Das Haus des dreifachen Friedens


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I

Zwei Fische wölbten sich in die Höhe. Ihre Mäuler hoben eine riesige Muschel empor, wie eine Krone für den Herrscher der Meere. Von ihren stachelbewehrten Flossenkämmen perlte in dünnen Strahlen das Wasser ab, als ob sie soeben die Meeresoberfläche durchbrochen hätten und gleich wieder darunter verschwinden würden. Doch sie standen seit langer Zeit in genau dieser Haltung an genau diesem Ort. Sie waren aus Stein. Tishanea hätte den Umriss jeder einzelnen gemeißelten Schuppe aus dem Gedächtnis aufzeichnen können, so oft war sie hier gesessen und hatte sehnsüchtig auf diesen Torbogen geblickt. Früher hatte das Tor den Weg in eine freie Stadt geöffnet. Heute trennte es nur noch Seestadt vom Mittleren Grund. Eines war jedoch gleich geblieben: Wer das Tor durchschreiten wollte, musste ein Wasserhafter sein. Gedankenverloren spannte Tishanea die Schwimmhäute zwischen ihren Zehen und wippte mit den Füßen. Sie hatte dieses Tor noch nie durchschritten. Sie war hindurch geschleppt worden – als brüllende, blind um sich schlagende Siebenjährige. Seit jenem Tag vor zwölf Jahren hätte das Seestädter Tor genauso gut am anderen Ende des Ozeans liegen können. Seit jenem Tag war Tishanea eine Gefangene des Mittleren Grundes. Eine Gefangene des Hauses des dreifachen Friedens. Tishanea löste ihren Blick vom Tor und richtete ihn auf die Höhen von Felsstadt. Das Rote Massiv leuchtete satt in der Abendsonne. Bis zur Dämmerung blieb ihr also noch Zeit. Vorsichtig tauchte Tishanea ihre Hände und Füße in das kalte, klare Wasser des Kanals, der den Torbrunnen speiste. Nachdem es über die Fischleiber gesprudelt wäre, würde es durch ganz Seestadt fließen, hinunter zum Meer. Tishanea schloss ihre Augen, um das Strömen ganz in sich aufzunehmen. Wenn das Wasser doch zumindest einen Teil von ihr mit nach Seestadt nehmen könnte!

„Tisha!“

Unwillig hob Tishanea die Lider. Länger als notwendig verharrte sie reglos, bevor sie die Hände aus dem Wasser nahm und sich halb umwandte.

„Was?“

„Komm rauf! Flynna will uns sehen – so schnell wie möglich.“ In Rogosols Stimme mischte sich wie immer dienstfertige Aufopferung mit Missmut.

Angewidert spreizte Tishanea ihre Finger, während sie das Wasser von ihren Schwimmhäuten schüttelte. „Wieso? Wir haben doch heute frei.“

„Weiß ich nicht – jetzt mach schon!“ drängte Rogosol. „Ich hab es ohnehin so satt, dich immer aus den hintersten Winkeln des Mittleren Grundes hervorzerren zu müssen!“

Tishanea rümpfte die Nase. Typisch Rogosol, vom hintersten Winkel zu sprechen, ohne den Platz vor dem Seestädter Tor beim Namen zu nennen. Auf diese Weise konnte er notfalls abstreiten, dass er eine abfällige Bemerkung über Seestadt gemacht hatte. Tishanea nahm Maß und sprang auf die Krone der Kanalmauer. Sie landete so dicht neben Rogosol, dass er eine Ladung Wassertropfen abbekam.

„Wenn du es so satt hast, mich zu holen, schick doch das nächste Mal Paukir.“

Ein verdrießlicher Blick blieb Rogosols einzige Antwort. Paukir verstand es vorzüglich, von einem Moment zum anderen in fieberhafte Tätigkeit zu verfallen. Bestimmt hatte er beim Klang von Flynnas Schritten damit begonnen, irgendetwas zu schreiben oder zu ordnen. So war es – wie üblich – dem weniger emsigen Rogosol zugefallen, die – wie üblich – abwesende Dritte der achten Trias zu suchen.

Schweigend stapfte Tishanea hinter Rogosol her. Auf den Stiegen zur Eingangshalle ballte sie unwillkürlich die Fäuste. Wie sie das Haus des dreifachen Friedens hasste! Diese Säulen mit ihren Kapitellen, die abwechselnd in die Form einer Welle, eines Bergmassivs und einer Erdscholle mit Kornähren gemeißelt waren! Diesen Innenhof mit dem lächerlichen Schwimmbecken, das ein ganzes Meer ersetzen sollte! Diesen lauten Wirtschaftstrakt, diesen lähmenden Lehrtrakt und diesen beengten Wohntrakt! Diese ganzen sauberen Gebäude, denen man auf den ersten Blick ansah, wie neu sie waren. Zu neu. Sie schrien heraus, dass sie auf dem Mittleren Grund standen – im Zentrum jener unsäglichen Stadt, die nach den fünfjährigen Fehden durch die Vereinigung von Seestadt, Erdstadt und Felsstadt entstanden war. Dreistadt.

Im Wohnraum der achten Trias thronte Paukir auf einem Sitzkissen. Um eine Aura der höchsten Konzentration bemüht, malte er mit seinem Kohlestift irgendwelche Notizen auf ein Blatt Papier. Tishanea ignorierte ihn und schwang sich auf ein Fensterbrett. Von den Sitzkissen aus sah man durch die hoch angesetzten Fenster bestenfalls ein Stück Himmel. Die Fensterbretter erlaubten zumindest ein wenig Ausblick über den Mittleren Grund, in Richtung Seestadt. Unten im Wohnraum ließ Rogosol sich schwungvoll auf ein Kissen plumpsen. Es schlitterte ein Stück über den Boden und versetzte Paukirs Sitz einen Stoß. Ein trockenes Knacken verriet, dass dieser Ruck für den Kohlestift zu viel gewesen war.

„Nun sieh dir an, wer wieder einmal die Eleganz eines Erdochsen entwickelt!“ Selbst wenn er entrüstet war, blieb Paukir bei seiner übertrieben klaren Sprechweise. „Ich weiß nicht, welche Vorstellung ich trauriger finde: Dass du wirklich mit der Eleganz eines Erdochsen durchs Leben gehen musst, oder dass du mich auf diese dümmliche Art ärgern wolltest.“

Rogosol beäugte Paukir finster und schob die Unterlippe vor. Tishanea rollte mit den Augen. Wenn Rogosol nur einmal seine Opferrolle aufgeben würde! Er entschuldigte sich nie für seine Missgeschicke, er verteidigte sich nie gegen Paukirs Beleidigungen und er wehrte sich nie, wenn Tishanea ihn anspritzte oder ihm auf die Zehen stieg. Stattdessen schmollte er. Regelmäßig und beharrlich. Paukir legte sein Schreibbrett beiseite, um den nutzlosen Teil seines Kohlestifts wegzuwerfen und den längeren Teil zu spitzen. Doch als vom Gang her Schritte erklangen, blieb er sitzen und legte den zerbrochenen Stift mit betonter Sorgfalt auf das Brett neben sich. Gleich darauf schwang die aus Schilfhalmen geflochtene Tür auf.


