Das Gleißende Band


II

Verdrossen lauschte Leovel den Geräuschen von dreißig schlafenden Frauen und Männern. Sie hätte ebenso gut bei ihren Drubanter Kameraden sein können, in einer Baracke an der Fallusgrenze. Auch dort wäre sie auf einer Strohschicht statt auf einem Feldbett gelegen. Allerdings wäre es in der Drubanter Baracke um einiges kälter gewesen – obwohl die Strohschicht dort keinen Steinboden bedeckte, sondern gestampfte Erde. Die Leibwache der Herrin des Esbir hatte im Schlachthaus des Gutshofes Quartier gefunden. In der großen Feuerstelle, über der sonst der Wurstkessel hing, glühten immer noch die Reste von Holzkohlen. Leovel streckte eine Hand nach ihrem Mantel aus, der neben der Feuerstelle hing. Über Nacht war das Leder getrocknet. Sie würde die Schwertscheide wieder an ihrem gewohnten Platz einhaken können. Als sie die Hand wieder sinken ließ, stockte Leovel der Atem. Ihr Mantel und ihr Schwert waren in besserer Verfassung als sie selbst. Unter ihrem linken Schulterblatt pochte der Schmerz in der alten Wunde. Die Haut auf ihren Knien und Oberschenkeln brannte wie Feuer. An ihren Füßen juckten zahlreiche Frostbeulen. Wenn das gleißende Band nicht nur die Lebensgefahr auf die beiden Verbundenen übertragen hätte, sondern auch ihre Verletzungen, hätte Kurany schon längst vor Schmerzen geschrien. Was eine Drubanter Schwerttochter plagte, musste eine zarte Esbirkolner Knospe in den Wahnsinn treiben. Unter gedämpftem Knurren knetete Leovel ihre linke Schulter. Solche Schmerzen würden die zukünftige Herrin des Esbir vielleicht lehren, welche Folgen der Krieg hatte, der im Namen ihres Hauses geführt wurde.

Ein scharfer Ruf der Wache an der Tür brachte Leben in die Esbirkolner Ritter. Die routinierten Griffe der Leibwächter ließen keinen Zweifel über den Drill und die Disziplin dieser Truppe. Im Nu waren Rückenpanzer und Brustpanzer angelegt, die grünen Waffenröcke darüber gezogen und die Schwertgürtel umgeschnallt. Nur die Helme blieben vorerst neben den Schlafstätten liegen. Neben Leovel hatte sich auch Frens für den Tag gerüstet.

„Hauptmann!“ Ein junger Ritter schlängelte sich zwischen seinen Kameraden durch und salutierte. „Die Herrin und der Herr wollen Euch noch vor dem Frühstück sehen.“

Frens nickte und winkte dem Ritter, sich zu entfernen. Nach einem scharfen Blick auf Leovel kratzte er sich brummend die Bartstoppeln. „Howert!“ donnerte er plötzlich.

„Ja, Hauptmann?“ Ein Kahlkopf auf der anderen Seite der Feuerstelle wandte sich Frens zu.

Überrascht blickte Leovel in ein völlig faltenfreies Gesicht. Dieser Ritter war nicht alt oder hatte frühzeitig sein Haar verloren – er hatte nie welches gehabt. Nicht einmal Wimpern saßen auf den schweren Lidern.

„Nimm das Sprenkelgesicht mit zum Frühstück! Du und Gulis seid dafür verantwortlich, dass sie sich dort benimmt – und dafür, dass sie heil bleibt.“

Der Mund des Kahlköpfigen zuckte. „Sie soll am Zweiten Tisch essen? Eine Drubanter Schwerttochter? Ich würde sie mit der Mannschaft essen lassen – bestenfalls.“

Frens wuchtete seinen bulligen Körper einen Schritt auf Howert zu. „Wenn du jemals in den Rang eines Hauptmanns hinaufstolpern solltest, Leutnant, kannst du tun, was immer du für richtig hältst. Das wird allerdings nur über meine Leiche geschehen. Jetzt gilt mein Wort – und die Schwerttochter isst am Zweiten Tisch! In der Mannschaft geht sie zu leicht unter. Im Hofstaat können wir sie leichter im Auge behalten, außerdem kann dort nichts geschehen. Am Zweiten Tisch essen nur besonnene, vertrauenswürdige Leute.“

Howert hob die kahlen Stellen, auf denen seine Augenbrauen gesessen wären, wenn er welche gehabt hätte. „Ach ja? Ich kann nicht behaupten, dass ich allen Leuten im Hofstaat traue. Da gibt es zumindest eine Gestalt...“

„Ist dir jetzt auch noch die Gesellschaft am Zweiten Tisch zu minder? Dein Pech – die Herrschaften werden dich leider nicht an ihrem Tisch sitzen lassen.“ Frens zog seinen Schwertgürtel straff und stemmte die Hände in die Hüften. „Futter für dich gibt es am Zweiten Tisch oder gar nicht – außer du willst künftig wieder als einfacher Leibwächter mit der Mannschaft essen. Gulis wäre überglücklich darüber. Sie hofft schon lange darauf, von der Zweiten zur Ersten Leutnantin aufzusteigen.“

In der Ecke neben der Tür blickte eine stämmige Frau erwartungsvoll auf, während sie ihr schwarzbraunes Haar zu einem Zopf flocht.

„Ihr dreht einem auch jedes Wort im Mund um,“ zischte Howert zwischen den Zähnen hervor. „Inzwischen solltet Ihr wissen, dass ich Eure Befehle immer treu befolge – treu, aber nicht blind. Wenn Ihr blinden Gehorsam verlangt, werdet Ihr irgendwann ein Heer von Blinden anführen!“

„Und wenn du immer zu großzügig mit deinen Weisheiten bist, werden sie dir irgendwann ausgehen! Lass endlich das Geschwätz und sei der Leibwächter, der du sein sollst! Die Gefahr für die Knospe ist nicht vorbei – sonst hätten wir das Problem mit dem Sprenkelgesicht nämlich gar nicht.“ Mit knallenden Absätzen stiefelte Frens davon.

Howert beäugte Leovel voller Unmut. „Hoffentlich isst du wenigstens nicht wie ein Schwein.“

„Natürlich nicht.“ Leovel hatte inzwischen ihr Schwert eingehakt. Schwungvoll schlüpfte sie in ihren Mantel. Mit dem vertrauten Gewicht auf den Schultern und dem Ledergeruch in der Nase sah die Welt eine Spur weniger teuflisch aus. „Schweine fressen aus Trögen. Wir Drubanter Soldaten lassen die Tröge weg und fressen gleich vom Boden.“

Empörung breitete sich über Howerts Züge. Leovel war nicht sicher, ob ihr Spott ihn entrüstete, oder ob er ihn für die Wahrheit hielt.

„Fertig?“ Gulis tauchte neben dem Ersten Leutnant auf.

„Nein.“ Howert warf einen vielsagenden Blick auf Leovel. „Aber wir werden trotzdem jetzt zum Frühstück gehen müssen, wenn wir vor dem Beginn unserer Wache noch etwas essen wollen. Und ich will etwas essen. Ich brauche meine Kraft.“

„Heute werden wir nicht allzu viel Kraft brauchen. Es schneit immer noch, also werden wir heute bestimmt noch nicht aufbrechen – leider.“ Mit einer knappen Geste bedeutete Gulis Howert, vorauszugehen, während sie das Schlusslicht hinter Leovel bilden würde.

„Auch wenn es inzwischen zu schneien aufgehört hätte, würden wir heute noch nicht aufbrechen,“ bemerkte Howert über seine Schulter hinweg. „Es sind noch zu viele Dinge ungeklärt und wir wissen nicht, wo die Gefahr lauert.“

„Die Knospe ist aus den Mauern dieses Gutshofes entführt worden.“ Gulis dämpfte ihre Stimme, als sie im Gang auf einen Mann trafen, der wohl zum Gesinde des Gutshofes gehörte. „Also lauert die Gefahr hier. An der Stelle der Herrin und des Herrn würde ich diesen Ort so schnell wie möglich verlassen.“

„Wenn die Knospe aus diesen Mauern entführt worden ist, lauert die Gefahr nicht innerhalb dieser Mauern, sondern außerhalb. Willst du außerdem allen Ernstes behaupten, dass der Hofstaat draußen im freien Land leichter zu verteidigen wäre als hier, hinter festen Mauern?“ Howert ließ Gulis keine Zeit für eine Antwort, sondern fuhr fort: „Vergiss außerdem nicht, dass wir mit mehr als einer Gefahr rechnen müssen. Oder bin ich der Einzige, der sich Gedanken darüber macht, dass eine Drubanter Schwerttochter auf Esbirkolner Boden aufgegriffen wurde?“ Wieder wurde Leovel von einem düsteren Blick getroffen.

