich Unsicherheit in die Straßen von Zorantander. Zaghaftere Naturen und weitgereiste Karawanenleute richteten besorgte Blicke auf die allgegenwärtigen Abbilder des Zorant. Würde die Magie der heiligen Steinschale gegen den magischen Stein des Kriegerkönigs ankommen? Lebten alle in Zorantander tugendhaft genug, um die volle Macht des Zorant zu erhalten? Hatte man in den langen Zeiten der Sicherheit zu sorglos gelebt und dadurch die Macht des Zorant geschwächt? Die Beunruhigten scharten sich dichter um die Zorantani, die jeden Tag in die Stadt hinunterstiegen, um den Weg des Zorant zu lehren und über die Einhaltung der fünf Tugenden zu wachen. Die Städter hatten mehr Fragen an die Priester und vertrauten ihnen größere Sorgen an. Sie sorgten sich besonders wegen der Unbekümmerten, die jede Gefahr leugneten, und wegen der Großmäuler, die den Kriegerkönig herausforderten. Die Zorantani taten ihr Bestes, um Zuversicht zu verbreiten. Aber selbst im Orden wurden die Mienen ernster. Allein Girestuur tat jederzeit seine Überzeugung kund, dass die Karawanen reine Hirngespinste verbreiteten. Myan hätte gerne an den Nachrichten der Karawanenleute gezweifelt, doch sie kannte deren Welt. Sie stammte aus einer Familie von reisenden Händlern und hatte einige Karawanenzüge ihres Onkels mitgemacht. Das Leben der Karawanenleute hing davon ab, jene Nachrichten aus dem Basargeschwätz zu filtern, die für eine sichere Reise bedeutsam waren. Wenn mehrere Karawanen von einem Kriegerkönig berichteten, dann gab es diesen Kriegerkönig. Wenn die reisenden Händler sagten, dass dieser König einen großen Kriegszug plante, dann stand dieser Kriegszug tatsächlich bevor. Und wenn dieser König sich sogar an Zorantander wagen wollte, musste er in der Tat eine besondere Waffe besitzen. Warum sollte es eine solche Waffen nicht geben? Der Zorant konnte unmöglich die magische Macht der gesamten Welt in sich bündeln. Wo es einen Zorant gab, musste es auch andere magische Heiligtümer geben. Ob diese anderen Heiligtümer mehr Macht besaßen als der Zorant, war eine völlig andere Frage. So wenig Myan an den Nachrichten der Karawanen zweifelte, so wenig vermochte sie sich von der Unbesiegbarkeit des Zorant zu überzeugen. Denn die Macht des Zorant hing von der Tugendhaftigkeit der Menschen in Zorantander ab – und diese Menschen zweifelten offenbar an der eigenen Tugendhaftigkeit und an der ihrer Nachbarn. Das war ein Zeichen dafür, dass sie sich schutzlos fühlten. Und das Gefühl der Schutzlosigkeit kannte Myan allzu gut. Es war der ständige Begleiter der Tugendlosen. Zweifelten die Menschen also zu Recht?

„Hier.“

Myan fuhr unter dem plötzlichen Klang von Quints Stimme zusammen. Erst nach einer Atempause streckte sie die Hand nach dem Tonbecher aus, den ihr Adeptenbruder ihr entgegenhielt.

„Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Auf Quints Entschuldigung folgte sofort ein breites Lächeln. „Ich dachte, dass deine Sinne vom Fasten schon so geschärft sein müssten, dass du selbst einen Wüstenschleicher kommen hören würdest – oder wie nennt ihr in Zorantander dieses schwarze Raubtier doch gleich? Siskond?“

„Ja, Siskond.“ Myan nippte an dem kalten Uspektee, den Quint ihr gebracht hatte. Sie ärgerte sich darüber, so heftig zusammengezuckt zu sein, weil Quints Stimme sie mehr aufgewühlt hatte als sein unerwartetes Auftauchen. „Ich war einfach in Gedanken versunken.“

Nun grinste Quint. „Richtig – das Fasten soll ja bei der Versenkung in die Welt der fünf Tugenden genauso gut helfen wie bei der Schärfung von Augen, Ohren und Nase.“ Sein Magen gab ein lautes Knurren von sich. Quint verzog das Gesicht. „Solche Geräusche könnten freilich bei der Versenkung ein wenig stören. Aber glücklicherweise haben unsere Lehrmeister versprochen, dass unsere Mägen bald verstummen werden, um all unsere Sinne für größere Wunder zu öffnen.“

Myan wünschte plötzlich, dass ihre Ohren schon jetzt schärfer wären. Dann hätte sie mit Sicherheit sagen können, ob die Unbekümmertheit ihres Adeptenbruders diesmal an der Grenze der Tugendhaftigkeit kratzte oder nicht. Quint ließ sich auf der Stiege oberhalb seiner Adeptenschwester nieder und blickte in die Savanne hinaus. Auf seiner Miene stand die übliche Gelassenheit. Nichts deutete darauf hin, dass er sich innerlich gegen die Fastenprüfung auflehnte. Mit lautlosem Seufzen wandte Myan sich wieder ihrem Teebecher zu. Wahrscheinlich machte ihr Hunger sie überempfindlich. Schon Girestuur war heute noch schwerer zu ertragen gewesen als sonst. Dabei hatte er diesmal nicht auf der Straße gelehrt, sondern nur den Segen der fünf Tugenden über ein neugeborenes Mädchen gesprochen. Vier Worte in seiner metallisch kühlen Zeremonienstimme waren genug gewesen, um den Säugling zum Brüllen zu bringen.