Flynna schloss die Tür hinter sich und ließ ihren Blick über die Geschwister der achten Trias schweifen. Rogosol, mit seinem rundlichen, von kastanienbraunen Locken umrahmten Gesicht über der stämmigen Figur der Erdhaften. Paukir, dessen rötliche Haut den eckigen Knochenbau der Felshaften umspannte. Sein anthrazitgraues, streng zurückgebundenes Haar betonte die kantigen Gesichtszüge noch mehr. Und Tishanea, die schlanke, langgliedrige Wasserhafte. Ihr grünlicher Hautton ließ sie neben ihren Triasbrüdern stets ein wenig kränklich aussehen – wenn ihr ovales Gesicht nicht gerade von ihren zahllosen seetanggrünen Zöpfen verhängt war. Flynna seufzte lautlos. Seit zwölf Jahren bemühte sie sich als Friedensmutter um die drei, aber Friede hatte kaum zwischen ihnen geherrscht. Trotz ihrer tiefen Überzeugung vom Sinn des Hauses des dreifachen Friedens war sie manchmal der Verzweiflung nahe gewesen. Aber es hatte auch viele gute Tage gegeben, und immer war die Zeit auf ihrer Seite gewesen. Bis jetzt. Nun musste ihre Trias völlig unerwartet eine gefährliche Aufgabe auf sich nehmen. Bevor ihre Ausbildung zu Ende war. Bevor die Friedenslehrer Zeit gehabt hatten, ausführlich darüber zu beraten, welche Trias am besten für welchen Dienst geeignet wäre. Bevor das letztes Schuljahr begann, in dem jede der neun Dreigeschwistergruppen speziell auf ihre zukünftigen Dienste vorbereitet werden sollte. Flynna konnte sich nicht helfen – die Entscheidung kam ihr überhastet vor. Wenn sie und die anderen Friedenslehrer mehr Zeit gehabt hätten, wäre die Wahl vielleicht auf eine andere Trias gefallen. Aber heute hatte die Mehrheit für die achte Trias gestimmt. Und so blieb Flynna nichts anderes übrig, als ihren Zöglingen die Nachricht zu überbringen. Hoffentlich behielten Schurac und die anderen Friedenslehrer recht. Hoffentlich würden die größten Schwächen ihrer Zöglinge während ihrer Bewährungsprobe tatsächlich zu ihren größten Stärken werden. Jetzt galt es, die drei nichts von ihren Zweifeln merken zu lassen. Die Fassungslosigkeit würde auch so groß genug sein.

Die erdhafte Friedenslehrerin holte tief Atem, doch bevor sie ihren Mund öffnen konnte, ertönte auch schon Paukirs klare Stimme:

„Ging es in der Beratung der Friedenslehrer um die Explosion im Delegiertenviertel heute Morgen?“

Flynna spürte ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. An Paukirs Eignung für die bevorstehende Mission hatte nicht einmal sie gezweifelt. Unter seinen Triasgeschwistern war er der Einzige, der den Geist des Hauses des dreifachen Friedens vollkommen in sich aufgenommen hatte. Alle Friedenslehrer lobten seine Aufmerksamkeit, seinen Eifer und seine Neugier. Manchmal stöhnten sie auch darüber. Rogosol ignorierte seinen Triasbruder. Er sah mit unverändert mildem Interesse seine Friedensmutter an, als könnte er nur ihre Stimme wahrnehmen und keine andere. Tishanea wandte ihren Kopf erst jetzt in Flynnas Richtung. Ihre scheinbar lässige Haltung veränderte sich nicht, aber Flynna konnte sehen, wie ihre Muskeln sich anspannten. Offenbar hörte Tishanea zum ersten Mal von dieser Explosion, obwohl sie kurz vor Tagesanbruch vom plötzlichen Vibrieren der Wände wach geworden sein musste – genau wie Flynna. Denn kurz danach hatte die Erdhafte gehört, wie ihre Triastochter hinausgeschlichen war. Wenn Tishanea wieder einmal ihren ganzen freien Tag am Seestädter Tor verbracht hatte, konnte der ganze Aufruhr ohne weiteres an ihr vorübergegangen sein. Schließlich lag das Delegiertenviertel im Nordwesten des Mittleren Grundes, fern vom Seestädter Tor im Südwesten. Und weil keine Wasserhaften zu Schaden gekommen waren, würde der Vorfall in Seestadt keine großen Wellen geschlagen haben.

Flynna nickte Paukir zu. „Ja, bei der Beratung der Friedenslehrer ging es um diese Explosion. Und auch was ich euch zu sagen habe, hängt mit dieser Explosion zusammen.“

Die Erdhafte rückte näher zum Fenster, damit sie nicht weiter von Tishanea entfernt stand als von Paukir und Rogosol. So beharrlich ihre Triastochter stets versuchte, sich abseits zu halten, so beharrlich achtete Flynna darauf, sie einzubeziehen.

„In den Zeitungen steht, dass Bauarbeiter Sprengstoff transportierten und dabei unvorsichtig waren. Aber es gibt Gerüchte...“ Paukir legte einen Zeigefinger an seine Nase und sah Flynna verschwörerisch an.

Vom Fensterbrett her erklang ein Schnauben. Insgeheim musste Flynna Tishanea zustimmen. In Dreistadt gab es täglich so viele Gerüchte wie Getreidekörner in den Erdstädter Speichern, und die meisten davon entbehrten jeder Wurzel. Doch an diesem Tag enthielten die Gerüchte mehr Wahrheit als Flynna lieb war.

„Die Explosion war tatsächlich kein Unfall. Die Zeitungsmeldungen wurden auf Anordnung des Dreigipfels geschrieben, um einen großen Aufruhr zu vermeiden. Die Wahrheit soll erst verbreitet werden, wenn der erste Schock vorbei ist. Es war ein Anschlag. Das Haus der Erdstädter Delegierten wurde schwer beschädigt, und es gab vier Verletzte. Wir wissen nicht, wer den Sprengstoff heranschaffte und zündete. Aber wir müssen natürlich davon ausgehen, dass–“

„–jemand Unfrieden in Dreistadt stiften will,“ vollendete Paukir den Satz. „Um neue Fehden auszulösen.“

„Richtig,“ bestätigte Flynna.

„Und natürlich war der Anschlag gegen Erdhafte gerichtet.“ Rogosols Stimme klang nicht im Geringsten empört, nur müde.

Wieder ertönte ein gereiztes Schnauben vom Fensterbrett her, während Paukir rügte: „Tu nicht so, als ob immer nur die Erdhaften die Opfer wären! Ja, die Erdhaften wurden am Beginn der fünfjährigen Fehden als Erste angegriffen. Ja, die Fehden spielten sich vor allem auf Erdstädter Boden ab. Aber seit der Gründung von Dreistadt kann keine Rede davon sein, dass die Erdhaften mehr unter den engstirnigen Wasserhaften und Felshaften leiden als umgekehrt!“

Flynna besänftigte Paukir mit einer Geste und sah Rogosol eindringlich an. „Es ist nicht vollkommen sicher, ob der Anschlag tatsächlich gegen die Erdstädter Delegierten gerichtet war. Manches deutet darauf hin, dass die Sprengstoffladung zu früh hochging. Sie explodierte nicht direkt an der Wand des Hauses der Erdstädter Delegierten, sondern auf der Straße. Deshalb war auch der Schaden relativ gering – wenn die Sprengladung an einem Haus angebracht gewesen wäre, hätten wir nicht einige Verletzte zu beklagen, sondern Tote. Außerdem wurden Blutspuren gefunden, die darauf hinweisen, dass ein Verletzter vom Ort der Explosion weggeschleift und dann irgendwie abtransportiert wurde. Wahrscheinlich handelte es sich um einen der Täter, der von der unerwarteten Explosion getroffen wurde. Der Verletzte verschwand spurlos – deshalb können wir auch sicher sein, dass es sich um einen Anschlag handelte. Seine Gefährten müssen ihn gerettet haben, als sie flüchteten, aber sie wagten nicht, ihn ins Spital zu bringen.“

„Also waren es mindestens drei,“ schaltete Paukir sich ein. „Aber sonst wissen wir nichts – nicht einmal, ob sie wirklich das Haus der Erdstädter Delegierten sprengen wollten oder ein anderes Gebäude.“