„Seit der Schlacht an der Furt von Runkur hast du echt einen Verfolgungswahn,“ erklang Gulis’ Stimme hinter Leovels Rücken. „Die Drubanter würden doch nie von Südwesten her angreifen. Erstens brauchen sie ihre gesamten Truppen, um sich unsere Armee an der Fallusgrenze vom Hals zu halten. Zweitens wären ihre Nachschublinien an der Südwestgrenze zu leicht abzuschneiden – dort hätten sie doch die Liggsümpfe direkt in ihrem Rücken. Rückzug oder Ausweichen geht dort nicht. Wegen der Drubanter brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen. Unsere Schwerttochter hier ist nur eine Grenzstreife, die sich auf ihrer Patrouille im Schnee verirrt hat.“

Howert drehte sich so abrupt zu Leovel um, das sie beinahe mit ihm zusammenstieß. „Ist das so? Hast du dich auf einer Grenzpatrouille verirrt?“

Leovel trat einen halben Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wozu fragst du mich? Deine Zweite Leutnantin weiß doch ohnehin alles über mich – und über die ganze Drubanter Armee.“

„Siehst du?“ wandte Howert sich an Gulis. „Diese Antwort kam viel zu langsam für meinen Geschmack. Vielleicht ist diese Schwerttochter doch eine Späherin.“

Gulis rollte mit den Augen. „Ich sag’s ja: Verfolgungswahn! Glaubst du, sie wäre einfach mit der Knospe im Arm stehen geblieben, wenn sie zur Vorhut einer Invasionstruppe gehören würde? Bei dem Wetter wäre es doch das Leichteste auf der Welt gewesen, sich zu verstecken! Sie hatte sich verirrt – und war wahrscheinlich auch schon ein wenig verwirrt, als sie gefunden wurde – sonst hätte sie sich völlig anders verhalten!“

„Du tust ja so, als ob du dabei gewesen wärest, als sie gefunden wurde!“ Howert streckte seine Hand nach dem Griff einer Tür aus.

„Ennock war dabei. Und ich habe noch gestern Abend mit ihm gesprochen. Wenn du es nicht unter deiner Würde finden würdest, dich mit der Mannschaft zu unterhalten, würdest du auch mehr wissen.“ Die Selbstgefälligkeit auf Gulis’ Miene schwand schlagartig, als ein vorübergehender Leibwächter Howert salutierte und ihr beiläufig zunickte.

„Wenn ich etwas wissen will, unterhalte ich mich nicht, sondern verlange einen Bericht! Auf diese Weise bewahre ich mir auch den Respekt der Mannschaft.“ Howert ließ die Tür aufschwingen und stolzierte hindurch.

„Nun geh schon weiter,“ fauchte Gulis Leovel an.

„Natürlich. Sonst verirre ich mich am Ende und greife in meiner Verwirrung ein paar Esbirkolner an.“ Leovel bedachte die Leibwächterin mit einem abfälligen Blick bevor sie Howert folgte.

Der Erste Leutnant führte sie durch die Küche des Gutshofes hindurch in einen Nebenraum, wo ein großer, grob gezimmerter Tisch für das Frühstück des Hofstaats gedeckt war. Den Neuankömmlingen schlug jähes Schweigen entgegen. Nur langsam wandelte sich das ungläubige Starren in misstrauisches Beäugen.

„Du liebe Güte!“ Wuhargs rote Schnupfennase leuchtete am oberen Tischende auf. „Leutnants – der Zweite Tisch ist wahrlich nicht der richtige Ort für eine Drubanter Schwerttochter!“

„Tut mir leid, Hofmeister. Order vom Hauptmann.“ Obwohl Howerts Ton nüchtern klang, verrieten seine Gesten, dass er Wuhargs Meinung teilte.

Der Hofmeister zückte ein parfümiertes Spitzentaschentuch und erhob sich eilig. „Ich werde ein Wort mit dem Hauptmann wechseln müssen. Jetzt kann ich mich offenbar nur beglückwünschen, dass ich meine Mahlzeit bereits beendet habe.“

Howert verbeugte sich respektvoll. Nach einem prüfenden Blick über die Tischgesellschaft nahm er den Platz ein, den der Hofmeister soeben verlassen hatte. Leovel schloss daraus, dass der Platz am Tisch durch den Rang in der Hofordnung bestimmt wurde. Ohne Zögern ließ sie sich am unteren Ende einer Bank nieder. Wenn alle nach den oberen Rängen gierten, würde sie hier mehr Platz haben. Zu ihrer Überraschung bedeutete Gulis ihr, weiterzurücken, und setzte sich neben sie. Anscheinend hielt die Leibwächterin es für ihre Pflicht, ihren Auftrag vor die Hofetikette zu stellen. Leovel schüttelte kaum merklich den Kopf. Diese Esbirkolner Ritterfrau wusste viel weniger über Drubanter Soldaten als sie glaubte. Sonst hätte sie auch gewusst, dass kein Drubanter Soldat es jemals riskieren würde, eine ordentliche Mahlzeit zu verspielen. War es der Drubanter Armee gelungen, zumindest die Nahrungsmittelknappheit vor dem Feind zu verbergen? Unnötig schwungvoll zog Leovel ein Küchenmesser aus dem Schinken, der vor ihr auf dem Tisch stand. Sofort schoss Gulis’ Hand zum Griff ihres Schwerts. Erst als Leovel seelenruhig begann, eine Scheibe von dem Schinken abzuschneiden, ließ die Leibwächterin ihre Waffe wieder los. Leovel ignorierte die scharfen Blicke ihrer beiden Bewacher und begann zu essen.

„Hatte die Herrin eine sehr unruhige Nacht?“ nahm ein drahtiger Mann die Unterhaltung auf. Er saß aufrechter als alle anderen und war trotzdem der Kleinste in der Runde. Die Spitzen seiner graumelierten Haare, die zu einer hohen Bürste frisiert waren, reichten seinen Sitznachbarn gerade bis zum Kinn. Neben seinem Frühstücksbrett lag eine Reitgerte mit vergoldetem Griff. Vermutlich war er der Stallmeister.

Eine Frau mit aufgestecktem, schlohweißem Haar seufzte. „Ihre Nacht wäre ruhig genug gewesen, wenn der Herr nicht ständig aufgestanden wäre, um nach der Knospe zu sehen.“ Sie formte ihren faltigen Mund zu einem Trichter und blies auf die dampfende Flüssigkeit in ihrer Tasse. „Du kennst die Herrin doch, Luhmed. Sie lässt es nicht zu, dass ihr irgendetwas die innere Ruhe – und damit ihre Kraft – raubt. Nur genug äußere Ruhe bekommt sie nicht immer.“

„Der Herr war durchaus dazu bereit, sich in einem eigenen Zimmer einzuquartieren, als wir hier ankamen.“ Ein junger Mann neben dem Stallmeister lief rot an. „Es war die Herrin, die darauf bestand, dass sie beide im Schlafzimmer der Gutsherren nächtigen würden.“

Die Weißhaarige betrachtete ihn mitleidig. „So gehört es sich nun einmal, wenn keine gleichwertigen Räume vorhanden sind. Die Herrin nahm mehr Rücksicht auf den Herrn als er auf sie heute Nacht.“

Der junge Mann zog einen Schmollmund und glättete seine Weste, auf der eine Stickerei mit dem Baum des Esbir prangte. „Der Herr wäre die ganze Nacht bei der Knospe geblieben, wenn Diris es nur zugelassen hätte.“

Beinahe hätte die Weißhaarige vor Lachen zu heftig in ihre Tasse gepustet. „Diris kann in ihrer Sorge um die Knospe sehr einschüchternd werden, aber ich glaube trotzdem, dass der Herr sich gegen die Kinderfrau seiner Tochter durchgesetzt hätte, wenn er es wirklich gewollt hätte.“

„Ich weiß nicht.“ Gulis wiegte ihren Kopf hin und her, ein verhaltenes Lächeln auf ihren Lippen. „Vielleicht hat Virnon sogar recht, Numate. Diris hat ihre eigene Art, ihren Willen durchzusetzen. Sie hört nicht auf zu reden, bis man von selbst geht – schon um der Knospe willen. Nach dem, was gestern passiert ist, wird es sicher noch schlimmer werden. Während die Trupps auf der Suche nach der Knospe waren, hat Diris endlos darüber gejammert, dass sie das Mädchen nie jemand anderem hätte anvertrauen dürfen. Sie flucht ja nie, sonst hätte sie Plerit gestern sicher alle vierundzwanzig Teufel auf den Hals gewünscht – zumindest vor ihrer Rückkehr mit der Knospe.“

