Der Zorant


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I

Zähneknirschend betrachtete Myan den schwarzen Streifen Stoff mit den dunkelrot eingestickten Emblemen. Ihre Finger krampften sich um die Enden des Stirnbands. Heute würde sie es zum letzten Mal umbinden. Es musste das letzte Mal sein. Sie hatte im Kampf um Treue, Friede, Reinheit, Gleichheit und Mäßigkeit alles gegeben. Die Ruhe und Sicherheit der wahrlich Tugendhaften warteten auf sie – wenn es ihr gelang, den Rhythmus zu finden. Myan nahm einige tiefe Atemzüge. Sobald ihr Herz sich beruhigte, zählte sie seine Schläge. Jeder Atemzug dauerte zehn Herzschläge lang und wurde von fünf Lidschlägen begleitet. Mechanisch verknotete Myan die Enden des Stirnbands in ihrem Nacken. Sie erhob sich von der Bettstatt und nahm im Rhythmus ihrer Herzschläge die drei Schritte bis zur Tür ihrer Kammer.

Im Vorraum lehnte Quint an der Wand, ein Abbild heiterer Gelassenheit. Kein einziges Mal hatte Myan ihren Novizenbruder unsicher oder aufgeregt erlebt, nicht einmal bei ihrer ersten Begegnung vor einem Jahr. Dabei waren damals, während der Aufnahmezeremonie in den Orden, aller Augen auf ihn gerichtet gewesen. Mit seiner hellen Haut und dem blauschwarzen Haar stach der Kuv-Viandri immer noch unter den anderen Novizen hervor wie ein Flecken Grün in der Wüste. Doch inzwischen fragte niemand mehr, ob der Fremde den Dienst am Zorant leisten könnte. Quint stach nämlich ebenso durch die vollkommene Beherrschung der fünf Tugenden hervor. Er tänzelte den Weg des Zorant geradezu entlang, in tiefer Ruhe und Sorglosigkeit. Myan fand, dass Quint mehr in den Orden gehörte als alle anderen Novizen, Adepten und Priester. Nach ihrer Verschwisterung zu einem Novizenpaar hatte sie ihm nichts beibringen können, obwohl sie in der Stadt des Zorant aufgewachsen war und er von der fernen Quaorbat stammte. Sogar seine Haut zeigte denselben beigen Ton wie der Fels, auf dem die Stadt ruhte. Die Gesichter der Einwohner Zorantanders hoben sich dagegen deutlich vom Stein ihrer Heimatstadt ab, rotbraun unter schwarzbraunem Haar. Quint war Myans Leitstern auf ihrem Weg zur Tugendhaftigkeit. Und ihr größtes Hindernis.

„Guten Morgen, meine liebe und werte Schwester.“ Quint deutete scherzhaft eine Verbeugung an. „Möge deine letzte Nachtruhe als Novizin eine gute gewesen sein. Es beruhigt mich zu sehen, dass du dich tatsächlich zur Ruhe gelegt hattest.“

Mit einem lebhaften Funkeln in den graublauen Augen pflückte er eine Daunenfeder aus Myans kurzgeschorenem Haar und hielt sie ihr unter die Nase. Myan fuhr unter der flüchtigen Berührung zusammen und fühlte ihr Herz schneller schlagen. An anderen Tagen war sie einfach froh darüber, dass ihre Hautfarbe ihren Kampf mit der Tugend der Reinheit verbarg. Wenn sie wie eine Kuv-Viandri erröten könnte, hätte Quint schon längst schockiert festgestellt, was seine geschwisterliche Freundlichkeit in ihr auslöste. Doch heute stand mehr auf dem Spiel als dieses eine, sorgfältig gehütete Geheimnis. Sie musste schleunigst den Rhythmus wiederfinden.

Quint blies die Daunenfeder fort und setzte in seinem leichten Tonfall nach: „Oder sollte ich mich von einer Daune aus deinem Kopfpolster besser nicht in die Irre führen lassen? Immerhin könntest du ja auch die ganze Nacht wach gelegen sein, um tausendmal die einzelnen Zeilen des Zorantodion durchzugehen.“

„Natürlich habe ich mich auch während der letzten Stunden auf die Beschwörung der fünf Tugenden vorbereitet,“ fuhr Myan auf. Ihr Kopf war tatsächlich nicht unter süßen Träumen im Kopfkissen versunken. „Es sollte doch meine letzte Nacht als Novizin sein – unsere letzte Nacht als Novizen.“ Noch während sie sprach, begann Myan wieder, ihre Atemzüge und Herzschläge zu zählen.

Quint schüttelte den Kopf. „Du konntest alle Zeilen des Zorantodion auswendig und im richtigen Rhythmus, bevor wir anderen Novizen die ersten zwei Zeilen gemeistert hatten. Niemand arbeitet so hart wie du. Wie kannst du nur daran zweifeln, heute zur Adeptin erhoben zu werden? Außer, du zweifelst an mir. Dann hilft es dir aber nicht im Geringsten, wenn du nächtelang übst.“ Nun grinste er.

Myan winkte gequält ab. Natürlich würde ihr glänzender Novizenbruder das Zorantodion makellos sprechen. Er hatte sich Zeit gelassen, bevor er die einzelnen Zeilen vorzutragen wagte, doch dann waren sie sofort musterhaft geraten.