Flynna nickte wieder. „Wir tappen tatsächlich völlig im Dunkeln. Natürlich tun die Mittelwächter alles, um den Vorfall aufzuklären – alles, was sie können. Wie ihr wisst, dürfen sie nur auf dem Mittleren Grund arbeiten, und die Täter kamen höchstwahrscheinlich aus einer der drei Städte. Damit liegt die Arbeit in den Händen der Seewächter, Felswächter und Erdwächter. Doch der Dreigipfel zweifelt daran, dass die drei Stadtwachen sich wirklich um eine Aufklärung des Anschlags bemühen werden. Wenn es um Vorfälle auf dem Mittleren Grund geht, sind die Stadtwachen oft unzuverlässig. Außerdem können wir nicht einmal ausschließen, dass Seewächter, Felswächter oder Erdwächter an dem Anschlag beteiligt waren.“

Paukir holte Atem, doch Flynna kam ihm zuvor. So erfreulich sie den Eifer ihres Triassohnes auch fand – seine Unterbrechungen zwangen sie ständig dazu, ihre Gedanken neu zu ordnen. Und sie wollte endlich zu jenem Punkt kommen, der ihre Trias betraf: „Es ist also notwendig, loyale Dreistädter vom Mittleren Grund in die drei Städte zu schicken, um geheime Nachforschungen anzustellen. Bisher gibt es in der Mittelwache keine Verdeckten Wächter, die in den drei Städten solche geheimen Nachforschungen anstellen dürfen. Aber es gehört zu den Aufgaben des Hauses des dreifachen Friedens, eine Trias zu Verdeckten Wächtern auszubilden.“

Nun war sogar Paukir dermaßen erstaunt, dass sein Mund offen stehen blieb statt einen Kommentar abzugeben. Flynna verstand die Entgeisterung nur zu gut. Natürlich war den Zöglingen eingeschärft worden, dass Dreistadts größte Hoffnungen auf ihnen ruhten. Dass sie herangezogen wurden, um den Frieden zwischen den drei Haftigkeiten zu bewahren. Dass sie nach ihrer Schulzeit in den verschiedensten Behörden des Mittleren Grundes arbeiten würden – weil sie im Haus des dreifachen Friedens gelernt hatten, alle drei Haftigkeiten zu verstehen und zu respektieren. Aber wenn von Behörden des Mittleren Grundes die Rede gewesen war, hatte niemand von einer Verdeckten Wache gesprochen. Nur vom Haus des Dreigipfels, vom Haus der dreifachen Gerechtigkeit oder vom Haus des Dreihandels.

Nach einer Weile schlug Paukir sich vor die Stirn. „Jetzt verstehe ich endlich, warum wir auch in wasserhafter, erdhafter und felshafter Kampftechnik unterrichtet wurden! Das kam mir in einer Schule des Friedens von Anfang an komisch vor – obwohl das Training immer als Sport bezeichnet wurde! Wenn eine Trias eine Verdeckte Wache begründen soll, ergibt der Kampfsport natürlich Sinn! Aber warum erfahren wir das jetzt – wird der Spezialunterricht für die einzelnen Dreigeschwistergruppen wegen des Anschlags früher beginnen? Ist die Entscheidung gefallen, welche Trias im kommenden Jahr für welche Dienste ausgebildet werden soll?“

„Nein, der Spezialunterricht wird nicht früher beginnen. Wir brauchen jetzt Zöglinge, die in den drei Städten geheime Nachforschungen über diesen Anschlag aufnehmen – die Wahl ist auf euch gefallen.“

Flynna wappnete sich für den Steinschlag an Fragen, der im nächsten Moment aus Paukirs Mund stürzen würde. Stattdessen kamen die ersten Worte vom Fenster her:

„Wir gehen in die drei Städte!?“

Tishanea saß nicht mehr gegen den Fensterrahmen gelehnt. In höchster Anspannung stemmte sie ihre Fußsohlen unter dem Fensterbrett gegen die Wand, als würde sie wie eine Harpune in den Raum schießen wollen. Flynna schluckte trocken. Dieser Ausbruch übertraf ihre Befürchtungen.

„Natürlich gehen wir in die drei Städte,“ fauchte Paukir. „Du hast es doch gerade gehört!“

Der scharfe Ton des Felshaften verriet, dass er sich noch nicht von seiner Überraschung erholt hatte. Für gewöhnlich gab Paukir den Überlegenen. Tishanea warf ihm einen vernichtenden Blick zu, nach wie vor in größter Anspannung. Nur Rogosol blieb scheinbar ungerührt. Doch seine Arme waren zu fest verschränkt und über seinen Brauen saß ein sanftes Stirnrunzeln.

Erneut unterdrückte Flynna ein Seufzen. „Ja, ihr geht in die drei Städte. Möglichst bald – nach einigen letzten, speziellen Lektionen. Ausnahmsweise werdet ihr einzeln und von Friedenslehrern eurer eigenen Haftigkeit unterrichtet werden – Rogosol von Sandob, Paukir von Kittanu, Tishanea von Schurac.“

Die Schultern der Wasserhaften kippten nach vorne, und die dünnen Zöpfe fielen wie ein Vorhang vor ihr Gesicht. Diesmal konnte Flynna ihr Seufzen nicht länger zurückhalten. Die meisten Zöglinge standen den Lehrern ihrer eigenen Haftigkeit besonders nahe. Diese Lehrer waren das Bindeglied der Zöglinge zu den Traditionen und zu der Lebensweise ihrer Geburtsstadt. Nicht für Tishanea. Von Anfang an hatte sie die wasserhaften Friedenslehrer noch heftiger abgelehnt als ihre felshaften und erdhaften Erzieher. Und gegen Schurac hegte sie regelrechten Hass. Im Gegenzug hielt Schurac Tishanea für den schwierigsten Zögling des Hauses des dreifachen Friedens. Es war Flynna ein Rätsel, warum er trotzdem zugestimmt hatte, Tishanea zu unterrichten – und warum er als Erster vorgeschlagen hatte, die achte Trias mit der Aufklärung des Anschlags zu betrauen. Flynna rang sich ein aufmunterndes Lächeln ab.

„Sandob, Kittanu und Schurac wollen euch noch vor dem Abendessen sehen. Geht also jetzt zu ihnen.“


Bleiern stapfte Tishanea auf die Wohnung der fünften Trias zu. Während all ihrer Jahre im Haus des dreifachen Friedens war sie nur für eines dankbar gewesen: Dass sie nicht der fünften Trias angehörte. Schurac als Friedenslehrer erdulden zu müssen war schlimm genug. Ihn auch noch zum Friedensvater zu haben, wäre der Wellenkamm aller Grausamkeit gewesen. In einem Schlafzimmer direkt neben seinem hätte sie nie ein Auge zugetan. Und niemand brauchte ihr mit „Aber die Zimmer der Friedenslehrer liegen doch nicht in der Wohnung ihrer Trias“ zu kommen. Solange eine Verbindungstür da war, spielte es keine Rolle, ob die Zimmer der Lehrer neben oder in der Wohnung ihrer Trias lagen. Tishanea ballte die Fäuste. Nichts hätte ihren stummen Jubel über Flynnas Nachricht gründlicher dämpfen können als die Nennung von Schuracs Namen. Dennoch – für ihre Rückkehr nach Seestadt würde sie noch viel mehr auf sich nehmen als Einzelunterricht bei Schurac! Nur mehr fünf Schritte. Nur mehr drei. Tishanea hob ihre Hand, um an den Türstock zu klopfen, und blieb reglos stehen. Sie war nur selten vor dieser Schilftür hier gestanden, aber der Anblick weckte keine einzige gute Erinnerung.