„Ich wüsste nicht, was Plerit dafür kann, wenn die Wachen am Tor oder auf den Mauern nicht aufpassen.“ Luhmed klopfte gedankenverloren mit seiner Reitgerte auf den Tisch. „Normalerweise müsste man die Knospe in einem umfriedeten Gutshof wie diesem hier völlig allein herumlaufen lassen können, ohne dass etwas passiert. Eine Leibwächterin, die dem Kind auf Schritt und Tritt folgt, ist unter solchen Verhältnissen beinahe übertrieben. Eigentlich ist Plerit mehr das Opfer als die Schuldige. Niemand kann von ihr erwarten, dass sie allein eine Gefahr abwehrt, die vorher von zwanzig ihrer Kameraden – oder wie viele auch immer auf Wachposten waren – übersehen wurde. Plerit hatte ja nicht einmal eine Chance, die Knospe und sich selbst zu verteidigen, weil sie von hinten niedergeschlagen wurde. Habt ihr die Beule auf ihrem Kopf gesehen? Sie hat sich sogar von Suleira behandeln lassen, obwohl sie sonst einen möglichst weiten Bogen um alle Magier schlägt. Es wundert mich, dass Frens Plerit trotz dieser Verletzung auf die Suche nach der Knospe mitnahm.“

„Plerit wollte mitkommen,“ warf Gulis ein. „Außerdem hatte Suleira ihre Verletzungen schon behandelt, als die Suchtrupps aufbrachen.“

Howert vollführte eine wegwerfende Geste und schluckte hastig. „Was Plerit will, kümmert Frens doch nicht. Wie ich ihn kenne, nahm er sie zur Strafe mit – damit sie ihren Fehler gleich selbst ausbaden muss. Er war unheimlich wütend darüber, dass ausgerechnet seine Schwester schuld daran war, dass die Knospe entführt wurde.“

Das Klopfen von Luhmeds Reitgerte wurde nachdrücklicher. „Ich sage es nochmals: Ich finde nicht, dass man Plerit die Schuld an der Entführung geben kann.“

„Doch, kann man.“ Howert klatschte eine Hand auf seinen kahlen Schädel. „Plerit trug ihren Helm nicht. Bei Schnee und Kälte ist ein Helm zwar eine Qual, aber das ist noch lange kein Grund dafür, ihn wegzulassen. Wenn Plerit ihren Helm getragen hätte, wäre es nicht so leicht gewesen, sie niederzuschlagen. Und wenn sie nicht niedergeschlagen worden wäre, hätte sie die Entführung vielleicht verhindern können.“

„Oder vielleicht auch nicht.“ Wieder lief Virnon rot an, als aller Augen sich auf ihn richteten. Offenbar hatte der junge Mann nicht laut sprechen wollen. „Ich meine – die Knospe kann doch nicht von normalen Menschen entführt worden sein. Es kann doch nicht viel Zeit vergangen sein zwischen der Entführung und der ersten Suche nach der Knospe – Hallank ritt doch sofort los, nachdem er Plerit gefunden und zu Bewusstsein gebracht hatte. Und obwohl er die Spur von zwei Pferden fand, konnte er die Entführer nicht mehr einholen. Zuletzt verlor er sogar ihre Spur. Natürlich verwehen Spuren in solchem Wetter, wie es gestern war, schnell – aber gerade in diesem Wetter hätten auch die Entführer nicht so schnell vorankommen dürfen! Ganz abgesehen davon, dass sie es überhaupt geschafft hatten, unentdeckt in den Gutshof einzudringen!“

Numate schüttelte milde ihr weißes Haupt. „Wenn man dir so zuhört, muss man ja um Hallanks willen froh sein, dass er die Entführer nicht fand – was hätte er allein schon gegen übernatürliche Wesen ausrichten können?“

Virnon murmelte irgendetwas, zu leise für Leovels Ohren.

„Wenn Suleira uns versichert, dass es zurzeit keine abtrünnigen Magier gibt, gibt es auch keine,“ erwiderte Numate streng.

Howert stieß ein zweifelndes „Hmmm“ aus, und Virnon begann eigensinnig: „Aber–“ Ein Blick zur Tür ließ den jungen Mann stocken. „Aber ich sollte nun dem Herrn sein Frühstück auftragen,“ vollendete er in gedämpftem Ton.

Er legte seine Serviette beiseite und erhob sich. Auf seinem Weg nach draußen wich er sorgfältig einem Mann aus, der gerade hereingekommen war. Ohne einen Gruß setzte der Esbirkolner sich Leovel gegenüber und begann, sein Frühstücksbrett vollzuladen. Die ersten, riesigen Bissen gingen direkt von den Platten in seinen Mund. Er aß, als ob er zwei Wochen lang gehungert hätte. Genauso sah er auch aus. Unter seinen Backenknochen und an den Seiten seiner hohen Stirn lagen Schatten. Sein Hemd schlackerte lose um seinen hageren Körper. Seltsamerweise trug der Mann nicht einmal eine Wollweste oder einen Schal über dem Hemd. Trotzdem schien er die Kälte nicht zu fühlen. Im Gegenteil – sein braunes Haar klebte in jenen öligen Strähnen an seinem Kopf, die nach starkem Schwitzen zurückblieben. Er musste irgendeine Krankheit haben.

„Diris!“

Numates Ausruf lenkte Leovels Aufmerksamkeit auf Kuranys großgewachsene Kinderfrau, die soeben zur Tür hereinkam.

Luhmed hob alarmiert den Kopf. „Hätte dir nicht jemand Frühstück bringen sollen? Wer ist jetzt bei der Knospe?“

„Die Herrin,“ gab Diris zurück, sichtlich ungehalten über den Verdacht, dass sie ihren Schützling unbeaufsichtigt lassen könnte.

„Komm, setz dich!“ Numate rückte ein Stück zur Seite. „Tee?“

„Ja, danke.“ Diris stieg über die Bank und ließ sich nieder. Sie wirkte müde, aber nicht verhärmt.

„Sag mir schnell, wie es der Knospe geht,“ drängte Numate. „Wenn die Herrin bereits aufgestanden ist, wird sie bald nach mir rufen.“

Diris rieb sich die Augen. „Die Knospe hat ein wenig Fieber, aber das war zu erwarten, nachdem sie gestern so lange der Kälte und dem Schnee ausgesetzt war. Suleira meint, dass wir der Natur besser ihren Lauf lassen sollen, solange das Fieber nicht zu hoch steigt. Sie will nicht so bald wieder Heilmagie einsetzen, nachdem sie gestern Abend schon dafür gesorgt hat, dass es keine Erfrierungen gibt. Heilmagie bringt ja keine neuen Kräfte von außen, sie beschleunigt nur die Selbstheilungskräfte des Körpers. Dadurch entzieht ein Heilzauber dem Körper eben viel Kraft auf einmal. Vorerst sollen deshalb Lindenblütentee und Hühnersuppe ihr Werk gegen das Fieber tun.“

„Dem Schutzpaar sei Dank, dass die Knospe so weit gesund ist,“ bemerkte Howert. Dann fuhr er im geschäftsmäßigen Ton des pflichtbewussten Leibwächters fort: „Hat schon jemand die Knospe gefragt, was bei der Entführung vor sich gegangen ist?“

Kaum hatte der Erste Leutnant seinen Mund geschlossen, räumte er widerstrebend den Stuhl am oberen Tischende. Schwere Schritte kündigten die Ankunft des Hauptmanns an. Luhmed rückte auf den Platz, an dem zuvor Virnon gesessen war, damit Howert sich neben ihm auf die Bank setzen konnte. Frens brummte einen Guten-Morgen-Gruß in die Runde und warf einen scharfen Blick auf Leovel, bevor er sich niederließ.

„Ach!“ Diris winkte mit einem traurigen Lächeln ab. „Wir mussten die Knospe nicht nach der Entführung fragen – es ist alles von selbst aus ihr herausgesprudelt, als sie einmal zu sprechen begann. Aber was aus ihr herausgesprudelt ist, wird uns leider nicht dabei helfen, die Entführer zu finden. Die Knospe erzählte eine wirre Geschichte von einem grünen Teufel mit einem schwarzen Gesicht, der versuchte, sie mit seinem Gestank zu ersticken. Das arme Kind muss vor Angst halb verrückt gewesen sein.“

„Das mit dem Gestank macht allerdings Sinn.“ Gulis strich Honig auf ein Stück Brot. „Wahrscheinlich ist die Knospe irgendwie betäubt worden. Sonst hätten die Entführer doch fürchten müssen, dass die Knospe sie durch ihr Geschrei verrät. Knebeln geht nicht so schnell und ist auch nicht so wirkungsvoll.“

„Stimmt.“ Howert stützte sein Kinn in die Hand und richtete einen herausfordernden Blick auf den ausgezehrten Mann, der immer noch mit grimmiger Intensität Essen in sich hineinstopfte. „Irgendwelche Ideen, womit man die Knospe betäubt haben könnte, Jorost?“

Der Angesprochene hob nur kurz den Kopf. Seine braunen Augen waren seltsam stumpf. „Äther. Oder Kampfer.“

Howerts Blick wurde noch bohrender. „Interessant. Er hat sofort eine Antwort.“

„Howert, du Rindvieh,“ donnerte Frens. „Jeder Quacksalber weiß, dass Äther und Kampfer betäubend wirken! Tritt gefälligst deinen Dienst an und sorg dafür, dass heute nicht nochmal Fremde in diese Mauern eindringen! Denn dafür, die Eindringlinge von gestern aufzuspüren, bist du eindeutig nicht schlau genug!“

Mit steinerner Miene stand der Erste Leutnant auf. Auch Gulis stürzte rasch ihren letzten Schluck Tee hinunter. Leovel machte sich darauf gefasst, wieder mit den beiden fortgeschickt zu werden. Hastig angelte sie nach einem letzten Stück Brot und berührte dabei beinahe Jorosts Hand, die sich ebenfalls zum Brotkorb ausgestreckt hatte. Der Ausgezehrte fuhr zurück, als ob er sich verbrannt hätte. In den vorher so stumpfen Augen glomm eine unbestimmte Regung auf. Ärger? Verachtung? Leovel schnaubte leise. Dieser Esbirkolner Höfling hielt sich offenbar für zu fein, um an einer Drubanter Schwerttochter anzustreifen. Um seine Krankheit konnte es nicht gehen. Denn wenn sie ansteckend gewesen wäre, hätten die anderen ihn gewiss nicht am Tisch geduldet.

