Das gleißende Band


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I

Der Schnee schien die Welt verschlingen zu wollen. Den Erdboden hatte er bereits unter seiner dicken Zunge begraben. Nun zog er auch die Bäume mit gierigen Tatzen zu seinem Schlund herab. In wütender Abwehr blies der Wind die Flocken vor sich her. Doch damit half er ihnen nur, nach allem zu schnappen, was ihnen bislang entgangen war. Leovel hatte es längst aufgegeben, den Schnee abzuschütteln. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, dem weißen Rachen ihre Stiefel zu entreißen, wieder und immer wieder. Das Leder war völlig durchweicht, aber selbst das nasseste Schuhwerk bot etwas Schutz. Wie die scharfen Eiskristalle sich auf nackter Haut anfühlten, wusste Leovel allzu gut. Seit ihre Strümpfe sich in die Stiefelschäfte verkrochen hatten, biss der Schnee bei jedem Schritt gnadenlos in ihre Knie. Ledermantel, Rock und Unterrock waren in diesem Wetter völlig sinnlos. Die Säume schleiften über die hohe Schneedecke, statt wärmend auf die Knöchel herabzuhängen. Kein Wunder, dass die Drubanter seit Jahrzehnten vergeblich gegen Esbirkol kämpften. Sogar ihre Kleidung war schlechter als die ihrer Feinde. Freilich schneite es in Drubant nur selten. Und solchen Schneefall hatte Leovel noch nie erlebt. Blinzelnd zog sie den Schal zurecht, den sie um Kopf und Gesicht gewickelt trug. In diesem Schneetreiben konnte sie nicht einmal zehn Schritte weit sehen. Und bald würde es völlig dunkel sein. Wie bei allen Teufeln sollte sie so einen Unterschlupf finden? Sie hätte unter diesem Gesträuch bleiben sollen, unter dem sie die letzte Nacht verbracht hatte. Mit etwas Glück wäre das Buschwerk zum Dach eines Schneehauses geworden. In einem solchen Schneehaus hätte sie vielleicht überlebt, dank trockener Kleider und trockener Habseligkeiten in ihrer Schultertasche. Aber am Morgen war sie sicher gewesen, dass es bald zu schneien aufhören würde. Jetzt würde sie wahrscheinlich erfrieren. Geschah ihr recht – was zog sie auch in einer fremden, völlig verlassenen Gegend umher. Leovel blickte hinter sich. Am Rand ihres Sichtfelds begannen ihre Spuren bereits zu verwehen. Wenn sie im Kreis ging, würde sie es nicht einmal bemerken. Vielleicht war sie schon im Kreis gegangen. Sie versuchte zwar, den Wind im Rücken zu behalten, aber er wehte in unsteten Böen. Mittlerweile konnte er sogar mehrmals gedreht haben. Mit einem Schulterzucken stapfte Leovel weiter. Wenn sie heute in den Klauen der vierundzwanzig Teufel landen würde, wollte sie ihnen wenigstens mit hocherhobenem Haupt entgegengehen.