„Nun komm schon rein,“ grollte eine tiefe Stimme von drinnen. „Langes Zögern ist nie gut – schon gar nicht, wenn man keine Wahl hat.“

Tishanea ließ ihre Hand sinken und krampfte ihre Finger um den Türgriff. Mit allergrößter Überwindung schaffte sie es über die Schwelle. Schurac schwang sich aus seiner Hängematte und blieb mitten im Raum stehen. Das Zimmer schien um seine imposante Gestalt herum zu schrumpfen. Kein anderer Wasserhafter war so groß und so muskelbepackt wie er. Die drahtigen Felshaften sahen neben ihm geradezu zerbrechlich aus, aber er überragte auch jeden Erdhaften. Sein mächtiger Brustkorb, die breiten Schultern und kräftigen Oberarme hätten tatsächlich besser zum Körperbau eines Erdhaften gepasst. Darunter wirkten die langen, überaus schlanken Beinen des Wasserhaften beinahe lächerlich. Wenn er wenigstens sein schwarzes Haar auf irgendeine Art geflochten hätte wie alle anderen Wasserhaften! Aber er band es straff im Nacken zurück wie ein Felshafter. So traten die ebenmäßigen, aber grob geschnittenen Züge seines ovalen Gesichts noch markanter hervor. Auf den ersten Blick wirkte Schurac wie ein Fels in der Brandung. Als jüngster unter den Friedenslehrern stand er noch am Beginn des mittleren Alters. Es würde noch Jahrzehnte dauern, bis seine respektgebietende Erscheinung von schwindender Kraft gemildert würde. Erst der zweite Blick auf Schurac ließ eine unbändige Energie erkennen, die durch den strengsten Willen gerade noch im Zaum gehalten wurde. In Schuracs wasserblauen Augen lebte ein unstetes Flackern, und manche seiner Bewegungen gerieten eckig, fast unbeherrscht. Für gewöhnlich fühlte Tishanea sich in Schuracs Gegenwart wie eine Sardine neben einem Schwertwal. Nur an besonders guten Tagen fühlte sie sich wie eine Seeschlange. Heute war kein besonders guter Tag, aber zumindest ein besserer als die meisten.

Schurac sah in herrischem Schweigen auf Tishanea herab. Das Flackern in seinen Augen zeigte sich gedämpft, aber beharrlich. In der Gewissheit, dass sie ihm und dem Haus des dreifachen Friedens bald entkommen würde, hielt Tishanea Schuracs Blick länger stand als sonst. Doch am Ende ließ sie den Vorhang aus Zöpfen fallen.

„Eigentlich dachte ich, dass eine schwere Last auf deinen Schultern liegen muss, wenn ich deine Schritte schon von Weitem hören kann. Sonst huschst du beinahe lautlos an meiner Tür vorbei. Aber in deinen Augen sehe ich nichts von einer Last. Dort sehe ich nur deinen Eigensinn.“

„Vielleicht war das die Last – dass ich nicht vorbeihuschen durfte, sondern eintreten musste.“ Tishanea funkelte Schurac von unten her an. Sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie ihn verabscheute – weder mit ihren Worten noch mit ihrem Verhalten. Also gab es auch jetzt keinen Grund dafür, ihren Unwillen gegen die bevorstehenden Lektionen zu verbergen.

Schurac schien nichts anderes erwartet zu haben. Er blieb ungerührt – so ungerührt, wie sein energisches Wesen es zuließ. „Schade. Das beweist, dass du die Aufgabe, die vor dir liegt, nicht mit dem notwendigen Respekt angehst. Denn bei dieser Aufgabe handelt es sich in der Tat um eine schwere Last.“

Hohn brandete in Tishanea auf: „Wie kann es für eine Wasserhafte eine Last sein, nach Seestadt zu gehen? Seestadt ist meine Heimat! Eine Last kann es nur für jemand wie dich sein – für einen A–“

Eine mörderische Stichflamme aus Schuracs Augen ließ Tishanea jäh innehalten. Beinahe hätte sie zur Abwehr den Ellbogen vor ihr Gesicht gehoben. Vor vielen Jahren war dieselbe Stichflamme der Vorbote eines Hiebes gewesen, der sie auf den Steinboden niedergestreckt hatte – der einzige Schlag, der jemals im Haus des dreifachen Friedens ausgeteilt worden war. Sie sollte wahrlich klüger sein als Schurac nochmals einen Abtrünnigen zu nennen.

„Du weißt nichts über Lasten,“ donnerte Schurac. „Aber das überrascht mich auch nicht, nach deinem behüteten Leben im Haus des dreifachen Friedens! Vielleicht wirst du in der kommenden Zeit etwas über Lasten lernen – das heißt: wenn du in der kommenden Zeit nichts darüber lernst, wirst du es wohl nie lernen. Weißt du überhaupt, was deine Aufgabe ist?“

Hielt er sie nach zwölf Jahren immer noch für einen Dummkopf? „Ich soll in Seestadt herausfinden, ob Wasserhafte hinter dem Sprengstoffanschlag auf das Delegiertenviertel stecken – und wenn ja, die Täter aufspüren.“

Schurac betrachtete Tishanea prüfend vom zopfbesetzten Scheitel bis zu den Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Nur mit Mühe unterdrückte sie den Impuls, die Arme vor der Brust zu verschränken.

„Zumindest dein Kopf kennt die richtige Antwort. Aber kennt auch dein Herz deine Aufgabe?“

Tishanea ließ ihren Blick ziellos durch den Raum wandern. Was verstand Schurac schon von ihrem Herz. Besaß er selbst überhaupt genug Herz, um etwas darüber zu wissen? Außerdem war er es doch gewesen, der ihr stets eingebläut hatte, dass ein Dreistädter sich von seinem Kopf leiten lassen müsse, nicht von seinen Gefühlen. Es musste ihm also reichen, wenn ihr Kopf wusste, was sie zu tun hatte.

Schurac nahm einen großen Schritt, um Tishaneas mäandernden Blick abzuschneiden. Plötzlich hatte sie nichts als seine breite Brust vor Augen. Unwillkürlich wich Tishanea zurück, doch Schurac rückte nach. Ihre Ferse stieß gegen die Wand. Sie war eingeklemmt. Wie ein Wellenbrecher stürzte die Angst über sie herein – jene würgende Angst, die sie immer befiel, sobald Schurac nur noch eine Fischlänge entfernt stand. Tishanea kannte diese Angst, seit sie aus einem bösen Traum in die kaum weniger grausame Wirklichkeit des Hauses des dreifachen Friedens erwacht war. Der riesige Wasserhafte schien aus nächster Nähe eine verkörperte Drohung zu sein. Und obwohl es bis auf ein einziges Mal bei der unbestimmten Drohung geblieben war, schwand ihre Eindruckskraft nie. Tishaneas ganzer Körper spannte sich an wie der einer ins Eck gedrängten Fischkatze. Sie war unfähig, auch nur einen Finger zu rühren. Ihr Herz hämmerte, ihr Atem ging stoßweise. Wirre Gedanken jagten durch ihren Kopf, zu schnell, um einen davon zu fassen. Schurac blieb wie eine Mauer stehen. Endlich ebbte die ärgste Panik ab und die Furcht wurde erträglich. Tishanea straffte ihre Schultern und starrte mit zusammengepressten Lippen auf den groben Leinenstoff über Schuracs Brustbein.

„Natürlich,“ hob Schurac in schneidendem Ton an. „Du tust, was du immer tust, wenn dir etwas widerstrebt. Du verkriechst dich in deine Austernschalen – in der Hoffnung, dass sie nichts hinein- und nichts herauslassen werden.“ Mit drei riesigen Schritten kehrte Schurac zu seiner Hängematte zurück und nahm darin Platz. „Ich will nicht sagen, dass ein Verdeckter Wächter keinen Panzer braucht. Im Gegenteil – er ist sogar wichtig. Aber nur, damit der Verdeckte Wächter nichts von sich preisgibt. Es darf nicht sein, dass du dich gegen die Welt verschließt, wenn du nach Seestadt gehst. Du musst imstande sein, alles zu sehen – auch die Dinge, die du nicht sehen willst. Vor allem die Dinge, die du nicht sehen willst.“

Tishanea rührte sich nicht vom Fleck und lehnte sich in scheinbarer Lässigkeit gegen die Wand. Wie immer, wenn die Angst verschwunden war, ärgerte sie sich maßlos über sich selbst. Dass dieses Grauen nie ausblieb oder zumindest seine Intensität verlor! Alle Zöglinge wurden kleinlaut, wenn Schurac sich vor ihnen auftürmte. Der Wasserhafte wusste, welchen Eindruck seine Gestalt machte, und er nutzte ihn allzu gern, um sich durchzusetzen. Aber nur Tishanea verwandelte sich in seinem Schatten zu einem Bündel blanker Furcht. Trotzdem lehnte sie sich immer wieder gegen Schurac auf. Sobald er weit genug entfernt stand, ließen ihr Stolz und ihr Ärger die Angst genauso schnell verblassen wie sie gekommen war. Schurac siegte vielleicht in einzelnen Schlachten, aber den Krieg würde er nie gewinnen! Tishanea schoss einen abfälligen Blick in Schuracs Richtung.