„Hauptmann – was ist mit ihr?“ Gulis deutete mit dem Kopf auf Leovel.

Frens kratzte sich die Bartstoppeln am Kinn. „Teil das Sprenkelgesicht der Wache zu, die am Eingang des Wohngebäudes postiert ist. Dort können wir sie am besten im Auge behalten. Erstens hat der Posten am Eingang den kleinsten Bereich zu überwachen, zweitens ist das Sprenkelgesicht dort weit genug von den Mauern und vom Tor entfernt, und drittens kann man sie dort auch von anderen Wachposten aus sehen. Teil dich trotzdem am besten auf denselben Wachposten ein, Gulis.“

„Es ist gut zu wissen, dass du so viel Wert auf die Sicherheit der Schwerttochter legst.“ Diris sah Frens überaus ernst an. „Denn ihre Sicherheit ist die Sicherheit der Knospe.“


Draußen fiel der Schnee in dicken, weichen Flocken. Der Wind hatte nachgelassen, und auch die Kälte war nicht mehr so harsch wie am Vortag. Leovel wickelte ihren Schal um Kopf und Hals, lehnte sich unter dem Dachvorsprung an die Hauswand und ließ ihren Blick durch den Hof schweifen. Einige Bedienstete des Gutshofes arbeiteten hart daran, zumindest den Platz vor den Scheunen und Ställen vom Schnee zu befreien. Irgendwann verließ Leovel aus Langeweile ihren Posten und griff nach einer Schneeschaufel.

„He, was soll das?“ fuhr Gulis auf.

„Es gehört vielleicht zum Training einer Esbirkolner Ritterfrau, ewig zur Zierde stramm zu stehen.“ Leovel imitierte für einen Augenblick die steife Haltung der Wachposten. „Aber einer Drubanter Schwerttochter wird diese überaus wichtige Kunst nicht beigebracht. Wir halten uns warm, damit wir beweglich bleiben, statt uns steif zu frieren. Und weil sich wohl keiner von euch zu einem kleinen Übungsgefecht mit mir herablassen wird, muss ich einen anderen Weg finden, um warm und beweglich zu bleiben.“

Gulis runzelte die Stirn. „Na gut,“ räumte sie nach einer Pause ein. „Aber bleib vom Tor des Gutshofs weg und entferne dich nicht aus meinem Sichtfeld!“

„Ja, ja. Ich will ja nicht, dass einem edlen Ritterfräulein die Nerven durchgehen.“

Leovel ging zu den Ställen hinüber und stieß ihre Schaufel in den Schnee. Nach einer Weile begann die Anstrengung das nagende Gefühl zu dämpfen, dass sie in einer Falle saß. Es gab nichts mehr als das Knirschen des Schnees und den gleichmäßigen Rhythmus des Schaufelns. Erst als eine Hand im rostroten Handschuh ihren Arm festhielt, blickte Leovel auf. Beinahe hätte sie mit der Schaufel ausgeholt, um den Griff abzuwehren.

„Komm bitte mit mir ins Haus, Leovel.“ Suleira schob die Kapuze ihres Fuchspelzmantels zurück, damit Leovel in ihr Gesicht sehen konnte. Die Magierin lächelte. „Ich möchte dich untersuchen, um zu sehen, ob du irgendwelche Heilzauber brauchst.“

Leovel betrachtete Suleira für einen Moment, dann stieß sie wieder die Schaufel in den Schnee. „Ich bin gesund.“

„Gut, dass du dich gesund fühlst – besonders, nachdem du gestern zweifellos lange Stunden in Schnee und Kälte verbringen musstest. Aber ich möchte sicher gehen, dass keine Krankheit in dir lauert.“

Leovel wuchtete die nächste Fuhre Schnee beiseite. Unter ihrem linken Schulterblatt rumorte leise die alte Wunde. In ihren Stiefeln juckten die Frostbeulen. Die aufgeriebene Haut auf ihren Beinen brannte.

„Ich werde zu dir kommen, wenn ich irgendeine Behandlung brauche.“

Wieder hielt Suleira Leovel am Arm fest. „Das reicht nicht. Es ist meine Pflicht, dich noch heute gründlich zu untersuchen. Du bist durch das gleißende Band mit der Knospe verbunden. Jeder Schaden, der dich trifft, trifft auch sie. Ihr Soldaten nehmt kleine Beschwerden oft zu wenig ernst, dabei können kleine Beschwerden das erste Anzeichen für eine ernste Erkrankung sein. Und manche Krankheiten entwickeln sich ganz still, bevor sie plötzlich ausbrechen und Lebensgefahr mit sich bringen. Diese Gefahr muss ich ausschließen oder bannen.“

Trotz ihres Lächelns ließen die dunklen Augen der Magierin keinen Zweifel daran, dass sie ihre Pflicht erfüllen würde. Notfalls mit dem Einsatz von Magie, die alles andere als heilsam wäre. Oder mit der Hilfe einiger Leibwächter. Leovel stellte ihre Schaufel beiseite.

„Na schön. Wenn meine Wachhunde nichts dagegen haben, dass ich ihren Posten verlasse...“

Suleiras Lächeln vertiefte sich. „Gulis weiß bereits, dass ich dich für eine Untersuchung brauche.“

Die Magierin führte Leovel ins Haus, die Stiegen hinauf, den Flur hinunter und in ein Zimmer. Normalerweise hätte der Schlafraum trotz des großen Betts, des Schranks und des Polstersessels genug Platz geboten. Doch für die Beherbergung einer Magierin war er eindeutig zu klein. Zwischen den Möbeln stapelten sich einige Holzkisten. Vor einer von ihnen kniete eine hagere Gestalt und ordnete kleine Jutesäcke in Fächer ein. Der Geruch verschiedenster Kräuter stieg Leovel in die Nase.

„Lass uns allein, Jorost. Aber warte in der Nähe, falls ich dich brauche, um Medizin zuzubereiten.“

Jorost senkte knapp den Kopf. Auf den wenigen Schritten zur Tür hielt er so viel Abstand zu Leovel wie möglich.

Suleira ließ den Pelz von ihren Schultern gleiten. „Zieh bitte deinen Mantel, Stiefel und Strümpfe aus – und natürlich auch Weste, Hemd und Röcke. Leg dein Gewand einfach auf das Bett. Leider ist es ziemlich eng hier. Aber es gibt einen Kamin, also wirst du zumindest nicht frieren.“

Missmutig schälte Leovel sich aus ihren schäbigen Kleidern. In diesem wohlgepflegten Gutshof von einer Magierin in einem makellosen rostroten Kleid untersucht zu werden, hatte etwas Demütigendes. Dass Suleira eine Waschschüssel mit Wasser füllte und Leovel einen nassen Lappen reichte, machte die Sache keineswegs besser.

„Sicher wirst du dich wohler fühlen, wenn du dich vor der Untersuchung ein wenig reinigen kannst.“

Mit einem unterdrückten Knurren nahm Leovel den Lappen entgegen. Sie wandte sich zum Waschen von Suleira ab und fühlte dennoch den Blick der Magierin auf sich ruhen.

„Lass dich nicht von mir beirren,“ erklang Suleiras Stimme in ihrem Rücken. „Für einen Magier ist es wichtig, seinen Patienten bei den alltäglichsten Handlungen beobachten zu können. Manch einer schleppt Beschwerden so lange mit sich herum, dass sie ihm gar nicht mehr auffallen. Durch bestimmte Bewegungen kann ich solche Probleme erkennen. Wenn du fertig bist, setz dich bitte auf das Bett.“

Nachdem sie sich vor Wut fester abgerubbelt hatte als notwendig, folgte Leovel Suleiras Anordnung. Die Magierin stellte sich dicht vor sie.