„Quint, bitte! Ich muss mich konzentrieren! Ich finde den Rhythmus nicht!“

Myan schloss ihre Augen und hob die geballten Fäuste zu den Schläfen. Angestrengt lauschte sie ihrem Herzschlag. Das Pochen war völlig unregelmäßig und viel zu schnell. Ihr Atem ging flach und stoßweise. Sie zwang mehr Luft in ihre Lungen. Plötzlich fühlte Myan, wie Quints angenehm kühle Finger sich um ihre Hände schlossen und sie von ihren Schläfen lösten.

„Jetzt mach dich doch nicht fertig,“ hörte sie ihn sagen. „Spätestens nach dem Morgengesang hast du den Rhythmus gefunden. Und wenn nicht – was soll’s. Dann bleiben wir eben noch ein weiteres Jahr Novizen. Aegin und Rutilja haben schon das dritte Novizenjahr hinter sich, und ich bin mir nicht sicher, ob sie das Zorantodion heute meistern werden.“

„Ja – Rutilja könnte in der Tat nochmals scheitern,“ gab Myan heftig zurück. „Und Aegin ist inzwischen so verärgert, dass er sich schon viermal einem Reinigungsfasten unterziehen musste. Rutilja hält ihn zurück! Manche werden nach drei Jahren schon zu Zorantani geweiht...“

Quint hob die Schultern. „Novize, Adept, Zorantani – Leben im Orden ist Leben im Orden. Wenn Aegin glaubt, dass er dem Zorant nur als geweihter Priester dienen kann, ist das sein Problem. Er ist jung. Selbst wenn er wegen Rutilja noch drei weitere Jahre Novize bleiben sollte, wird er immer noch jahrzehntelang als Zorantani leben können.“

„Die Novizen und Adepten dienen aber nicht nur dem Zorant, sondern auch den Zorantani.“ Myan rückte ihr Stirnband zurecht, während sie um einen ruhigen Ton rang. „Außerdem sind nur die Zorantani wahrhaft Erleuchtete. Jeder will bei seinem Eintritt in den Orden so rasch wie möglich zum Zorantani aufsteigen. Und gerade du wärest jetzt schon der Weihe zum Priester würdig! Du sagst das alles nur, um mich zu beruhigen!“

Erneut erschien ein unbekümmertes Grinsen auf Quints Gesicht. „Natürlich, was sonst? Mich selbst muss ich ja nicht beruhigen. Ich bin sicher, dass du das Zorantodion heute meistern wirst und dass wir zu Adepten erhoben werden – das heißt, wenn wir uns jetzt endlich auf den Weg machen. Andernfalls könnten wir zu spät zum Morgengesang kommen. Dann würde uns auf jeden Fall ein weiteres Jahr als Novizen winken, ganz ohne die Prüfung durch die Beschwörungszeremonie.“

Quint schob seine Hände in die weiten Ärmel seines Gewandes und verließ den Vorraum. Myan folgte ihm durch den düsteren Gang, hinaus in die Morgendämmerung. Wie immer verspürte sie das Bedürfnis, sich unter den Türstöcken zu ducken. Nicht einmal ihre Gestalt schien sich in die altertümlichen Ordenshäuser fügen zu wollen. Mit einem Seufzen rief Myan sich zum unzähligen Mal ins Gedächtnis, dass einige Zorantani sie überragten. Quint war ebenso so groß wie sie, und er schritt ihr in kerzengerader Haltung voraus. Also konnten es nicht die Gebäude sein, die sie niederdrückten. Draußen schlossen Myan und Quint sich den anderen Novizen, Adepten und Zorantani an, die in gemessenem Schritt zur Geweihten Höhe hinaufstiegen – eine Prozession von Ordenspaaren in losen, weißen Gewändern. Die lange Treppe im beigen, goldgeäderten Fels brachte die Regelmäßigkeit in Myans Herzschläge und Atemzüge zurück. Als Myan die letzten Stiegen erklomm und sich ganz Zorantander vor ihren Augen ausbreitete, kehrte jenes hoffnungsvolle Gefühl zurück, das sie an ihrem ersten Morgen auf der Geweihten Höhe empfunden hatte. Sie stand hier mit dem Stirnband einer Novizin des Zorant. Ein ganzes Jahr im Dienst des Ordens lag hinter ihr. Sie hatte sich durchgekämpft, trotz der schweren Last, die sie vom Weg des Zorant fernzuhalten drohte. Niemand konnte mehr sagen, dass alle Hoffnung für sie verloren sei und dass sie gar nicht hier sein dürfte. Der Zorant mochte ihr die härteste Buße abfordern, aber selbst ihr war es möglich, seinen Schutz zu erringen. Wenn sie heute die Beschwörung der fünf Tugenden meisterte, würde sie endlich die Ruhe und Sicherheit der Tugendhaften kennenlernen. Dann lägen Angst und Kampf hinter ihr. Dann wäre sie keine Tochter der Sünde mehr, sondern eine wahre Tochter Zorantanders. Eine Tochter der Stadt auf dem goldgeäderten Fels. Eine Tochter der Stadt des Friedens, der Händler, der Künstler, der Weisen und rechtschaffenen Wohlhabenden. Eine Tochter der Stadt der fünf Tugenden. Eine Tochter der Stadt des Zorant.