„Ja, ja, ich weiß – du hältst es nicht für möglich, dass du in Seestadt etwas sehen wirst, was dir nicht gefällt. Eines musst du dir allerdings bewusst machen: Du kennst Seestadt nur aus den Augen eines Kindes. In den Augen eines Erwachsenen sieht Seestadt anders aus. Hinter diesen steinernen Fischleibern, die du jeden Tag sehnsüchtig betrachtest, liegt etwas ganz anderes als du glaubst. Aber du wirst deine Augen und deinen Geist trotzdem offen halten müssen, um deine Aufgabe zu erfüllen – um die Aufgabe des Hauses des dreifachen Friedens zu erfüllen!“

Das Haus des dreifachen Friedens! Seit zwölf Jahren gab es in ihrem Leben nichts anderes als das Haus des dreifachen Friedens! Doch was gingen sie die Aufgaben des Hauses des dreifachen Friedens an? Niemand hatte sie gefragt, ob sie ein Zögling werden wollte. Niemand hatte ihre Eltern gefragt, ob sie ihre Tochter ins Haus des dreifachen Friedens schicken wollten. Es war einfach Pech gewesen, dass sie im Jahr des Friedensschlusses ihren siebten Geburtstag gefeiert hatte, und dass das Los auf sie gefallen war. Der Zufall hatte sie und sechsundzwanzig andere Siebenjährige für ein Leben fern von ihren Familien bestimmt. Konnte der Zufall sie wirklich dazu verpflichten, die Aufgaben des Hauses des dreifachen Friedens zu ihren zu machen?

„Dein Schweigen gibt keinen Anlass zur Hoffnung.“ Schuracs Ton wurde schärfer. „Komm her!“

Unwillig trat Tishanea näher, bis sie etwa zwei Fischlängen von Schurac entfernt stand. Seine grimmigen Augen befanden sich nun auf gleicher Höhe mit ihren.

„Ich habe dir das schon tausendmal gesagt, aber ich werde es dir nochmals sagen, hier und jetzt, bevor du nach Seestadt hinausgehst – weil es jetzt nicht nur um Worte oder um Gedanken geht, sondern um Taten: Wenn dir Seestadt am Herzen liegt, musst du dich zuallererst um das Wohlergehen von ganz Dreistadt sorgen.“

All ihrer Entschlossenheit zu trotz wich Tishanea nach einer Weile dem strengen Blick des riesigen Wasserhaften aus.

„Geh jetzt. Komm morgen gleich nach dem Frühstück in den Trainingssaal für deine erste Lektion.“

Schurac schwang seine langen Beine in die Hängematte, verschränkte die Arme hinter seinem Nacken und schloss die Augen. Beim Hinausgehen bedauerte Tishanea zum unzähligen Mal, dass es unmöglich war, die geflochtenen Schilftüren hinter sich zuzuknallen.


Der Einzelunterricht bei Schurac wurde zur Tortur. Tishanea ertrug seine ständige Gegenwart nur, indem sie sich tatsächlich in ihre Austernschalen zurückzog. Doch je mehr sie sich zurückzog, desto schärfer und eindringlicher wurden Schuracs Ermahnungen und Instruktionen. Außerdem verlangte er ständig von ihr, seine Lektionen zu wiederholen – um zu prüfen, ob sie zu Tishanea durchdrangen. Dass sie meist imstande war, seine Reden beinahe wörtlich wiederzugeben, minderte seine Gereiztheit nicht im Geringsten. Zum einen tat Tishanea nichts, um ihren Wiederholungen den bitteren Beigeschmack der Parodie zu nehmen. Zum anderen hielt Schurac das Nachleiern seiner Worte für den Beweis, dass Tishanea die Lektionen nicht verinnerlichte. Nicht einmal die Übungen in wasserhafter Kampftechnik boten ein Ventil für die zunehmende Frustration. Am letzten Unterrichtstag brach Schurac mitten im Training ab und stürmte mit geballten Fäusten davon. Im ersten Augenblick hielt Tishanea die heftige Regung, die in ihr aufwogte, für Triumph. Gleich darauf musste sie sich eingestehen, dass es Furcht war. Schurac hatte ihr gerade noch rechtzeitig den Rücken zugekehrt, bevor aus ihrem Übungskampf Ernst geworden war. Wenn er nicht abgebrochen hätte, würde sie morgen nicht nach Seestadt gehen. Stattdessen hätte sie im Krankenzimmer geendet – bestenfalls. Schurac blieb verschwunden und tauchte selbst zum Abendessen nicht auf. Tishanea brachte keinen Bissen hinunter. Bedeutete dies, dass sie nun doch im Haus des dreifachen Friedens bleiben musste? Aber als sie begann, ihre Sachen zusammenzupacken, hielt Flynna sie nicht zurück.

Der Abschied von ihren Triasbrüdern im Morgengrauen fiel kurz und einsilbig aus. So wie Tishanea mit ihren Gedanken bereits in Seestadt war, schienen Paukir und Rogosol mit ihren Gedanken bereits in Felsstadt und Erdstadt zu sein. Auch Flynna sprach kaum, obwohl Tishanea die Sorge in ihren Augen sehen konnte. Freilich war die Erdhafte nie eine Frau vieler Worte gewesen. Von Anfang an hatte sie ihre Grundsätze ebenso knapp wie unnachgiebig durchgesetzt, ohne dabei jemals ihre Freundlichkeit aufzugeben. Der wichtigste dieser Grundsätze lautete: Solange die Zöglinge ihre Pflichten erfüllten, durften sie während der übrigen Zeit ungestört ihre wenigen Freiheiten nutzen. Unter allen Friedenslehrern fand Tishanea Flynna am erträglichsten. Trotzdem war sie weit von Abschiedsschmerz entfernt, als sie in der Eingangshalle auf Schurac wartete. Heute würde sie das Tor nach Seestadt durchschreiten! Allein der Gedanke machte Tishanea schwindlig. Gerne hätte sie sich hingesetzt. Doch sie wollte ihre Aufregung nicht einmal vor sich selbst eingestehen – geschweige denn vor Schurac. Nach seinem abrupten Abgang aus der Trainingshalle würde er sie seine ganze Strenge spüren lassen. Sie durfte sich also keine Schwäche erlauben. Endlich betrat Schurac die Eingangshalle. Erstaunt sah Tishanea, dass er die übliche Sommerkleidung der Lehrer und Zöglinge des Hauses des dreifachen Friedens trug – ein Hemd und eine wadenlange Hose aus ungefärbtem Leinenstoff. Sonst unternahm der Wasserhafte seine seltenen Ausflüge nach Seestadt in einer knielangen, ärmellosen Tunika aus glänzendem Fischleder, mit einem Gürtel aus Seeotterfell um die Taille. Ein solches Gewand hielt er auch heute in seinen Händen, doch völlig unerwartet streckte er es Tishanea entgegen.

„Das wirst du später anziehen. Jetzt komm.“

Schurac streifte Tishanea kaum mit einem Blick bevor er auf die Straße hinausschritt. Hastig griff die Wasserhafte nach ihrem Bündel und folgte ihm. Statt sich nach links zu wenden, in die Richtung des Seestädter Tors, steuerte Schurac eine Seitengasse an. Dort hielt ein von Erdochsen gezogener, mit einem Stoffzelt überdachter Karren. Auf Karren wie diesen transportierten die Erdstädter Getreide und andere Feldfrüchte. Schurac nickte dem erdhaften Karrenführer zu und zog die Zeltplane beiseite.