„Ich werde nun meine Hände auf verschiedene Stellen deines Körpers legen und mit meiner Magie nach Zeichen für Verletzungen und Krankheiten suchen. Es kann sein, dass du manchmal ein leichtes Ziehen oder sogar leichte Schmerzen fühlst. Lass dich davon nicht beunruhigen, es wird sofort vorbeigehen.“

Suleira umfasste Leovels Kopf und schloss ihre Augen. Bis auf ein leises Knistern in ihren Ohren fühlte Leovel nichts. Als nächstes nahm die Magierin sich Leovels linken Arm vor. Statt nur ihre Hände aufzulegen, ließ sie ihre Finger über jedes Stück Haut gleiten.

„Ein paar böse Narben,“ bemerkte Suleira beiläufig. „Du bist offenbar hart im Nehmen – das musst du auch sein, wenn du nicht fähig bist, die Verletzungen zu verhindern.“

Leovel durchbohrte die Magierin mit einem finsteren Blick.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen hielt Suleira inne. Dann lachte sie leise. „Entschuldige. Ich wollte keineswegs behaupten, dass du eine schlechte Schwertkämpferin bist. Ich meinte nur, dass ein Soldat nicht die Wahl hat, ob er in die Schlacht ziehen will oder nicht – und dass er es deshalb nicht verhindern kann, Wunden davonzutragen.“

Die Finger der Magierin glitten weiter bis zu Leovels linkem Schulterblatt. Bis auf ein leichtes Ziehen in der alten Wunde spürte Leovel auch diesmal nichts. Dann wandte Suleira sich dem Schwertarm zu. Wieder machte sich ein leichtes Ziehen bemerkbar. Langsam nahm es zu. Leovel presste die Kiefer aufeinander und straffte unwillkürlich ihre Schultern. Plötzlich schoss ein flammender Schmerz durch ihren Arm. Im nächsten Augenblick wurde Suleira gegen die Wand geschleudert. Noch bevor die Magierin die Augen öffnete, hatte Leovel bereits ihren Mantel an sich gerissen und ihr Schwert gezogen. Suleira hob beschwichtigend die Hände, aber jede Heiterkeit war von ihrer Miene gewichen.

„Wenn du hinter allem, was dir am Esbirkolner Hof geschieht, eine Bedrohung vermutest, wird die Sache ein schlechtes Ende nehmen – für dich und für die Knospe.“ Würdevoll richtete die Magierin sich auf und zog ihre Ärmel sorgfältig über die Handgelenke. „Dein Schwertarm ist überanstrengt. Ich wollte die Muskeln kräftigen.“

„Mein Schwertarm ist in bester Verfassung,“ zischte Leovel. „Ich würde es eher riskieren, meinen Kopf zu ruinieren als diesen Arm.“

Suleira rieb sich ihren Rücken. „Das ist nur zu verständlich für eine Schwertkämpferin. Ich vergaß, dass du noch nie mit Heilmagie in Berührung gekommen bist. Ich hätte dich nochmals vor möglichen Schmerzen warnen müssen, aber ich war zu sehr in meiner Arbeit gefangen. Können wir fortfahren?“

Mürrisch ließ Leovel ihr Schwert sinken. „Wenn das Heilmagie war, weiß ich nicht, wie man einen Heilzauber von einem Schadenzauber unterscheiden soll. Ein Schadenzauber kann nicht viel schlimmer sein.“

„Ach Leovel,“ seufzte Suleira. „Bete dafür, dass du nie am eigenen Leib spüren wirst, wie viel schlimmer ein Schadenzauber ist!“

Die Magierin zog einen Hocker heran, um als nächstes Leovels Füße und Beine zu untersuchen. Beim Anblick der Frostbeulen und der aufgeriebenen Haut klickte sie missbilligend mit der Zunge. „Das bezeichnest du als gesund? Solange du mit der Knospe verbunden bist, komm bitte auch mit solchen vermeintlichen Kleinigkeiten zu mir. Deine Füße und Beine sind in einem Kampf nicht weniger wichtig als dein Schwertarm. Wenn irgendeine Bewegung dir auch nur geringe Schmerzen beschert, könntest du dadurch aus dem Rhythmus kommen. Ich werde jetzt diese Frostbeulen heilen – und das wird stechen. Wirf mich deswegen nicht nochmals gegen die Wand.“

Trotz der Warnung fiel es Leovel schwer, unter den heftigen Stichen reglos sitzen zu bleiben. Umso verwunderter stellte sie danach fest, dass nicht die geringste Spur von ihren Frostbeulen zurückgeblieben war.

„Das ist besser, nicht wahr? Hoffentlich habe ich damit dein Vertrauen zurückgewonnen. Jetzt noch zu den Abschürfungen – dafür reicht eine Salbe.“ Suleira stand auf, holte einen kleinen Tiegel aus einer Holzkiste und reichte ihn Leovel. „Du kannst die Salbe selbst auftragen, während ich deinen Oberkörper untersuche. Dreh mir deinen Rücken zu.“

Die Hände der Magierin glitten zunächst Leovels Wirbelsäule entlang, dann nach vorne über ihre Brust und über ihren Bauch. Erst als Suleiras Finger zu tief wanderten, riss Leovel sich los. Der tönerne Salbentiegel fiel mit einem dumpfen Laut auf den Teppich. Leovel kümmerte sich nicht darum.

„Das reicht jetzt! Inzwischen müsst Ihr mehr als überzeugt sein, dass ich gesund bin.“

„Ich kann keinen Teil deines Körpers auslassen.“ Mit gerunzelter Stirn bückte Suleira sich nach dem Salbentiegel. „Auch dann nicht, wenn dir das unangenehm ist. Glaub nicht, dass wir Esbirkolner nicht wissen, wie ihr Schwerttöchter im Drubanter Heer behandelt werdet. Ihr seid praktisch Freiwild für die Soldaten. Da ist es fast unvermeidlich, dass ihr euch... bestimmte Krankheiten einfangt.“

„Ich war kein Freiwild!“ Wütend wehrte Leovel die bösen Erinnerungen ab, die an die Oberfläche dringen wollten. „Wer versucht hätte, mir eine von Euren ‚bestimmten Krankheiten‘ anzuhängen, hätte seinen allerletzten Versuch gemacht!“

Die Magierin lächelte mitleidig. „Es muss schwer sein, mit solchen bitteren Erfahrungen zu leben. Aber mir brauchst du nichts vorzumachen – es ist ja auch keine Schande. Was soll eine einzelne Schwerttochter denn gegen die vielen Soldaten ausrichten können? Noch dazu, wo die Drubanter Heerführer darauf achten, die Schwerttöchter gleichmäßig über die gesamte Armee zu verteilen. Die Töchter können sich nicht einmal verbünden.“

„Ich mache niemandem etwas vor,“ fauchte Leovel. „Keiner der Soldaten hat sich an mich herangewagt – keiner!“

„Dann hattest du wohl das Glück, die Geliebte eines hochrangigen oder zumindest gefürchteten Soldaten zu sein.“ Suleira setzte sich auf das Bett, schlug ihre Beine übereinander und legte beide Hände um ihr Knie. „Das macht das Leben einer Schwerttochter natürlich einfacher.“

Leovel hätte allzu gerne erneut ihr Schwert gezogen und auf irgendetwas eingehackt. „Nein! Ich kann mich selbst verteidigen! Ich brauche niemanden! Ich muss mich hinter niemandem verkriechen! Ich bin meine eigene Herrin!“

Wie ein Schwertstreich blitzte Drimans Bild vor Leovels innerem Auge auf. Driman hatte sie beschützt und sie hatte sich lange hinter ihm verkrochen – oder vielmehr in seinen Armen. Das Schuldbewusstsein währte nur kurz. Driman war schon lange tot. Und seit seinem Tod stimmte alles, was sie gesagt hatte. Das hatte sie zwar vor allem Drimans Drill zu verdanken, aber trotzdem war sie ihre eigene Herrin.

Immer noch ruhte Suleiras Blick unbeirrt auf Leovel. „Es gibt wirklich keinen Grund dafür, dass du dich so aufregst. Was immer beim Drubanter Heer war, spielt im Moment keine Rolle – sofern es deine Gesundheit nicht beeinträchtigt. Und ich habe nichts finden können, was deiner Gesundheit schädlich wäre – bis auf dein Temperament vielleicht. Solche Reizbarkeit und Wut sind nicht ungefährlich. Das macht mir ein wenig Sorge.“ Die Magierin fuhr sich mit beiden Händen durch ihr blauschwarzes Haar.

Sofort kühlte Leovels Zorn ab. „Und meine Reizbarkeit kann natürlich nicht damit zusammenhängen, dass ich seit gestern wie eine Gefangene behandelt werde – oder wie Vieh?“ Entschlossen griff Leovel nach ihrem Hemd. Diese Untersuchung war zu Ende – egal, was diese Frau in ihrem rostroten Kleid sagen mochte.