Feierlichkeit umfing die Ordensleute, während die Novizen sich in einem Halbkreis vor dem Hohen Paar sammelten. Die Zorantani bildeten einen größeren Bogen um sie, und die Adeptenpaare nahmen am äußersten Rand Aufstellung. Für gewöhnlich gab es beim Morgengesang auf der Geweihten Höhe keine festgelegte Ordnung. Meist standen die Paare der Zorantani, Adepten und Novizen gemischt in einem losen Halbkreis. Nur an besonderen Tagen wie heute flossen die Ordensleute in bestimmte Formationen. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die über die Sanddünen der Östlichen Wüste strichen, stimmte das Hohe Paar den Morgengesang der Zorantani an. Wie aus einer Kehle fielen die versammelten Ordenspaare ein:

Wir leben die Treue, steh’n fest auf dem Stein,
wie Feuerkristall voll von bläulichem Schein.
Wer losbricht vom Fels in blindem Wahn
wird brennen weitab von des Zorant Bahn.

Wir leben den Frieden, wir bauen die Wand,
dem Tingantbaum gleich an der Wüstenei Rand.
Wer Kampflust verfolgt in blindem Wahn,
verkohlt ungeschützt fern des Zorant Bahn.

Wir leben die Reinheit, das tiefe Gefühl
verschwisterter Bindung, besänftigend kühl.
Wer Leidenschaft anfacht, blind vor Wahn
verzehrt sich in Trennung von Zorants Bahn.

Wir leben die Gleichheit, das älteste Recht,
wie ausgleichend reißendes Quellengeflecht.
Wer Macht an sich reißt in blindem Wahn,
zersetzt jede Brücke zu Zorants Bahn.

Wir leben in Maßen, wir sieben den Sand,
nur nötiger Stoff bleibt in unserer Hand.
Wer Masse heranrafft, blind vor Wahn,
hat längst schon verlassen des Zorant Bahn.

Wir leben in Tugend, wir suchen das Licht,
den fünf hohen Werten gilt unsere Pflicht.
Wir folgen ergeben dem heiligen Plan
und schützen die Stadt auf des Zorant Bahn.

Myan schloss die Augen, als die letzten Töne verklangen. Sie wollte die Ruhe und das Gleichmaß des Gesangs festhalten. Wenn sie ihr Herz jetzt davon abhalten konnte, schneller zu schlagen, würde sie den Rhythmus des Zorantodion finden. Um sie herum breitete sich erwartungsvolles Schweigen aus. Nur direkt neben ihr summte eine kaum hörbare Stimme selbstvergessen die Melodie des Morgengesangs weiter. An einem anderen Tag hätte Myan Quint einen Stoß mit ihrem Ellbogen versetzt. Heute war sie beinahe dankbar dafür, dass sie sich an dem getragenen Ton festhalten konnte. Ihren Anflug von schlechtem Gewissen, weil sie dem Hohen Paar nicht in voller Treue lauschte, schob sie rasch von sich.

„In fünf Tagen wird die Sonne zu Mittag im Zenit stehen,“ ergriff Lurethe, die Höchste der Zorantani, das Wort. „Vor genau einem Jahr wurden neue Novizen aufgenommen und zu Paaren verschwistert. Gemeinsam mit den älteren Novizenpaaren lernten sie, den Pfad des Zorant in seiner ganzen Wahrhaftigkeit zu erkennen und ihm auf einer höheren Ebene zu folgen als zuvor.“

„Jeder Bewohner von Zorantander unterliegt der Pflicht, dem Pfad der fünf Tugenden zu folgen,“ nahm der Höchste der Zorantani die Rede auf. Jivirokans Stimme lieferte den gleichförmig schwingenden Bass zu Lurethes trillernden Tönen. „Denn die Einhaltung der fünf Tugenden gibt dem Zorant seine Macht, die er als undurchdringlicher Schutzschild über Zorantander entfaltet.“

„Doch nicht alle Bewohner von Zorantander leben so tugendhaft wie der Zorant es verlangt.“ In zürnender Geste umfasste Lurethe die Stadt, die sich am Fuß der Felsnadel ausbreitete. „Einige verstehen es nicht besser, andere sündigen mit offenen Augen. Damit schwächen sie ihren eigenen Schutz, und damit schwächen sie den Schutz aller. Wir Zorantani wachen über die Einhaltung der fünf Tugenden. Es ist unsere Pflicht, sie zu lehren und sie in ihrer höchsten Reinheit zu leben.“

„Indem wir die fünf Tugenden in ihrer höchsten Reinheit leben, werden wir zu Gefäßen der fünf Tugenden. Dadurch ist es uns gegeben, manchen Fehltritt der weniger Tugendhaften auszugleichen. Denn als Gefäße der fünf Tugenden vermögen wir die fünf Tugenden zu beschwören, damit ihre volle Kraft in den Zorant fließt, um seine Macht zu bewahren und zu steigern.“ Jivirokan dämpfte seinen Ton immer stärker, als vertraue er den versammelten Ordensleuten die tiefsten Geheimnisse an. In Wahrheit wiederholte er die vertrautesten Lehren.

Lurethe hingegen hob ihre Stimme stärker: „Die Beschwörung der fünf Tugenden erhöht nicht nur die Macht des Zorant. Das Zorantodion ist außerdem der Schlüssel zur Macht des Zorant.“

„Das Zorantodion ist der Schlüssel zur Erleuchtung,“ setzte Jivirokan fort. „Doch es entfaltet seine heilbringende Kraft nur, wenn es unter der vollkommenen Herrschaft jener fünf Tugenden gesprochen wird, die es beschwört.“

Das Hohe Paar fiel in einen wohlbekannten Chor. Ohne es zu wissen, formte Myan die Laute stumm mit ihren Lippen nach:

„Treu dem Wort
Friede im Herzen
Reinheit der Gedanken
Gleichmaß der Silben
Mäßigkeit des Tempos.“