„Warst du heute mit Kedjanky auf der Straße?“ fragte Myan ihren Adeptenbruder, um Girestuur aus ihren Gedanken zu verdrängen. Als Quint nickte, setzte sie nach: „Haben die Leute sich immer noch so um euch gedrängt, oder beruhigen sie sich langsam wieder?“

„Wir waren zumindest nicht mehr in Gefahr, erdrückt zu werden. Aber die Städter, die sich heute um Kedjanky scharten, waren noch hysterischer als vor einigen Tagen. Oder vielleicht suchen nur mehr diejenigen täglich den Beistand der Zorantani, die am hysterischsten sind... Die meisten von ihnen klagten jedenfalls über die fehlende Tugendhaftigkeit ihrer Nachbarn und flehten Kedjanky an, die Übeltäter mit strengen Worten an den Weg des Zorant zu erinnern.“

Myan betrachtete Quint von der Seite. Die Nachrichten aus Tryllog hatten seine Sorglosigkeit nicht im Geringsten getrübt. Der größere Eifer, der hin und wieder hervorblitzte, kam wohl vom neuen Adeptentum und hatte nichts mit dem Kriegerkönig zu tun. Wer schon als Novize so sicher auf dem Weg des Zorant gewandelt war wie Quint musste es als Bereicherung empfinden, nicht nur zu lernen, sondern auch die ersten Schritte zum Lehrmeister zu tun. Gerade funkelten seine Augen wieder besonders lebhaft auf:

„Drei Städter baten Kedjanky, dass die Priester den Zorant aus seinem Versteck holen und durch die Straßen tragen mögen. Der Anblick würde ihnen Vertrauen in die Macht des Zorant geben und alle Tugendlosen an ihre heilige Pflicht erinnern.“

In Myans Magen erwachte ein unangenehmes Kribbeln, das nicht vom Hunger kam. „Was hat Kedjanky geantwortet?“

„Dass die Stadtbewohner auf die Zorantani vertrauen sollen, die stets über die Einhaltung der fünf Tugenden wachen. Dass jeder, der einen Zorantani sieht, gleichzeitig den Zorant sieht. Und dass jeder, der ganz im Einklang mit den fünf Tugenden lebt, die Macht des Zorant in sich fühlen kann, ohne ihn sehen zu müssen.“

„Hat sie die Leute überzeugen können?“ Myan erschrak über ihren rauen Ton. Er klang, als zweifle sie an Kedjanky – an einer geweihten Priesterin und Lehrmeisterin! In Wahrheit fürchtete sie, dass die Zweifel der Städter bereits zu tief gingen, um sich von diesen Worten besänftigen zu lassen. Myan fand selbst keinen Trost in Kedjankys Versicherungen, weil sie die Macht des Zorant noch nie gefühlt hatte.

Quint schnaubte ein leises Lachen durch die Nase. Seine Antwort bewies Myan, dass er sie richtig verstanden hatte: „Es gelang Kedjanky tatsächlich, die aufgescheuchten Glinks zu beruhigen, aber sie hat viel mehr Worte dafür gebraucht. Ich habe nur die Kurzfassung geliefert.“ Nach einer Weile setzte er mit einem ungewöhnlich ernsten Stirnrunzeln fort: „Was hätte Kedjanky auch sonst tun sollen? Worte werden noch lange reichen müssen. Wenn manche Stadtbewohner jetzt schon so aufgelöst und ängstlich sind – kannst du dir dann vorstellen, was beim Anblick eines feindlichen Heers hier in Zorantander los sein wird? Für die Kuv-Viandri ist ein Angriff nichts Besonderes, sie sind immer darauf gefasst. Aber hier... Kein Wunder, dass der Zorant erst bei der allergrößten Gefahr aus seinem Versteck geholt wird. Nur eine sehr machtvolle Zeremonie wird die Ordnung in der Stadt bewahren können, wenn Zorantander angegriffen wird.“

Quint ließ seinen Blick über den dämmrigen Horizont schweifen, als könnte er die Vorboten des feindlichen Heers bereits sehen. Seine Gelassenheit schien immer noch unerschüttert, aber darunter lag etwas anderes als der vertraute Frohmut. Etwas Härteres. Erst als sie ihre eigenen Worte hörte, begriff Myan, was sie aus seiner Haltung las:

„Bist du so sicher, dass dieser Kriegerkönig Zorantander angreifen wird?“

„Ich halte einen Angriff für mehr als wahrscheinlich,“ erwiderte Quint trocken. „Der Name Zorantander steht unter den Völkern der Wüsten und Savannen für eine uneinnehmbare Festung. Jeder, der große Worte gegen Zorantander spuckt, macht sich lächerlich. Wer trotzdem davon spricht, die Stadt erobern zu wollen, muss es wirklich ernst meinen. Deshalb bin ich sicher, dass der König von Tryllog einen Kriegszug auf Zorantander vorbereitet. Und solange nicht eine der anderen Städte ihn schlägt – was unwahrscheinlich ist, nachdem er Tryllog einnehmen konnte – wird er irgendwann mit einem riesigen Heer vor Zorantander stehen.“

„Und wird er Zorantander auch erobern?“ fauchte Myan. Quints Gewissheit verstörte sie so tief, dass die Tugenden des Friedens und der Mäßigkeit überrannt wurden.

„Nicht unbedingt.“ Quint hob die Schultern. „Das werden wir dann sehen.“

„Das werden wir dann sehen?“ Myan schrie beinahe. „Du sagst das so, als ginge es nicht um Krieg, sondern um eine gemütliche Partie Oasenkönig! Es geht um Zorantander, die einzige Stadt der Wüsten und Savannen, in der Tugendhaftigkeit das oberste Gebot ist! Die einzige Stadt, die Frieden und Sicherheit kennt! Die Stadt, in der Magie und Tugendhaftigkeit eins sind! Kannst du dir vorstellen, welch grässliche Kräfte ein Stein entfesseln muss, um mächtiger zu sein als der Zorant? Willst du diese Mächte wirklich über die Wüsten und Savannen hereinbrechen sehen?“ Sie hielt für einen Moment inne, als sie begriff, was sie wirklich so tief traf. Viel leiser sprach sie weiter: „Du zweifelst daran, dass die Tugendhaftigkeit der Menschen in Zorantander groß genug ist, um den magischen Stein des Kriegerkönigs abzuwehren. Du glaubst, dass sie die Macht des Zorant zu sehr schwächen.“

Wenn sogar Quint um die Macht des Schutzschilds fürchtete, stand es wirklich schlimm um Zorantander. Ein Schauer lief über Myans Rücken. Das Gefühl der Schutzlosigkeit lastete noch stärker auf ihr als zuvor.

„Nein, das habe ich nicht gemeint,“ sagte Quint nach einer Pause. Seine Stimme klang sanft und ein wenig bekümmert. „Aber wir wissen eben nicht, was dieser Kriegerkönig mit sich herumträgt. Vielleicht würde nicht einmal die vollkommenste Tugendhaftigkeit aller Menschen in Zorantander ausreichen, um diesen magischen Stein zu besiegen. Genauso gut könnte es sein, dass der Kriegerkönig nur glaubt, einen magischen Stein in seinen Händen zu halten.“

Sofort floss Myans Atem freier. Sie hätte klüger sein müssen, als Quints Vertrauen in den Zorant und in die Menschen Zorantanders in Frage zu stellen. Seine unverbrüchliche Ruhe und Sicherheit konnten aus keiner anderen Quelle kommen.

„Die Menschen lassen sich leicht täuschen,“ fuhr Quint fort. „Dieser Kriegerkönig ließ sich vielleicht täuschen und hütet einen gewöhnlichen Felsbrocken als seinen größten Schatz. Und viele Menschen werden einen hohen Preis dafür bezahlen.“

Die letzten Worte wurden von einem tiefen Seufzen getragen. Myan fühlte sich ihrem Adeptenbruder wieder nahe. Zu nahe. Sie ertappte sich gerade noch rechtzeitig dabei, wie sie ihren Kopf gegen seine Schulter lehnen wollte. Manchmal schien Quint die Kraft eines Magneten auf sie auszuüben. Besonders schlimm war es, wenn ihr sein Geruch in die Nase stieg – der Hauch einer fremden, verlockenden Gewürzmischung. Quint würde in ihrem Kopf an seiner Schulter nichts anderes sehen als ein Zeichen der geschwisterlichen Verbundenheit eines Adeptenpaars. Er stand zu fest auf dem Weg des Zorant, um etwas anderes zu denken. Aber sie ließ sich eben nicht von geschwisterlichen Gefühlen leiten. Sie setzte die Tugend der Reinheit aufs Spiel. Auf diese Weise würde sie nie auf den Weg des Zorant finden. Myan riss sich los und stand auf.

„Ich werde noch einige Gebete sprechen, bevor die Priester zur nächtlichen Versenkung in die fünf Tugenden rufen.“

Zu Myans Erleichterung blieb Quint zurück und blickte gedankenverloren auf die Stadt hinunter, die nun im Schein von Fackeln und Öllampen glänzte.