Suleira hielt Leovel nicht davor zurück, sich wieder anzuziehen. „Ob du einen Grund für deine Reizbarkeit hast oder nicht, hat nicht die geringste Bedeutung. Ich weiß nicht, ob dir klar ist, welch große Verantwortung du trägst... Im Grunde ruht das Schicksal von ganz Esbirkol in deinen Händen. Die Knospe ist Zinofors einziges Kind und wird es wohl auch bleiben. Wenn die Knospe stirbt, wird der Baum des Esbir fallen. Ich weiß, dass dir als Drubanter Schwerttochter dieser Gedanke mehr verlockend als schrecklich vorkommen muss. Aber der Sturz des Baumes des Esbir würde keinesfalls Frieden für Drubant bedeuten. Viele hohe Esbirkolner Adelige würden versuchen, das Erbe des Hauses des Esbir anzutreten, und es würde Bürgerkrieg geben. Weil jeder Magier schwören muss, die Einheit des Landes zu bewahren, müsste der Kreis der Magier sich bald hinter einem bestimmten Anwärter auf die Herrschaft über Esbirkol sammeln. Einige der anderen hohen Adeligen würden daraufhin versuchen, sich Stützpunkte in Drubant zu schaffen, weil sie dort vor Magie sicher wären. Und glaub nicht, dass ihnen nicht gelingen würde, was dem Esbirkolner Heer bisher nicht gelang. Unser jetziges Heer ist kleiner als die Truppen, die während eines Bürgerkriegs von mehreren Herren ins Feld geführt werden würden. Außerdem würden mehrere Kriegsherren an mehreren Stellen versuchen, die Grenze nach Drubant zu überschreiten, statt sich wie bisher auf die Fallusgrenze zu konzentrieren. Das Überleben der Knospe muss dir also auch im Interesse deiner Heimat wichtig sein. Du musst diejenigen finden, die der Knospe nach dem Leben trachten, und dich selbst vor jeglicher Gefahr bewahren. Dafür brauchst du zuallererst Wachsamkeit. Die Herrin des Esbir befindet sich gerade auf ihrer Reise durch das ganze Land, zu der sie in jedem fünften Jahr verpflichtet ist. Auf dieser Reise werden wir auch all jenen Adeligen begegnen, die sich beim Fall des Baumes des Esbir Hoffnungen auf die Nachfolge machen. Es ist gut möglich, dass einer von ihnen es auf die Knospe abgesehen hat. Deine Verbindung mit der Knospe wird kein Geheimnis bleiben – sie darf kein Geheimnis bleiben. Wer immer der Knospe nach dem Leben trachtet, könnte deshalb versuchen, dich bis aufs Blut zu provozieren. Wenn du so reizbar bist, könntest du schnell in einen Kampf verwickelt werden. Du könntest verlieren, du könntest getötet werden und die Knospe mit dir in den Tod reißen. Und weil du eine Drubanter Schwerttochter bist, werden bei einem Unglück alle glauben, dass es allein deine Schuld war. Alle werden sagen, dass man von einem Feind nichts anderes erwarten durfte, und dass die Knospe nicht von dir gerettet wurde, als du sie im Schnee gefunden hast – stattdessen wäre sie in dieser Stunde endgültig verdammt worden. Alle würden den Tod der Knospe als böses Schicksal sehen und nicht als das Verbrechen, das eigentlich dahinter steckte. Du magst eine Schwerttochter sein, aber du bist bestimmt keine Mörderin. Wenn du deine Verantwortung nicht ernst nimmst, wirst du aber zur Mörderin werden – genau so, als ob du selbst den Tod der Knospe geplant hättest. Du musst dich ganz dem Dienst an der Knospe verschreiben. Du musst deine eigenen Wünsche und Bedürfnisse vergessen und all deine Leidenschaften unter deinen Pflichten für die Knospe begraben. Sie ist ein kleines, unschuldiges Mädchen. Sie braucht dich. Ihr Leben hängt von dir ab. Das Leben tausender Esbirkolner hängt von dir ab.“

Trotz der Wärme im Raum schlüpfte Leovel auch noch in ihren Mantel. „Dafür, dass so viel von mir abhängt, werde ich nicht besonders gut behandelt.“

„Wir müssen uns alle erst in der neuen Lage zurechtfinden.“ Suleiras halbes Lächeln wandelte sich jäh wieder zu Ernsthaftigkeit. „Außerdem können wir leider nicht vollkommen ausschließen, dass die Verräter in unseren eigenen Reihen lauern. Wenn jemand im Hofstaat oder in der Leibwache dich besonders schlecht behandeln sollte, dann behalte denjenigen oder diejenige genau im Auge. Vielleicht grollt dir dieser Jemand, weil du durch die Rettung der Knospe seinen Plan durchkreuzt hast. Wer dich in die geringste Gefahr bringt, ist verdächtig.“

Als Leovel den letzten Mantelknopf schloss, stand die Magierin auf. „Ich danke dir dafür, dass du keine Schwierigkeiten wegen der Untersuchung gemacht hast. Und denk daran – das Schicksal eines ganzen Landes liegt in deinen Händen!“


Fassungslos starrte Leovel die Wagenkolonne an, die sich langsam vor dem Wohnhaus formierte. Gemeinsam mit Leibwächtern und Pferdeknechten war der Hofstaat nicht klein, gewiss – aber brauchte er wirklich so viele Wagen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen? Und so viele Pferde? Das Stampfen der Tiere hallte durch den ganzen Hof. Zweifellos waren die Pferde nach vier Tagen im Stall mehr als erleichtert, wieder Tageslicht und Bewegungsfreiheit zu bekommen. Der Schnee hatte nicht nur die Menschen auf diesem Gutshof festgehalten.

„Ho, Sprenkelgesicht!“

Unwillig blickte Leovel sich nach Frens um. Inzwischen hatte der Hauptmann ihre Überwachung ein wenig gelockert. So lange sie im Sichtfeld irgendeines Wachpostens blieb, konnte sie sich frei bewegen.

„Hier oben, Sprenkelgesicht!“

Endlich entdeckte Leovel Frens’ bullige Gestalt auf einem der Wagen. Dem Gefährt waren keine Pferde, sondern Maultiere vorgespannt. Es schien vor allem Waffen und Zelte geladen zu haben.

„Fang auf!“

Ein braunes Fellbündel flog auf Leovel zu und traf sie genau vor ihrer Brust. Der Zottelpelz wog schwer in ihren Armen. Bärenfell.

„Was soll ich denn mit diesem Flohpelz?“

„Haben Yogs hakenfingrige Lakaien dir über Nacht das Hirn geklaut? Anziehen natürlich.“ Frens schwang sich über die Seitenwand des Wagens und landete vor Leovel. „Der Winter hat gerade erst angefangen. Da draußen kann es kalt werden. Sehr kalt.“

Leovel schüttelte das Bündel aus. Im Vergleich zu diesem dicken Fell wirkte sogar ihr Ledermantel plötzlich leicht. Ein solcher Pelzmantel war für Reiter.

„Bekomme ich auch ein Pferd?“

Frens bellte ein Lachen. „Willst du mir vielleicht einreden, dass du reiten kannst? In eurem Heerhaufen gibt es doch nur Fußsoldaten!“

Leovel schnaubte. Das Drubanter Heer mochte keine Kavallerie haben, aber selbst für Soldaten gab es ein Leben vor dem Heer. „Ich kann jedenfalls besser reiten als ich mit diesem schweren Ding auf meinen Schultern gehen kann.“

Ein herablassendes Grinsen breitete sich über Frens’ Gesicht aus. „Dann kann ich dir nur raten, das Gehen zu üben. Denn du wirst gehen, Sprenkelgesicht. Selbst der Leibwache sind auf dieser Reise nicht so viele Pferde zugeteilt, dass jeder von uns ständig reiten könnte. Und bevor du auf noch mehr verrückte Ideen kommst – die Plätze in den Wagen sind natürlich für den Hofstaat reserviert.“

Mit einem Schulterzucken warf Leovel sich das Bärenfell über. Sofort fühlte sie sich von dem muffigen Geruch und von dem Gewicht eingesperrt. Die Kapuze hing ihr beinahe über die Augen.

„Ein guter Ersatz für die Ketten, die ihr mir am liebsten anlegen würdet.“

Frens rieb sich das Kinn. „Der Gedanke, dir Ketten anzulegen, gefällt mir tatsächlich. Leider muss ich dir deine Freiheit lassen, damit du dich verteidigen kannst, falls wir angegriffen werden. Nichtsdestotrotz rate ich dir, dich auch auf der Reise ganz brav und ruhig zu verhalten. Bleib bei dem Trupp der Leibwache, der direkt hinter dem Wagen der Herrschaften marschiert! Entferne dich weder aus der Kolonne noch später aus dem Lager! Und halte deine Augen offen!“

„Was soll das bringen, wenn meine Augen nur Bärenfell sehen?“ knurrte Leovel.