Nach einer Pause sprach die Höchste Zorantani wieder allein: „Wer die Beschwörung der fünf Tugenden zu langsam, zu schnell, oder im falschen Rhythmus spricht, weicht vom Weg des Zorant ab. Wer vom Pfad des Zorant abweicht, schwächt seinen eigenen Schutz und den Schutz aller.“

Jivirokan nickte bedeutsam. „Das Zorantodion ist mächtig, und ebenso machtvoll ist die schädliche Wirkung der Beschwörung, wenn sie falsch gesprochen wird. Deshalb dürfen nur Berufene das Zorantodion sprechen. Deshalb darf ein Novize immer nur einzelne Zeilen sprechen, wenn er die Beschwörung lernt, aber nie das ganze Zorantodion.“

Mit feierlicher Miene blickte Lurethe in die Runde. „Novizen, die Beschwörung der fünf Tugenden ist eure erste Prüfung. Nur wenn ihr euch völlig unter die Herrschaft der fünf Tugenden begeben habt, vermöchtet ihr sie auch zu beschwören.“

„Wenn ihr besteht,“ dröhnte Jivirokan, „steigt ihr zu Adepten auf, und die Zeit eurer Bewährung beginnt. Die Tugenden, die ihr beschworen habt, werden euch weiterhin prüfen. Ihr müsst sie auch künftig meistern, um Erleuchtung zu erlangen und euch der Weihe zu Zorantani würdig zu erweisen.“

Auf einen Wink der beiden Höchsten schlossen die Zorantani einen engen Kreis um die Novizenpaare. Die Priester nahmen ihre Stirnbänder ab, spannten sie vor sich und ergriffen die Hände ihrer jeweiligen Nachbarn. Die dunkelroten, mit den Symbolen der fünf Tugenden bestickten Stoffbänder umgaben die Novizen nun wie ein Ring. Er würde die schädliche Wirkung einer falsch gesprochenen Beschwörung bannen. Tiefes Schweigen senkte sich über die Geweihte Höhe. Lurethe und Jivirokan traten auseinander, sodass zwischen ihnen genügend Raum für ein Novizenpaar entstand.

„Myaniti und Quintolaon,“ sagten sie im Chor.

Myan hielt beinahe die Luft an, doch sie besann sich rechtzeitig auf den Rhythmus ihrer Herzschläge und ihrer Atemzüge. Als Erste zur Prüfung gerufen zu werden war eine große Auszeichnung. Trotz ihres glänzenden Novizenbruders hatte sie nicht einmal von dieser Ehre geträumt. Nun mussten sie zwar als Erste in den heiligen Rhythmus des Zorantodion finden, aber kein anderes Novizenpaar konnte ein falsches Maß in ihre Ohren pflanzen. Myan suchte Quints Blick. Nach kurzer, stummer Verständigung schritten sie Seite an Seite in die Mitte zwischen das Hohe Paar. Lurethe legte ihre rechte Hand auf Myans Kopf, wobei sie sich ein wenig strecken musste. Jivirokan platzierte seine linke Hand auf Quints kurzgeschorenem Haar.

„Sprecht die heiligen Worte des Zorantodion,“ zitierte das Hohe Paar die traditionelle Formel. „Sprecht sie gut und wahr. Sprecht sie unter der Herrschaft der fünf Tugenden, die ihr beschwört:

Treu dem Wort
Friede im Herzen
Reinheit der Gedanken
Gleichmaß der Silben
Mäßigkeit des Tempos.“

Einer von Lurethes Fingern tappte sanft und gleichmäßig auf Myans Kopf. Viermal. Beim vierten Mal waren Myans Lungen voller Luft. Sie öffnete die Lippen im selben Moment, in dem Lurethes Finger nach dem fünften Tappen still lag:

„Flyndráng júrien pólaígrin
yóbindrár héleriz wosuonibeiréz kaletchiú-bend rómeiv
fol ánsekiróntiu móchbloa káletchiort-pend rif
holeírón grest
ágouversta ágouverstua ágouvezton
churoú-wárleont quirírzeund tachblíuv enéirmand krin
aalienár lonk.“

Myan balancierte an dem komplizierten Rhythmus des Zorantodion entlang wie ein Tänzer, der die zahllosen Gefahren auf seinem schmalen Grat nur deshalb zu meistern wusste, weil er sie unzählige Male studiert hatte. Kein einziges Mal schwankte sie in falschem Zögern oder in trügerischer Hast. Selbst in ihrer tiefen Konzentration nahm sie die scheinbar mühelose Eleganz ihrer Worte wahr. Die vielgeübten Einzelzeilen des Zorantodion verbanden sich zu jener Formel, die von den Zorantani so sorgfältig gepflegt und gewahrt wurde. Nie erklang ein Misston im Chor mit Quint. Dennoch fiel Myan ins Leere. Keine Kraft wallte in ihr auf, um sie mit der Ruhe und Sicherheit der Tugendhaften zu erfüllen. Die fünf Tugenden wurden nicht in ihr lebendig, um sie mit der Macht des Zorant zu verbinden. Selbst der dümmste Kinderreim hätte mehr Gefühle in ihr geweckt als das Zorantodion es soeben tat. Myan hörte die letzte Silbe in dem Wissen verklingen, dass sie gescheitert war. Der Zorant hatte sie zurückgewiesen. Ihr Kampf war nicht zu Ende. Sofort erstickte Myan den Schmerz, der in ihr aufsteigen wollte, zu einem dumpfen Rumoren. Während der Beschwörungszeremonie auf der Geweihten Höhe durfte sie auf keinen Fall ihre Haltung verlieren – egal wie niederschmetternd die Prüfung verlaufen war.