„Steig ein.“

Tishanea schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich dachte, ich gehe nach Seestadt.“

„Du gehst nach Seestadt,“ knurrte Schurac. „Aber du kannst nicht einfach durch das Seestädter Tor spazieren.“

Bitterkeit brandete in Tishanea auf. „Warum nicht? Wenn ich von einem Friedenslehrer begleitet werde, werden die Seewächter mich wohl durchlassen müssen – auch wenn ich ein Zögling bin!“

Schurac schnaubte. „Die Seewächter kennen euch Zöglinge nicht. Wir haben euch nur erzählt, dass sie euch erkennen und ins Haus des dreifachen Friedens zurückschicken würden, damit ihr nicht versucht, abzuhauen – und es hat gewirkt. Du kannst heute nicht einfach nach Seestadt hineinspazieren, weil du ein völlig neues Gesicht bist. Die Seewächter und die engstirnigen Wasserhaften beobachten, wer häufig zwischen Seestadt und dem Mittleren Grund hin und her wechselt. Wenn Seestädter hinter diesem Sprengstoffanschlag stecken, dann werden diese Seestädter erst recht darauf achten, wer vom Mittleren Grund nach Seestadt kommt. Schließlich könnte es sich um Ermittler handeln. Neue Gesichter würden ihnen sofort verdächtig vorkommen.“

„Und ein erdhafter Kärrner mitsamt seinen Erdochsen wird ihnen natürlich nicht verdächtig vorkommen,“ gab Tishanea sarkastisch zurück. „Weil er das Seestädter Tor nämlich gar nicht passieren darf. Oder ist plötzlich die Haftigkeitsbeschränkung für die drei Städte aufgehoben worden?“

Ein strenger Blick schoss auf Tishanea herab. „Der Kärrner wird uns durch Erdstadt hindurch aus der Stadt bringen – unter der Plane versteckt. Draußen am Fluss steigen wir auf ein Schiff um. Am Seestädter Hafen kommen täglich so viele fremde Wasserhafte an, dass ein neues Gesicht nicht auffällt. Und jetzt steig endlich ein!“

Brodelnd vor Zorn und Enttäuschung kletterte Tishanea auf den Wagen, um sich in die hinterste Ecke zu kauern. Statt durch das Seestädter Tor zu schreiten, musste sie sich einschleusen lassen – über Erdstadt! Dabei wäre ihr das Seestädter Tor immer offen gestanden – nur eine Lüge hatte sie davon abgehalten, in ihre Heimatstadt zu fliehen! Schurac duckte sich ebenfalls unter den Zeltfirst. Einen Augenblick lang amüsierte Tishanea sich darüber, wie lächerlich seine riesige Gestalt auf dem Karren wirkte. Dann war sie nur noch damit beschäftigt, mehr als eine Fischlänge Abstand zu Schurac zu halten. Nachdem der Wasserhafte dreimal hart auf die Planken der Ladefläche geklopft hatte, ging ein Ruck durch das Gefährt. Die Erdochsen setzten sich in Bewegung – in dem gemächlichen Tempo, das ihnen eigen war. Mit nichts als einer Zeltplane oder Schurac vor Augen dehnte sich die Fahrt schier ins Endlose. Die heimliche Reise durch Erdstadt zwang Schurac zwar zum Schweigen, aber er durchbohrte Tishanea immer wieder mit prüfenden Blicken. Auf diesem engen Raum war es unmöglich, den riesigen Wasserhaften zu ignorieren. Ständig lag ein Schatten der würgenden Angst über Tishanea. Die Anspannung, die stickige Luft und das Rütteln des Karrens riefen bald Übelkeit hervor. Beinahe wäre Tishanea erleichtert aufgesprungen, als der Wagen plötzlich hielt. Doch der Wortwechsel, der durch die Plane drang, erinnerte Tishanea rechtzeitig daran, dass sie das Äußere Erdstädter Tor noch nicht passiert hatten. Am Inneren Tor, zwischen dem Mittleren Grund und Erdstadt, hatten die Erdwächter den Karren anstandslos durchgelassen. Hoffentlich würden sie auch diesmal nicht auf die Idee kommen, einen Blick unter die Plane zu werfen. Wasserhafte waren in Erdstadt ebenso verboten wie Felshafte oder Erdhafte in Seestadt. Wieder setzte der Wagen sich in Bewegung, und diesmal wurde die Fahrt noch unruhiger. Die gepflasterten Straßen der Stadt lagen hinter ihnen. Tishanea hielt sich krampfhaft fest, um nicht gegen Schurac geschleudert zu werden. Irgendwann wurde das Geratter des Karrens von einem anderen, gleichmäßigeren Geräusch untermalt: Das Rauschen eines Flusses. Kurz darauf hielt der Wagen erneut. Schurac hob die Zeltplane, um hinauszuspähen.

„Wir sind da.“ Er schlug die Plane zurück und war auch schon verschwunden.

Tishanea sammelte ihre Habseligkeiten zusammen. Alles andere als elegant manövrierte sie ihre steifen Gliedmaßen von der Ladefläche. Draußen kniff sie die Augen gegen das grelle Sonnenlicht zusammen und versuchte, ihre Übelkeit abzuschütteln. Schurac gab sich völlig ungerührt, obwohl die Fahrt auf dem engen Karren für ihn noch unbequemer gewesen sein musste. Er entließ den Kärrner mit einem knappen Nicken und winkte Tishanea, ihm zu folgen. Zielstrebig lenkte er seine Schritte auf das Flussufer zu, wo eine Lücke im Schilfgürtel den Blick auf einen Steg freigab – eine Anlegestelle für jene Handelsschiffe, die Güter zwischen Seestadt und den wasserhaften Städten am oberen Flusslauf beförderten. Kein Schiff war in Sicht. Schweigend ließ Schurac sich auf dem Steg nieder. Tishanea setzte ihr mageres Gepäck ab und steuerte eilig das Buschwerk am Ufer an. Schurac musterte sie misstrauisch, sagte aber nichts. Erst als Tishanea sich bereits in die Büsche schlagen wollte, holte seine Stimme sie doch noch ein:

„Zieh dich auch gleich um!“

Tishanea hörte ein flatterndes Geräusch und wandte sich um – zu spät. Ein Haufen glänzendes Fischleder landete zu ihren Füßen. Zähneknirschend hob sie die Tunika auf. Nach zwölf Jahren bekam sie endlich wieder ein wasserhaftes Gewand. Und Schurac hatte nichts Besseres zu tun, als es in den Dreck zu werfen! Ihr Ärger verflog, sobald sie im Schutz des Buschwerks die Tunika über ihren Kopf zog. Die Leinenkleidung der Zöglinge war ihr nie unangenehm gewesen – nicht einmal die winterlich langen Hosen und die schwarzen Wollumhänge. Aber dies hier war etwas völlig anderes. Trotz der Sommerhitze lag das Fischleder kühl auf ihrem Körper. Nie würde es an der Haut kleben wie verschwitztes Leinen. Schweiß perlte von diesem Material genauso ab wie Regen oder Meerwasser. Gleich dem Schuppenkleid eines prächtigen Fisches spiegelte das glänzende, hellgraue Leder die Farben der Umgebung wider. Der schmale Pelzgürtel weckte Erinnerungen an den Seeotter, den sie in ihrer Kindheit als Haustier gehalten hatte. Übelkeit und Anspannung schwanden mit einem Schlag. Plötzlich erschien alles einfach und richtig. Heute würde sie endlich nach Hause kommen. Zu Seeottern, zu Fischleder, zum Fluss und zum Meer – zu ihrer Haftigkeit! Mit stolz erhobenem Kopf und gestrafften Schultern kehrte Tishanea zu der Anlegestelle zurück.