Doch Frens hatte ihr schon den Rücken zugewandt und stapfte davon, um den Leibwächtern Befehle zuzubrüllen. Vergeblich versuchte Leovel, ihr Schwert unter dem schweren Bärenfell zurechtzurücken. Großartig. Das hatte sie noch gebraucht. Auch wenn es immer noch frostig war, reichte ihr Ledermantel beim Marschieren, um die Kälte abzuwehren. Unter dem Fellmantel würde sie beim Marschieren schwitzen – und bei jeder Rast in den verschwitzten Kleidern erst recht frieren. Sie konnte nur hoffen, dass die Wagenkolonne nicht allzu schnell voran kam. Dann würden sie nicht schnell marschieren müssen.

„Wieso treibst du dich noch hier herum?“ hörte Leovel plötzlich Gulis’ scharfe Stimme. „Der Hauptmann hat die Truppe antreten lassen!“

„Bin ich plötzlich in die Truppe aufgenommen worden? Ich dachte, dass ein Leibwächter dem Haus des Esbir die Treue schwören müssen. Oder gilt das für Drubanter nicht?“

Gulis stutzte. „Ach du bist es. Ich habe dich in dem Bärenfellmantel nicht erkannt.“ Die Zweite Leutnantin kletterte auf den Wagen, von dem Frens den Pelz geholt hatte, und begann in der Ladung herumzustochern. „Aber auch wenn du nicht zur Truppe gehörst, solltest du den Appellen des Hauptmanns folgen. Vergiss nicht, dass er dir befohlen hat, immer in der Sichtweite eines Wachpostens zu bleiben. Und gerade jetzt bist du nicht in Sichtweite eines Wachpostens. Die Posten auf den Mauern sind nämlich schon abgezogen worden. Außerdem werden wir bald aufbrechen. Sowie die Herrschaften mit der Knospe aus dem Haus kommen, wird es losgehen.“

„Wie aufregend. Ich kann es kaum noch erwarten.“ Nach zwei Schritten drehte Leovel sich noch einmal zu Gulis um. „Was wird die nächste Station auf dieser Reise sein?“

„Cis – der Sitz der Fürsten von Grenizor.“

„Grenizor? Ist das die Provinz nördlich von hier?“

„Ja, ungefähr sechs Tagesreisen entfernt. Oder sieben. Oder acht. Mit diesen vielen Wagen kommt man nur langsam vorwärts. Und der Schnee wird uns natürlich auch aufhalten. Ah, da ist das Ding ja! Zwischen den Schilden!“ Gulis zog einen metallenen Wappenschild hervor, auf dem der Baum des Hauses des Esbir prangte. „Luhmeds Leute sind immer so nachlässig. Man sollte meinen, dass es ihnen früher auffällt, wenn das Wappen auf dem Wagen der Herrschaften fehlt.“

Kopfschüttelnd machte Leovel sich auf den Weg zur Truppe der Leibwächter. Warum montierten sie nicht gleich eine Zielscheibe auf dem Wagen der Herrschaften? Hoffentlich fuhr wenigstens das Kind in einem anderen Wagen der Kolonne mit – in einem ungekennzeichneten nämlich.

Mit jedem Schritt auf dem Tagesmarsch wurde Leovels Stimmung düsterer. In dem Fellmantel fühlte sie sich wie ein schwerfälliger Bär, der gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht war. Noch schwerer lastete jedoch die wachsende Gewissheit auf ihr. Wenn die Besitzer des Gutshofes den Anschlag auf die Knospe verübt hätten, wäre die Gefahr mit der Abreise vorüber gewesen. Aber kein gleißendes Licht erschien, um das Ende des Zaubers zu verkünden. Die Kolonne ließ die Lebensgefahr für Kurany nicht hinter sich, sondern schleppte sie mit sich fort. Dabei wäre es so logisch gewesen, dass die Entführung nur einem Menschen gelingen konnte, der den Gutshof und seine Umgebung gut kannte! Das ungebrochene Vertrauen des Hofstaats in die Gutsbesitzer hatte Leovel während der vergangenen Tage abwechselnd verwundert und verärgert. Nun schien es, als ob das Vertrauen gerechtfertigt gewesen wäre. Und die Grenze von Drubant fiel immer weiter hinter ihr zurück.

Beim Aufschlagen des Nachtlagers wurde Leovel mehrmals gerügt, weil sie nicht arbeitete. Wegen des Bärenfellmantels wurde sie in der Dämmerung ständig für einen Leibwächter gehalten, der seine Pflicht nicht erfüllte. Zuletzt half sie entnervt den Leuten des Stallmeisters bei der Versorgung der Pferde. Hier stand sie den perfekt eingeübten Vorgängen des Zeltaufstellens und der Einrichtung der Feldküche nicht im Weg und war trotzdem beschäftigt. Luhmed beobachtete sie eine Weile misstrauisch, schien aber dann zu dem Schluss zu kommen, dass sie mit den Tieren umgehen konnte.

Nach dem Abendessen legte sich trotz der vielen Menschen rasch Ruhe über das Lager. Ob die Ruhe vom Respekt vor den Herrschaften kam oder von der Müdigkeit nach der Tagesreise, vermochte Leovel nicht zu sagen. Sie beobachtete, wie jene Leibwächter, die für eine spätere Wache eingeteilt waren, sich unter den Wagen zum Schlafen niederlegten. Auf den entladenen Pritschenwägen drängten sich die Pferdeknechte dicht zusammen. Sie mussten ohne Pelzmäntel auskommen. Irgendwann stand Leovel vom Wachfeuer auf. Unschlüssig wanderte sie durch das Lager. Unter dem Wagen, in dem Suleira tagsüber gefahren war, war kein zotteliges Bärenfell zu erkennen. Erst als Leovel näher kam, sah sie, wie sich eine viel schmalere Silhouette gegen die weiße Schneedecke unter dem Wagen abhob. Befremdet hielt Leovel inne und lauschte. Die Gestalt regte sich nicht, ließ aber die tiefen Atemzüge eines Schlafenden hören. Wer bei allen Teufeln legte sich in einem dünnen Wollmantel in den Schnee? War diese Person etwa betrunken? Sie hatte niemanden im Lager Alkohol trinken sehen. Aber was ging sie überhaupt ein Esbirkolner an, der niemand anderen bedrohte. Sollte er doch schlafen wie und wo er wollte. Und erfrieren wie er wollte. Leovel streifte weiter. Bald erreichte sie den Rand des Lagers. Ungefähr zehn Schritte von ihr entfernt zeichnete sich die Silhouette eines Wachpostens ab. Er drehte seinen Kopf in ihre Richtung, blieb aber stumm. Ohne innezuhalten wandte Leovel ihm ihren Rücken zu und ging am Rand des Lagers entlang. An jener Stelle, an der die Waldbäume dem Lager am nächsten lagen, bog sie einfach ab. Niemand rief ihr nach, niemand verfolgte sie. Leovel lächelte grimmig. Mit dem Bärenfellmantel hatte Frens ihr die einzig wirksame Tarnung verliehen. Im Schutz der Bäume warf Leovel den schweren Pelz ab. Von nun an würde sie ohne dieses schwere Ding besser vorankommen. Sie zwang sich dazu, nicht fortzustürmen, sondern ein vorsichtiges, stetes Tempo anzuschlagen. Im Wald lag der Schnee nicht so hoch. Wenn sie ihre Schritte vorsichtig setzte und nah an den Baumstämmen blieb, würde sie leiser gehen können und es vielleicht weniger Spuren hinterlassen. Außerdem war es zu dunkel, um zu laufen. Ohne den Schnee hätte sie wohl nicht einmal die nächsten Baumstämme gesehen. Mechanisch tastete Leovel nach ihrem Schwertgriff und nach dem Riemen ihrer Schultertasche. Alles war so wie vorher. Die Esbirkolner würden sie kaum mehr einholen können, wenn sie die ganze Nacht wanderte. Im Wald kamen die Leibwächter auch zu Pferde nicht schneller vorwärts. Und sobald sie weit genug entfernt wäre, würde sie sich einen Weg einfallen lassen, um ihre Spuren zu verwischen oder falsche Spuren zu legen. Yog sollte diese ganzen Esbirkolner holen. Sie hatte nichts mit ihnen zu tun.