„Kniet!“ forderte das Hohe Paar die beiden Novizen auf.

Myan folgte dem zeremoniellen Befehl und faltete pflichtgemäß ihre Hände über der Nase. Sie wartete auf die Worte des Bußgebets, die Lurethe und Jivirokan sprechen mussten, wenn ein Novizenpaar am Zorantodion gescheitert war. Als die Höchste Zorantani ihr stattdessen das schwarze Novizen-Stirnband vom Kopf zog, hielt Myan es beinahe fest, weil sie an einen Fehler glaubte.

„Ihr habt die heiligen Worte des Zorantodion gesprochen,“ deklamierte das Hohe Paar. „Ihr habt sie gut und wahr gesprochen. Ihr habt sie unter der Herrschaft der fünf Tugenden gesprochen und die fünf Tugenden beschworen. Die Zeit der Prüfung durch die fünf Tugenden beginnt. Setzt eure Schritte fest auf dem Weg des Zorant.“

„Treue. Friede. Reinheit. Gleichheit. Mäßigkeit,“ hörte Myan sich wie durch einen Nebel hindurch antworten.

Mechanisch stand sie auf, sobald Quint sich neben ihr bewegte. Das Hohe Paar trat beiseite, der Ring der Zorantani öffnete sich auf der Ostseite. Von der Sonne geblendet schritt das neue Adeptenpaar in den losen Kreis der übrigen Adepten. Myan steckte ihre Hände in die Ärmel und senkte den Kopf. Die weitere Beschwörungszeremonie zog schemenhaft an ihr vorüber.


„Eigentlich dachte ich, dass du erleichtert und glücklich sein würdest, nachdem du das Zorantodion gemeistert hast.“

Quint stützte sein Kinn in die Hand und sah Myan über den Tisch hinweg an. Mit dem Stirnband der Adepten – dunkelrot bis auf die schwarz eingestickten Symbole der fünf Tugenden und die breiten schwarzen Enden – bot er einen ungewohnten Anblick. Seine Unbekümmertheit war jedoch ungebrochen.

„Ich werde glücklich und erleichtert sein, wenn ich nicht mehr so erschöpft bin,“ fauchte Myan zurück. Im nächsten Moment verfluchte sie ihre schnelle Zunge. Mit einer Lüge verstieß sie gleich gegen zwei Tugenden. Gegen die Treue und gegen die Reinheit. Außerdem war ihr Ton alles andere als friedlich gewesen. Myan rückte ihr neues Stirnband zurecht, um ihr Gesicht verdecken zu können. Wie sollte sie jemals zugeben, dass die Worte des Zorantodion nicht den winzigsten Funken Kraft in ihr geschlagen hatten? Dass sie sich immer noch genauso schutzlos fühlte wie in ihrem ganzen bisherigen Leben? Wenn sie das zugab, würde sie den Orden verlassen müssen. Denn dann wüssten alle, was sie in Wahrheit war: Eine brillante Schauspielerin. Niemand außer einer brillanten Schauspielerin hätte das Hohe Paar darüber hinwegtäuschen können, dass ihre Beschwörung der fünf Tugenden keineswegs ein Zeugnis für die Beherrschung der fünf Tugenden gewesen war. Offenbar hatte sie in ihrem verzweifelten Ringen nach dem Pfad des Zorant nichts erreicht außer den Anschein von Tugendhaftigkeit. Ihre Erhebung zur Adeptin war ein Fehler. Wahrscheinlich hätte sie nicht einmal als Novizin aufgenommen werden dürfen. Sie musste schon vor einem Jahr eine brillante Schauspielerin gewesen sein, ohne es selbst zu wissen. Das allein erklärte, warum die Zorantani ihren unablässigen Kampf mit den fünf Tugenden nie zu bemerken schienen. Aber den Zorant konnte sie nicht täuschen. Er verweigerte ihr seinen Schutz. Und nun durfte sie nicht einmal mehr darauf zählen, dass die Priester ihre Fehler sahen und ihr die notwendige Buße auferlegen würden. Hatte Onkel Filo doch Recht? War es ihr verwehrt, Sühne zu erlangen? Würde sie nie den Schutz des Zorant gewinnen, egal wie hart sie kämpfte?

Weil sie den Blick ihres Adeptenbruders auf sich ruhen fühlte, murmelte Myan abwehrend: „Die Vorbereitung auf die Beschwörungszeremonie hat mich mehr Kraft gekostet als ich dachte.“

„Du musst die Kraft des Zorant frei durch dich hindurchfließen lassen,“ näselte Quint in einem vertrauten Ton. So sprach Innistheos, ein Lehrmeister der Novizen. „Die Kraft des Zorant ist das reine Glück – selbst in völliger Erschöpfung, selbst in schwerer Krankheit, selbst im Angesicht des Todes. Haltet inne und lasst euch als Gefäß der fünf Tugenden von der Kraft des Zorant durchströmen – sogar wenn ihr gerade von der Geweihten Höhe herabstürzen solltet.“ Die graublauen Augen verklärten sich in einer perfekten Nachahmung von Innistheos’ schleierverhangenen Blicken.

Myan fror ihre gefährlich zuckenden Mundwinkel ein. Quint konnte es sich vielleicht erlauben, über einen Zorantani zu scherzen, der die Tugend der Mäßigkeit in allem befolgte außer in seinen schwärmerischen Worten. Doch solange die Kraft des Zorant nicht durch sie selbst hindurchfloss – und sei es nur für einen Augenblick – stand ihr nicht einmal der Ansatz eines Lächelns zu.