Schuracs Augen verengten sich jäh. „Das waren deine letzten Schritte im Paradegang,“ knirschte er zwischen den Zähnen hervor. „Für die Erfüllung deiner Aufgabe ist nichts so wichtig wie Unauffälligkeit.“

Dieses eine Mal gelang es Schurac nicht, Tishaneas Stimmung zu trüben: „Du musst es ja wissen – du bist schließlich ein Experte für Unauffälligkeit.“

Tishanea ließ sich am Rand des Steges nieder und begriff einen Lidschlag später, welch großen Fehler sie damit gemacht hatte. Sie fühlte das Beben der Holzplanken, als Schurac sich erhob, um an ihre Seite zu treten. Noch bevor sein Schatten über sie fiel, packte die lähmende Angst Tishanea im Nacken. Es war schlimm genug, dicht neben Schurac zu stehen. Vor ihm auf dem Boden zu sitzen, brachte sie fast um den Verstand. Der Fuß, der vor ihren panischen Augen waberte, schien beinahe so lang zu sein wie ihr Oberschenkel.

„Meine mangelnde Unauffälligkeit bringt mir Vorteile, die dir jedenfalls abgehen.“ Schurac sprach leise, aber überaus scharf. „Um mich schlagen alle einen Bogen. Das kannst du von dir nicht behaupten. Deshalb rate ich dir, bei größtmöglicher Unauffälligkeit zu bleiben.“

Tishanea verharrte reglos in ihrer geduckten Haltung. Wenn Schurac auf eine Antwort wartete, stand ihr eine lange Marter bevor. In seiner unmittelbaren Nähe brachte sie nie ein Wort hervor. Für gewöhnlich gab er irgendwann auf und wich zurück, aber sie waren nicht mehr im Haus des dreifachen Friedens. Dies war seine letzte Gelegenheit, sie zu maßregeln. Plötzlich vernahm Tishanea einen Ruf von flussaufwärts. Schuracs Fuß verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie fühlte sich, als bräche sie in Atemnot durch die Wasseroberfläche. Nach Luft schnappend rappelte Tishanea sich auf. Um den Ärger über ihre blinde Furcht vor Schurac zu ersticken, richtete sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Schiff, das sich der Anlegestelle näherte. Es war ein ganz gewöhnliches Handelsschiff, wie sie zu Dutzenden den Fluss befuhren – kleiner als ein Hochseeschiff und mit geringerem Tiefgang, dafür mit breiterem Rumpf. Die Segel waren gerefft. Der Wind wehte flussaufwärts, und weil das Boot ohnehin von der Strömung vorwärtsgetrieben wurde, ruhten auch die Ruder. Außer den Anweisungen des Kapitäns an den Steuermann kam kaum ein Geräusch von Bord. Schließlich warf der Kapitän Schurac ein Seil zu, und das Schiff stieß mit dumpfem Ton gegen den Steg. Schurac schlang das Seil um einen Pfahl, ohne es jedoch loszulassen. Er deutete flüchtig mit seinem Kinn auf das Schiff.

„Steig ein.“

Der Kapitän streckte eine Hand aus, um Tishanea zu helfen. Sie ignorierte ihn und schwang sich mitsamt ihrem Reisebündel über die Bordwand. Erst danach fiel ihr glühend heiß ein, dass die Bootsleute nichts mit dem Haus des dreifachen Friedens zu tun hatten. Sie schuldete diesen Wasserhaften Höflichkeit. Verlegen führte sie die rechte Faust zur gesenkten Stirn. Zu ihrer Erleichterung wurde der Gruß mit einem Lächeln erwidert. Im nächsten Augenblick sprang Tishanea hastig zur Seite. Schurac hatte das Schiff vom Steg abgestoßen und landete dicht neben ihr auf den Decksplanken.

Der Kapitän grinste ihn an und klopfte ihm auf den Oberarm, wie er einem kleineren Mann wohl auf die Schulter geklopft hätte. „Willkommen an Bord, Schurac. Lange nicht mehr gesehen. Wenn ich deine Botschaft richtig verstanden habe, wirst du allerdings auch heute keine Zeit für ein Glas Felsbeerenwein haben.“

„Nein, habe ich nicht, Russir. Ein anderes Mal wieder.“

Russir ließ sich durch die kühle Antwort nicht beirren: „Vielleicht an einem der nächsten Abende. Es wird mindestens fünf Tage dauern, bis die neue Schiffsladung zusammengestellt sein wird. Solange muss ich auf jeden Fall in Seestadt bleiben. Wir könnten also noch Zeit für einen Schwatz finden.“

Er schien sich ernsthaft darüber zu freuen, Schurac zu treffen. Tishanea betrachtete den Kapitän misstrauisch. Welcher Wasserhafte, der noch alle Fische im Netz hatte, würde Schurac mögen? Doch sein Lächeln wirkte unverändert freundlich auf sie.

„Macht es euch achtern bequem. Dort ist genug Platz und ihr werdet niemandem im Weg sein.“

Vorsichtig bahnte Tishanea sich einen Weg zwischen Kisten und Bündeln. Das Schiff und seine Besatzung verwirrten sie durch eine bunte Mischung aus Vertrautheit und zwölfjähriger Entfremdung. Auf dem Hinterdeck ließ Tishanea ihr Bündel fallen und lehnte sich an die Reling. Ihr Blick schweifte über den Fluss bis zum baumbewachsenen Ufer. So weiten Ausblick hatte sie seit Jahren nicht mehr gehabt. Langsam flutete ein Gefühl von Freiheit durch Tishanea. Die Fesseln des Hauses des dreifachen Friedens begannen sich zu lockern – für einen kurzen Augenblick.

„Komm her, setz dich nieder.“ Schurac hatte im Heck dicht an der Bordwand Platz genommen.

Unwillig ging Tishanea hinüber und ließ sich mit gekreuzten Beinen auf den Planken nieder. Wenn sie saß, konnte sie nicht über die Reling sehen. Der Blick auf die Landschaft blieb ihr verwehrt. Zweifellos hatte Schurac genau das im Sinn gehabt.

„Wir werden bald im Hafen ankommen. Also, nochmal zur Sicherheit: Wer bist du?“

Tishanea seufzte lautlos. Schurac hatte ihr eine erfundene Lebensgeschichte eingeschärft. Diese Geschichte sollte sie mit jenen Seestädtern zusammenführen, die gegen eine gemeinsame Stadt der Wasserhaften, Erdhaften und Felshaften waren. Wenn Wasserhafte hinter dem Sprengstoffanschlag steckten, würden sie unter diesen engstirnigen Seestädtern zu finden sein. Tishanea hatte sich geschworen, diese Lügengeschichte niemals zu erzählen. Aber nun musste sie noch für eine kurze Zeit Schurac bei Laune halten.

„Mein Name ist Tishanea.“ Das war zwar nicht erfunden, sollte aber die Glaubhaftigkeit der folgenden Lügen untermauern. „Ich wurde durch das Los dazu bestimmt, ein Zögling im Haus des dreifachen Friedens werden. Aber noch bevor ich in das Haus des dreifachen Friedens gebracht werden konnte, riss ich aus. Um den Friedenslehrern endgültig zu entkommen, versteckte ich mich im Hafen auf einem Schiff – einem Flusshandelsschiff. Natürlich wurde ich bald entdeckt und wie jeder blinde Passagier im nächsten Hafen von Bord geworfen – in Zweimündung. Dort musste ich einige Zeit als Bettlerin auf der Straße leben, bis ich von einer Familie als Dienerin aufgenommen wurde. Jetzt kehre ich nach Dreistadt zurück, um mich an den Leuten zu rächen, die mich aus meiner Familie rissen und mein Leben zerstörten.“

Den letzten Teil ihrer erfundenen Lebensgeschichte fand Tishanea besonders grotesk. Wenn Schurac solch vermeintliches Seemannsgarn spann, war ihm dann bewusst, dass die Gründer des Hauses des dreifachen Friedens sie wirklich aus ihrer Familie gerissen und ihr Leben zerstört hatten? Aber keiner der Friedenslehrer schien an die Möglichkeit zu denken, dass die Zöglinge Rachegelüste hegen könnten.