Leovel schätzte, dass sie ein Drittel einer Meile zurückgelegt hatte, als ihr plötzlich das Atmen schwerfiel. Unsichtbare Seile schienen sich um ihre Brust zu legen und sich mit jedem Schritt enger zusammenzuziehen. Unwillig zerrte Leovel ihren Schal vor den Mund. Wahrscheinlich hatte sie in ihrer Aufregung die eisige Nachtluft zu tief eingesogen. Der Schal half nicht. Bald musste Leovel um jeden Atemzug kämpfen. Stur stapfte sie weiter vorwärts. Auch den ersten Stich in ihrer Brust ignorierte sie. Der zweite Stich ließ sie mit einem erstickten Geräusch nach Luft schnappen. Der dritte Stich zwang sie auf ihre Knie. Leovel presste beide Hände über ihr Herz und rang vergeblich nach Atem. Bunte Funken tanzten vor ihren Augen und verschwammen. Auf allen Vieren rückte Leovel ein Stück vorwärts und krümmte sich vor Schmerzen. Verzweifelt warf sie sich in jene Richtung, aus der sie gekommen war. Sofort ließ die Qual ein wenig nach. Mit abgehackten, rasselnden Atemzügen und mit schmerzender Brust blieb Leovel liegen. Ihre Finger krallten sich in den Schnee, als hinge ihr Leben davon ab, hier an diesem Platz zu bleiben, obwohl er das Tor zu Hölle zu sein schien. Mit einem Laut, den sie noch nie aus ihrem Mund gehört hatte – halb Stöhnen, halb Knurren – stemmte Leovel sich schließlich hoch. Nach einem letzten, langen Blick in den dunklen Wald vor ihr machte sie kehrt und verfolgte ihre Spur zurück. Das gleißende Band kettete Retterin und Gerettete tatsächlich aneinander, ohne jeden Ausweg. Die Magierin hatte sich nicht über die Natur dieses seltenen Zaubers geirrt. Und sie hatte auch nicht gelogen, um eine Fremde an den Hofstaat zu binden – eine Fremde, die allen Esbirkolnern misstraute und deshalb Dinge aufdecken würde, die der Hofstaat allzu leicht übersah. Eine Fremde, die nichts über Magie wusste und der man deshalb alles mögliche über irgendwelche Zauber erzählen konnte.

Auf halber Strecke stürmten Leovel vier Leibwächter in ihren zotteligen Fellmänteln entgegen. Leovel ahnte ihre gezückten Schwerter mehr als sie zu sehen.

„Bleibt stehen und geht mir aus dem Weg!“ schrie sie.

Die Wächter hielten tatsächlich inne, gaben aber die Bahn nicht frei.

„Geht mir aus dem Weg!“ Leovel stapfte unbeirrt weiter. „Ich werde nicht stehen bleiben – auch dann nicht, wenn ihr mir eure Schwerter entgegenstreckt! Steckt sie weg, oder ihr werdet mich damit aufspießen!“

Unsicher wichen die Wächter erst einige Schritte zurück, dann machten sie Leovel Platz. Einer von ihnen befahl den anderen, ihr zu folgen. Im Lager loderten alle Wachfeuer hoch. Alle Laternen brannten. Die Leibwächter hinter Leovel kündigten durch Rufe ihre Rückkehr an. Von einem der Wachfeuer löste sich eine bullige Gestalt und wälzte sich auf Leovel zu. Leovel zog ihr Schwert und hielt es kampfbereit.

„Du tausendmal verfluchtes Scheusal aus Yogs tiefstem Höllenschlund!“ Frens’ Gesicht glühte rot im Feuerschein. „Ich sollte dich in so kleine Stücke hacken, dass die Höllenlöwen dich durch einem Strohhalm verschlingen können!“

„Tu es doch,“ zischte Leovel.

„Ich werde es in derselben Stunde tun, in der dieses verdammte gleißende Band fällt!“ Ohne seine Waffe zu ziehen, trat Frens näher. Zuletzt lag die Klinge von Leovels Schwert auf seinem Brustpanzer und seine Nase berührte beinahe die ihre. „Steck dein Schwert weg, du verrottete Teufelsbrut, und folge mir in das Zelt der Herrschaften! Leider bin nicht ich derjenige, der über deine Bestrafung zu entscheiden hat!“

Leovel hielt für eine Weile Frens’ starren Blick, dann wich sie einen Schritt zurück und ließ ihr Schwert in die Scheide gleiten. Solange es ihr nicht abgenommen wurde, konnte sie es schnell wieder ziehen. Als Frens versuchte, ihren rechten Arm zu packen, lag ihre Hand sofort wieder auf dem Schwertgriff.

„Du hast gesagt, ich soll dir folgen. Also los – geh voraus!“

Frens’ Kiefer mahlten. Endlich winkte er den Leibwächtern, die immer noch hinter Leovel standen. Zwei von ihnen flankierten sie daraufhin mit gezückten Schwertern, während die anderen weiter hinter ihr blieben. Kurz darauf hielt Frens den Eingang zum Zelt der Herrschaften offen. Als Leovel an ihm vorbeiging, machte er seiner Wut mit einem heftigen Stoß in ihren Rücken Luft. Leovel taumelte und stieß beinahe mit Wuharg zusammen. Der ganze Hofstaat schien sich im Zelt zu drängen. In der Mitte saß die Herrin des Esbir auf einem Feldbett und hielt Kurany auf ihrem Schoß. Das Gesicht des Mädchens war rot und verquollen. Ihre langen Wimpern glänzten immer noch feucht von Tränen. Bei Leovels Anblick reichte Zinofor ihre Tochter an Diris weiter und stand auf. Ihre glatten Gesichtszüge waren eisern vor Zorn. Die Herrin pflanzte sich vor der Schwerttochter auf. Blitzartig blockte Leovel die Hand ab, die ihr eine Ohrfeige verpassen wollte. An ihrer erhobenen Hand vorbei begegnete Leovel Zinofors fassungslosem, hasserfülltem Blick.

„Du bist eine Soldatin aus dem Heer meiner Feinde,“ tönte die Herrin. „Ich hätte jedes Recht gehabt, dich wie eine Kriegsgefangene zu behandeln. Meine Leibwache wäre ohne Probleme imstande, dich auch gefesselt und ohne dein Schwert am Leben zu erhalten. Aber ich habe dich behandelt wie einen Gast – vielleicht wie einen unwillkommenen Gast, aber immerhin wie einen Gast. Alles, was ich von dir verlangt habe, war, dich von allem Unheil fernzuhalten – und damit alles Unheil von der Knospe fernzuhalten. Heute Nacht hat meine Tochter vor Schmerzen geschrien und in Todesangst um Atem gerungen. Du hast bewiesen, dass wir dir nicht trauen dürfen. Das Wohl der Knospe bedeutet dir nichts. Du missachtest nicht nur meine Befehle, du missachtest auch die hohe Pflicht, die dir von dem Gewebe aller Lebenskräfte auferlegt wurde. Du bist eine Gefahr für die Knospe und eine Gefahr für ganz Esbirkol. Von nun an werde ich dich wie eine Gefangene behandeln. Ich gebe dich in die Hände meiner Leibwächter. Sie werden dir dein Schwert nehmen, und sie haben meine Erlaubnis, alles mit dir zu tun, was nicht zu deinem Tod führt.“

„Herrin–“ Suleira erhob sich mit rauschenden Kleidern von einem Hocker. „Ich bitte Euch um Gnade für die Schwerttochter.“

„Gnade?“ Mit blitzenden Augen wandte Zinofor sich der Magierin zu. „Du hast selbst gesehen, wie sehr die Knospe heute gelitten hat! Warum sollte die Schwerttochter Gnade verdienen?“

„Ich sage nicht, dass sie Gnade verdient.“ Suleira maß Leovel mit einem Blick voller Enttäuschung und Kälte. „Aber die Klugheit gebietet es, Gnade walten zu lassen. Wir müssen zuallererst an die Knospe denken. Ihr habt heute gesehen, wie stark und wie verhängnisvoll die Verbindung durch das gleißende Band ist. Ich fürchte, dass die Gesundheit der Schwerttochter leiden wird, wenn wir sie der Leibwache als Gefangene überlassen. Im schlimmsten Fall könnten die Wächter nach einiger Zeit nur mehr die gefangene Feindin in der Schwerttochter sehen und vergessen, wie eng sie mit der Knospe verbunden ist. Was wäre, wenn einer der Wächter seinem Hass freien Lauf lässt? Die Erfahrungen der Magier mit dem gleißenden Band liegen weit zurück – so weit, dass ich nicht sicher sagen kann, ob auch die Gesundheit der Knospe in Gefahr wäre, wenn die Schwerttochter leidet. Wir sollten die Dinge so lassen, wie sie waren.“

Zinofor warf ihren Kopf in den Nacken. „Wie können wir das tun, nachdem die Schwerttochter heute bewiesen hat, dass wir ihr nicht trauen dürfen? Sie hat sich heute wie die Feindin verhalten, die sie ist! Vielleicht wünscht sie sogar den Tod der Knospe!“

Suleira ließ ihre Ärmel mit einer eleganten Geste über ihre Handgelenke fallen. „Es spielt keine Rolle, was die Schwerttochter wünscht – sie wird nichts tun, was ihr eigenes Leben in Gefahr bringt. Andernfalls wäre sie heute Nacht nicht zurückgekommen, sondern wäre in ihren Tod gegangen. Sie hat uns heute endgültig bewiesen, dass sie nicht bereit ist, ihr Leben zu opfern.“