„Im Ernst, Myan.“ Quint legte seine Rolle wieder ab. „Du lässt gar nichts fließen. Du hetzt immer dem entgegen, was ohnehin auf dich zukommt. Du hetzt der Erhebung zur Adeptin entgegen, der Weihe zur Zorantani, dem Zorant...“

Myan stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte die Hände um ihren Hals, den sie schon immer zu lang gefunden hatte. „Manche Menschen tragen Barrieren in sich, die erst niedergerissen werden müssen, bevor etwas fließen kann,“ seufzte sie auf die Tischplatte hinunter. Danach klemmte sie hastig wieder ihre Zunge zwischen die Zähne. Solch unbedachtes Gebrabbel forderte Fragen heraus, die sie keinesfalls beantworten wollte. Sie hatte die Hindernisse, die sie vom Weg des Zorant trennten, nicht selbst aufgebaut. Sie waren bei ihrer Geburt auf sie übergegangen. Quint wusste dies nicht, und er sollte es auch nicht erfahren.

Zum Glück blieb Quint seiner tiefen Gelassenheit treu: „Wenn du meinst... Allerdings lassen sich Barrieren auch langsam abbauen statt fieberhaft über sie herzufallen.“

Die Erleichterung über die ausgebliebenen Fragen war nicht groß genug, um zu verhindern, dass Myan Quint einen giftigen Blick zuwarf. Die Reue folgte auf dem Fuß. Ihr Verstoß gegen den Frieden und die Mäßigkeit bewies erneut, wie hoch die Barrieren waren. Sandkorn für Sandkorn würden sie sich nicht abtragen lassen.

Weil Myan verstockt schwieg, breitete Quint zuletzt ratlos die Arme aus. „Dass kein Novize oder Adept es erwarten kann, endlich den Zorant zu sehen! Habe ich nicht schon heute Morgen vorgerechnet, dass jeder, der vor seinem zwanzigsten Geburtstag in den Orden eintritt, jahrzehntelang als Zorantani leben wird?“

Diesmal schluckte Myan den größten Ärger rechtzeitig hinunter. Dennoch gelang es ihr nicht, den Groll völlig aus ihrer Stimme zu verdrängen: „Nicht alle Novizen und Adepten schaffen es bis zur Weihe zum Zorantani. Und kein Novize oder Adept hofft ernsthaft darauf, jemals den Zorant zu sehen.“

Quint runzelte erstaunt die Stirn. „Weshalb nicht?“

Betroffen starrte Myan ihn an. Zum ersten Mal stand ihr Adeptenbruder knapp vor einem Tugendbruch. „Weil nur ein Paar unter den vielen Priesterpaaren das Hohe Paar sein kann,“ antwortete sie leise, aber nachdrücklich. „Und weil wir im Namen der Mäßigkeit und der Gleichheit keine Auszeichnung erwarten dürfen, die uns nur als heiliges Geschenk gewährt werden kann – als größter Lohn für den vollkommenen Dienst am Zorant.“

Das Stirnrunzeln vertiefte sich zu Nachdenklichkeit. Quints Blick wanderte unstet durch den Raum. „Sicher, sicher... Ich meinte nur, dass jeder Ordensangehörige den Wunsch in sich trägt, ein vollkommener Diener des Zorant zu werden und damit auch des höchsten Amtes würdig zu sein.“ Das Funkeln kehrte so rasch in seine Augen zurück wie es verschwunden war. „Wäre es nicht ein erhebendes Gefühl, sich für würdig erwiesen zu haben, in den Gemächern des Hohen Paars das Heiligtum Zorantanders zu hüten?“

Myan sah sich unfähig, auch nur zu nicken. Zu schmerzhaft nagte der Verdacht an ihr, dass sie nicht einmal dafür würdig war, den niedrigsten Dienst am Zorant zu leisten. Zur Ablenkung hackte sie auf einer wohlbekannten Nebensache herum:

„Der Zorant wird doch nicht in den Gemächern des Hohen Paars aufbewahrt.“

„Nicht? Wo denn dann?“

„In der Küche natürlich – er wird dort als Abfalleimer verwendet.“ Entnervt zog Myan eine Grimasse. Sie war nicht in der Stimmung für Quints Späße. Erst als er sie völlig ernst und ein wenig verwirrt anblickte, erkannte sie ihren Irrtum. „Entschuldige,“ stammelte sie. „Ich hätte nie gedacht, dass du gerade das nicht weißt! Schließlich ist dir der Orden des Zorant so vertraut – obwohl du nicht in Zorantander aufgewachsen bist...“

„Das harte Schicksal eines ahnungslosen Kuv-Viandri.“ Quint führte theatralisch einen Handrücken zur Stirn. „Kläre also deinen armen Adeptenbruder auf, der nun nicht mehr weiß, wohin er seine Gedanken beim Gebet lenken soll.“

„Der Zorant wird in einem Versteck in der Seegrotte aufbewahrt, das nur das Hohe Paar kennt.“ Myan wies auf den Fußboden, als läge das weitverzweigte Höhlensystem Zorantanders direkt unter den Ordenshäusern. Tatsächlich mussten die Priester lange Treppen im Fels hinabsteigen, um das Ufer des unterirdischen Sees zu erreichen.