„Womit verdiente die Familie, der du dienen musstest, ihren Lebensunterhalt?“

„Sie führte eine kleine Schule.“

Schurac nickte. „Das ist besonders wichtig. Wage es ja nicht, einen anderen Beruf für deine angeblichen Dienstherren zu erfinden.“

Tishanea rollte mit den Augen. „Ja, ich habe schon nach den ersten zehn Erläuterungen verstanden, warum das so wichtig ist: Das Leben in einer kleinen, abgeschlossenen Schule ist mir vertraut. Ich kann also darüber erzählen, ohne zu stocken und ohne Verdacht zu erwecken. Außerdem erklärt diese Geschichte, warum mir manches vom Alltagsgeschehen in einer wasserhaften Stadt fremd ist – und warum ich nicht wie ein Hafenarbeiter aus der Gosse spreche.“

„Ich sollte es dir noch ein elftes Mal erläutern. Vielleicht würde ich dann endlich den Eindruck bekommen, dass du die Angelegenheit ernst nimmst.“ Schurac fixierte Tishanea unter grimmig zusammengezogenen Brauen. „Wie wirst du vorgehen?“

„Ich werde in einem Hafengasthaus ein Zimmer mieten,“ leierte Tishanea herunter. „Dann werde ich möglichst vielen Seestädtern meine Geschichte erzählen und sie über Dreistadt und über den Mittleren Grund ausfragen. Und ich werde versuchen, mehr über diejenigen Seestädter herauszufinden, die am abfälligsten über Dreistadt sprechen, und die sich am meisten dafür interessieren, dass ich mich an den Gründern des Hauses des dreifachen Friedens rächen will.“

„Und?“

„Ich werde dir alle zwei Wochen Bericht erstatten – in einem Steinhaus in der Krakengasse, an dessen Wand ein Relief mit zwei Seelöwen hängt.“

„Und?“

„Ich verlasse Seestadt nicht ohne deine Erlaubnis.“

Und?“

Feindselig verhakte Tishaneas Blick sich in Schuracs heftig flackernden Augen. Erbittert hielt sie dem Starren des Wasserhaften stand, bis ein plötzliches Krachen sie zusammenfahren ließ. Unter Deck musste ein Fass umgefallen sein.

„Also?“ beharrte Schurac.

„Ich werde mich von meiner Familie fernhalten,“ zischte Tishanea. „Ich werde nicht versuchen, sie zu sehen, mit ihnen zu sprechen oder auf irgendeine andere Weise Kontakt zu ihr aufzunehmen.“

Schurac ließ seine Hand wie ein Schwert durch die Luft sausen.„Exakt.“

„Und wenn ich erfahre, dass meine Familie besonders abfällig über Dreistadt spricht? Soll ich mich auch dann noch von ihr fernhalten?“ Tishanea funkelte Schurac herausfordernd an.

Ein unbestimmter Ausdruck flirrte über seine Miene. Danach beherrschte er seine Züge umso strenger. „Hältst du es denn für möglich, dass deine Eltern dazu imstande wären, einen Sprengstoffanschlag zu verüben?“ Obwohl Schurac im unbeteiligten Ton eines Mannes sprach, der die Antwort bereits kannte, war die Drohung unüberhörbar.

Tishanea fühlte ein Würgen in ihrer Kehle. Wieder einmal hatte ihr Trotz sie noch tiefer in Schuracs Netz getrieben. Zu groß war die Versuchung gewesen, Schurac mit der Nase darauf zu stoßen, dass in seinen vorgeblich scharf durchdachten Befehlen ein riesiger Widerspruch klaffte. Aber zuletzt saß natürlich er am richtigen Ende der Angelrute. Er sorgte seit zwölf Jahren dafür.

Gegen Tishaneas Willen brach ihre ganze Bitterkeit hervor:„Was weiß ich schon über meine Eltern?“

Ihr war nichts von ihrer Mutter und von ihrem Vater geblieben als die dunklen Erinnerungen einer Siebenjährigen. Aber eines wusste Tishanea mit Sicherheit: Dass es für sie keine Rolle spielte, was ihre Eltern über die Gründung von Dreistadt gesagt hatten oder was sie heute über Dreistadt sagen würden.

Nachdem Schurac keine Anstalten machte, weitere Fragen zu stellen, stand Tishanea auf. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder auf die vorüberziehende Landschaft konzentrieren konnte. Das Wasser unter dem Schiff wurde brackig, als der Fluss sich zu einem Delta weitete. Bald erkannte Tishanea backbord die Hafeneinfahrt von Seestadt. Steuerbord öffnete sich der Blick auf das Meer. Plötzlich fühlte die Wasserhafte ein Brennen in ihren Augen. Rasch schloss sie die Lider und ließ sich den Seewind um die Nase wehen.


Die Ankunft im Hafen von Seestadt drohte Tishanea zu überwältigen. Durchdringender Geruch nach Fisch und Pech hing in der Luft. Unentwegt hallten die lauten, rauen Rufe von Seeleuten und Hafenarbeitern. Wie viel mehr Leute hier unterwegs waren als auf dem Mittleren Grund! Und alle sahen gleich aus, mit ihrer grünlichen Haut, den langen Gliedmaßen, ovalen Gesichtern und dem geflochtenen Haar in Schwarz oder Seetanggrün. Nirgends zeigte sich eine Spur von Ockerrot und Steingrau auf drahtig-kantigen Figuren oder Erdtöne auf stämmigen Gestalten. Erst nach und nach nahm Tishanea die Unterschiede zwischen all diesen Wasserhaften wahr – unterschiedliche Flechtfrisuren, Augen in allen möglichen Grün- und Blautönen, Gewänder aus verschiedenen Lederarten vom Fisch bis zum Seehund.

Der Kapitän trat an Tishaneas Seite. „Es ist Zeit, von Bord zu gehen. Ein Schriftmeister vom Hafenamt ist gerade dabei, die Ladung im Unterdeck zu inspizieren. Die Waren am Oberdeck sind bereits inspiziert worden und werden nun ausgeladen. Es wird also ständig jemand die Laufplanke hinauf- und hinunterlaufen. Unauffälliger kannst du dich nicht in das Hafengetriebe mischen. Lade dir einen der kleineren Stoffballen auf die Schultern, leg ihn unten am Kai bei der übrigen Ladung ab und verdrück dich dann.“

Unsicher wandte Tishanea sich zu Schurac um. Der Wasserhafte saß immer noch an die Bordwand gelehnt, unsichtbar für die Seestädter auf den umliegenden Booten und am Kai. Er nickte.

„Tu, was Russir dir sagt. Tu alles, was ich dir gesagt habe. Und folge dem Geist des Hauses des dreifachen Friedens!“

Ein letztes Mal durchbohrte Schurac Tishanea mit einem strengen Blick. Dann glitt er in einem Zug über die Bordwand. Noch bevor Tishanea begriffen hatte, dass Schurac sich bewegte, hörte sie bereits das Wasser des Hafenbeckens über seinem Kopf zusammenschlagen.

Russir lachte über ihre verwirrte Miene. „Schurac wird um die Stadt herum zu den Klippen schwimmen. Von dort kann er direkt zum Mittleren Grund hinaufklettern. Er wollte heute nicht im Hafen gesehen werden. Fertig für Seestadt?“

Tishanea nickte, obwohl ihre Füße auf den Decksplanken verankert zu sein schienen.

„Nun denn –“ Russir vollführte eine weitausladende Geste, als wolle er den Hafen anpreisen wie eine Ware. „Die Stadt steht dir offen. Alles Gute!“

Diesmal dachte Tishanea gerade noch rechtzeitig daran, ihre Faust zur gesenkten Stirn zu führen. Sie klemmte ihr Bündel unter ihren Arm, lud sich einen Stoffballen auf die Schultern und balancierte vorsichtig die Laufplanke hinab.