Quint neigte seinen Kopf zur Seite. „Seit ich hier bin, sind Lurethe und Jivirokan kein einziges Mal in der Seegrotte gewesen. Sie lassen sich sogar ihr Badewasser heraufbringen. Sucht das Hohe Paar denn niemals den Zorant in seinem Versteck auf?“

„Warum sollte es das tun? Nur bei der Weihe zum Hohen Paar verlangt die Zeremonie von den Höchsten, den Zorant aufzusuchen – damit der oder die verwaiste Höchste ihnen das Versteck des Zorant zeigen kann. Danach macht es keinen Sinn, zu dem Versteck zu gehen. Solange die Menschen von Zorantander auf dem Pfad der fünf Tugenden bleiben, schützt der Zorant uns mit seiner Kraft. Und wenn wir von seinem Weg abweichen sollten, würde es auch nichts bringen, wenn das Hohe Paar in die Seegrotte hinabsteigt und den Zorant betrachtet.“

Nun trommelte Quint gedankenverloren mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ich dachte, dass das Hohe Paar am Zorant abliest, ob seine Macht zunimmt oder abnimmt – dass also der Zorant selbst signalisiert, wie treu die Menschen von Zorantander dem Weg der fünf Tugenden folgen.“

Myan schüttelte beinahe entsetzt den Kopf. „Die Macht des Zorant muss gelebt, erfühlt und beschworen werden. Man kann sie nicht sehen. Die einzig wirkliche Gewähr für den Schutz des Zorant ist, auf seinem Weg zu bleiben.“ Unweigerlich wallte der alte Schmerz in ihr auf. Wie sehr sie sich danach sehnte, den Schutz des Zorant zu fühlen!

„Warum sprechen dann so viele Lieder vom Leuchten des Zorant?“ wunderte Quint sich.

Myan musterte ihn eingehend. Sie wollte sicher sein, dass er immer noch im Ernst sprach. Jedes Kind von Zorantander hätte ihn nach dieser Frage entweder ungläubig angestarrt oder ausgelacht.

„Der Zorant leuchtet nur, wenn er den Angriff von Feinden abwehrt – wenn er im Moment der höchsten Gefahr die volle Macht seines Schutzschilds entfesselt. Und er wird nur in Zeiten großer Gefahr aus seinem Versteck geholt. Sein Anblick soll die Menschen stärken, damit sie nicht aus Angst vom Weg der fünf Tugenden abfallen – damit sie die Macht des Zorant nicht gerade in dem Moment schwächen, in dem sie am dringendsten gebraucht wird. Die Menschen von Zorantander haben den Zorant deshalb immer nur gesehen, wenn die Stadt belagert wurde. Und bei diesen Belagerungen kam es auch oft zum Moment der höchsten Gefahr. Wenn die Menschen den Zorant überhaupt sahen, sahen sie ihn also meistens leuchtend. Daher kommen die Lieder vom Leuchten des Zorant. Aber für gewöhnlich vergehen Jahrhunderte ohne die Notwendigkeit, den Zorant aus seinem Versteck zu holen. Die Völker der Wüsten und Savannen wagen es kaum mehr, unsere Stadt anzugreifen. Solange wir dem Weg der fünf Tugenden folgen, ist Zorantander uneinnehmbar und unbesiegbar.“

„Und während der langen Friedenszeiten sehen die Menschen den Zorant niemals?“ Quint rieb sich die Schläfen. „Besteht nicht die Gefahr, dass sie vom Pfad der fünf Tugenden abfallen, wenn ihnen der Quell ihres Schutzschilds ständig verborgen bleibt?“

„Der Anblick des Zorant muss für Zeiten der Bedrohung aufgespart werden,“ gab Myan entschieden zurück. „Nur wenn er etwas ganz Besonderes bleibt, kann dieser Anblick bei großer Gefahr seine Wirkung entfalten. Womit sollten die Menschen sonst auf dem Pfad der fünf Tugenden gehalten werden, wenn plötzlich Feinde auf unsere Stadt einstürmen? In Friedenszeiten erinnern die Bilder des Zorant daran, dass der Schutz unserer Stadt von der Einhaltung der fünf Tugenden abhängt.“

Myan deutete auf eine Wandmalerei an der Stirnseite des großen Speisesaals. In jedem Haus von Zorantander war ein solches Bild zu finden. Es zeigte die magische, aus dem beigen, goldgeäderten Fels geschlagene Steinschale von mehreren Seiten. Von oben bot sie den Umriss eines unregelmäßigen Sechsecks. Eine Ecke wies in das Innere der Schale, sodass keine sechs glatten Außenflächen entstanden. Die beiden nach innen geneigten Wände stießen nicht scharf aufeinander, sondern verbanden sich zu einer rundlich eingebuchteten Fläche. In jede der fünf Außenseiten – in die vier glatten und in die gebuchtete – war ein rundes Emblem mit dem Symbol einer Tugend eingraviert. Eine Ellipse mit einem aufgesetzten Dreieck stand für die Treue. Der Friede wurde durch ein schmales, senkrecht aufragendes Rechteck symbolisiert, aus dessen Mitte drei Strahlen nach rechts ausfächerten. Das Zeichen für die Reinheit war ein Kreis, der sich zu den Enden des Kreuzes in seinem Inneren hin einkerbte. In den vier Kammern, die das Kreuz voneinander abtrennte, befand sich jeweils ein großer Punkt. Die Gleichheit wurde von zwei Bögen dargestellt, deren innere Enden zu einer Linie zusammenliefen. Der mit einem Gittermuster durchzogene Kreis war das Symbol für die Mäßigkeit.

Quints Blick blieb lange an dem Bild des Zorant hängen, doch Myan war nicht sicher, ob er es wirklich ansah. Seine Miene war plötzlich verschlossen, beinahe düster. Sonst behielt er sogar während der tiefsten Versenkung ins Gebet einen gelösten Ausdruck. Irgendetwas beunruhigte ihn. Hatte er etwa nicht gewusst, dass nur das Hohe Paar den Zorant zu Gesicht bekam? Es musste so sein, schließlich hatte Quint geglaubt, dass die Novizen und Adepten ungeduldig auf ihre Weihe zu Zorantani warteten, weil sie das Heiligtum und den Schutzschild Zorantanders sehen wollten. Seine vollkommene Tugendhaftigkeit machte allzu schnell vergessen, dass er nicht in der Stadt des Zorant, sondern in Kuv-Rodinquaor aufgewachsen war. Trotz Quints Enttäuschung fühlte Myan kaum Mitleid. Stattdessen stieg eine neidische Sehnsucht in ihr auf. Quint schritt mit schlafwandlerischer Sicherheit auf dem Pfad der fünf Tugenden dahin, tief beseelt von dem Wunsch, dem Zorant zu dienen. Selbst wenn er jetzt glaubte, dass ihm der Anblick des Zorant verwehrt bleiben würde, hatte niemand bessere Aussichten auf diesen Anblick als er. Er, der schon als Adept die tiefe Ruhe und Sicherheit des geweihten Zorantani besaß, konnte auch zum höchsten Zorantani aufsteigen – wenn ihm eine ebenso würdige Schwester zur Seite gestellt wurde. Diese Schwester würde niemals Myan heißen. Bei der Weihe zu Zorantani wurden die Ordensleute neu verschwistert, damit harmonische Priesterpaare entstanden. Von dieser Weihe war Myan heute weiter entfernt denn je. Und selbst wenn sie zur Zorantani aufsteigen sollte, stünde Quint immer noch weit über ihr. Wahrscheinlich war es besser so. In seiner Nähe fiel es ihr unendlich schwer, die Tugend der Reinheit zu bewahren. Natürlich müsste sie erst die Tugend der Reinheit meistern, um überhaupt eine Priesterin zu werden. Aber niemand wusste besser als sie, dass ein Sieg in diesem Kampf niemals endgültig war.

Völlig unvermittelt wandte Quint sich wieder Myan zu. Das vertraute schiefe Grinsen stand wieder auf seinem Gesicht. „Jetzt ist mir klar, weshalb ein aufrechter Zorantani nicht darauf hofft, jemals den Zorant zu sehen. Denn ein einfacher Priester würde den Zorant nur um den Preis zu sehen bekommen, dass Zorantander in großer Gefahr schwebt. Nur verstehe ich jetzt noch weniger, warum manche Novizen und Adepten es so eilig mit der Priesterweihe haben.“

Mit einem Schlag war der ahnungslose Kuv-Viandri verschwunden und hatte dem glänzenden Adepten Platz gemacht. Myan sprach sich lautlos die Formel für die Beschwörung der fünf Tugenden vor, um eine scharfe Antwort zurückzuhalten. Kein Wunder, dass Quint die Eile der Novizen und Adepten nicht verstehen konnte. Sie selbst verstand sie allzu gut. Es ging nicht darum, möglichst schnell ein Zorantani zu werden. Es ging darum, den Zweifel auszuräumen, ob man jemals der Weihe zum Zorantani würdig sein würde.

„Findest du es nicht schön, ein Ziel zu erreichen?“ fragte Myan schließlich so beiläufig wie möglich.

„Nicht unbedingt.“ Quints schiefes Grinsen wurde geradezu unverschämt. Unter Myans verwundertem Blick griff er nach seinem leergegessenen Frühstücksgeschirr und stand auf. „Das Ziel, jetzt ein Stündchen im Grottensee zu schwimmen, scheint mir allerdings sehr verlockend.“

Missmutig betrachtete Myan die Reste auf ihrem eigenen Teller. „Wir müssen noch vom Novizentrakt in den Adeptentrakt übersiedeln. Die neuen Novizen werden heute Nachmittag aufgenommen und brauchen die Kammern.“

„Richtig.“ Quint produzierte einige Denkerfalten auf seiner Stirn. „Wenn ich jetzt schwimmen gehe – nebenbei bemerkt im Dienst an der Tugend der Reinheit – könnte die Zeit zu knapp werden, um die reichen Besitztümer eines Adepten von einer Kammer in die andere zu tragen.“

Vor Myans innerem Auge stieg das Bild des kargen Inhalts ihrer Kleidertruhe auf: Zwei weitere der weißen, knöchellangen Ordensgewänder, Unterwäsche, eine Zahnbürste und eine kleine Glasflasche mit Pflegeöl.

„Nun geh schon zum Grottensee hinunter,“ grummelte sie in Quints Richtung. Sie vermied es, ihren Blick zu dem breiten Grinsen zu erheben, das zweifellos die Denkerfalten abgelöst hatte.

„Bin schon weg.“ Tatsächlich setzte Quint sich in Bewegung. Über seine Schulter hinweg sagte er noch: „Und wehe, du übersiedelst auch meine Sachen. Ich muss doch meine Unabhängigkeit von meiner Adeptenschwester bewahren – schließlich werden wir nicht ewig ein Ordenspaar sein.“

Myan seufzte und legte wieder beide Hände um ihren Hals. Wie Recht Quint doch hatte. Sie musste froh sein, wenn sie die nächsten Tage im Orden überstand. Irgendwann würde den Zorantani auffallen, dass sie des Adeptentums nicht würdig war.