Ein plötzlicher dunkler Fleck in all dem Weiß ließ Leovel beinahe zurückfahren. Halbherzig behielt sie ihre Richtung bei und steuerte auf den Farbklecks zu. Wahrscheinlich lag dort vorne ein Bär, der in diesem plötzlichen Wintereinbruch verendet war. Sie könnte ein Stück Fleisch aus dem Tier herausschneiden – wenn sie auf ihrem letzten Weg auch noch einen ungenießbaren Eisklumpen mit sich herumschleppen wollte. Denn Feuer würde sie heute wohl keines mehr sehen. Höchstens Höllenfeuer. Und dafür brauchte sie kein Bärenfleisch mitzubringen. Mechanisch legte Leovel ihre Hand um den Griff ihres Schwerts. Der Fleck regte sich zwar nicht, doch einem Bären im Todeskampf wollte sie keinesfalls unbewaffnet gegenüberstehen. Noch ein Schritt, und der Fleck wäre in Reichweite. Leovel krallte die Zehen zusammen, damit der Stiefel auch diesmal auf ihrem Fuß bleiben würde. Den Anflug eines Krampfs ignorierte sie ebenso wie alle anderen Zeichen ihrer Erschöpfung. Ihr Körper hatte ihr nichts zu sagen, auf das sie hören durfte. Stehen zu bleiben kam nicht in Frage. Nur weil sie dem dunklen Fleck schon so nahe gekommen war, hielt Leovel inne und beugte sich hinunter. Es war kein struppiges Bärenfell. Der Fleck sah aus wie Wollstoff. Ein Lumpen, den der Wind hierhergetrieben hatte, und der dann an irgendetwas hängen geblieben war? Groß konnte er nicht sein. Nicht einmal diese starken Windböen vermochten ein großes Stück schweren Wollstoffs weit fortzutragen. Trotzdem streckte Leovel ihre Hand nach dem Lumpen aus. Wolle verhieß Wärme, selbst der kleinste Fetzen. Sie könnte ihn um eine Hand wickeln. Leovel packte zu und zog. Der Lumpen leistete erstaunlich großen Widerstand. Entweder war er doch größer als gedacht, oder er hatte sich wirklich fest verhakt. Stur pflügte Leovel noch ein wenig näher. Ohne den Lumpen loszulassen, grub sie mit der anderen Hand tiefer. Der Stoff gab so ruckartig nach, dass Leovel um ein Haar hintüber gefallen wäre. Im nächsten Augenblick landete sie tatsächlich im Schnee, zurückgestoßen von plötzlichem Grauen. Gegen den dunklen Wollstoff hob sich ein bleiches Gesicht ab. Ein Kindergesicht. Ein ungewöhnlich sauberes und wohlgenährtes, aber lebloses Kindergesicht. Voller Unmut rappelte Leovel sich auf. Schon beim ersten Griff hätte ihr auffallen müssen, dass sie keinen Lumpen in der Hand hielt. Solch dicker, flauschiger Wollstoff war ihr schon lange nicht mehr untergekommen. So fühlte sich ein neuer, teurer Mantel an. Niemand in Drubant konnte sich dieser Tage einen solchen Mantel leisten. Wieder packte Leovel den Griff ihres Schwerts, während sie von einem Schauer geschüttelt wurde. Hatte sie in diesem Schneesturm etwa die Grenze überschritten? Dann steckte sie wirklich in Schwierigkeiten. Esbirkol war Magierland. Nur Drubant bot Sicherheit vor üblen Zaubereien. So nahe an der Grenze hätte sie in diesem Wetter niemals losziehen dürfen. Die Grenzsteine reichten ihr gerade über den Knöchel, also waren sie seit Stunden unter den Schneewechten verborgen. Natürlich musste sie an ihnen vorbeigestapft sein. Dieses Kind hier hatte sich bestimmt nicht über die Grenze verirrt. Vielmehr war es ein Wunder, dass es in die Nähe der Grenze gekommen war – vor allem in diesem Schnee! Die ersten Esbirkolner Dörfer standen mehrere Meilen von der Grenze entfernt. Noch dazu konnte dieses Kind nicht älter sein als vier oder fünf Jahre. Oder besser gesagt: Es konnte nicht älter als vier oder fünf gewesen sein. Vermutlich war seine erste große Dummheit auch seine letzte gewesen. Nun, damit hatte es sich einiges erspart. In jäher Entschlossenheit begann Leovel zu graben. Ein totes Kind brauchte keinen neuen Wollmantel mehr. Aber für sie könnte das kleinste Stück Stoff die letzte Rettung vor dem Erfrieren bedeuten. Dass sie nun auf Esbirkolner Boden stand, brauchte sie nicht zu kümmern. Ein Kind besaß gewiss keine Zauberkräfte – ein totes schon gar nicht. Also würde sie auch nicht von einer höheren Macht bestraft werden, wenn sie dem Kind den Mantel raubte. Nicht einmal hier in Esbirkol. Als Leovel den kleinen Körper aus dem Schnee hob, fielen seine Arme zur Seite und sein Kopf nach vor. Noch bevor sie sich wundern konnte, dass die Totenstarre noch nicht eingesetzt hatte, vernahm sie ein leises Seufzen, gefolgt von einem schwachen Husten. Leovel zischte einen Fluch zwischen den Zähnen hervor. Statt ihr ein winziges Stück Wärme zu schenken, spielte der Schnee ihr einen weiteren bösen Streich. Offenbar setzte er heute wirklich alles daran, sie ins Verderben zu treiben. Nicht mit ihr. Sie wollte lieber für den Rest ihres Lebens von diesem gespenstisch blassen Gesicht verfolgt werden als diesen Lebensrest noch mehr zu verkürzen, indem sie sich ein halbtotes Kind aufbürdete. Trotz des leisen Wimmerns ließ Leovel den kleinen Körper sinken. Im nächsten Moment riss sie ihn wieder hoch. Unter der Schneedecke glomm plötzlich ein grelles Licht auf. Sein dünner Strahl bog sich zu einer Spirale um Leovels Beine – wie eine Schlange, die sich um ihr Opfer wand. Gleich darauf schoss der Strahl aus dem Schnee hervor und wirbelte immer höher. Atemlos wappnete Leovel sich gegen den sengenden Schmerz, der einsetzen würde, sobald die glühende Spirale sich enger um ihren Körper zöge. Sie konnte den Weg des Strahls nicht lange verfolgen. Der Schnee warf das Licht unerträglich grell zurück. Erst kniff Leovel nur die Augen zusammen, dann zog sie hastig das Kind an sich und vergrub ihr Gesicht in dem dunklen Mantel. Wärme umschloss sie von den Zehen bis zum Scheitel, während hinter ihren Augenlidern rote und goldene Funken tanzten. Das Blut rauschte in ihren Ohren, angetrieben von einem panischen Herzschlag. Selbst als Dunkelheit und Kälte zurückkehrten blieb Leovel wie erstarrt stehen. In ihren Armen begann das Kind heftig zu zittern. Allem Anschein nach blieb in Esbirkol nichts unberührt von Zauberei. War dieser Lichtstrahl eine Warnung gewesen? Würde sie von einem tödlichen Blitz getroffen werden, wenn sie das Kind zurückließ? Vorsichtig versuchte Leovel, die dünnen Arme zu lösen, die sich um ihren Hals geschlungen hatten. Doch das Kind klammerte sich krampfhaft fest. Leovel wurde ärgerlich. Gleichzeitig wagte sie es nicht, mehr Kraft anzuwenden.

„Lass los, du kleiner Blutegel! Und wenn dieser Zauber von dir gekommen ist, kannst du was erleben! Und glaub bloß nicht, dass er dir irgendetwas bringt – ich komme aus Drubant! Auf mich wirkt keine Magie!“

Ein Kind würde hoffentlich nicht wissen, dass nur jemand in Drubant immun gegen Magie war, aber nicht jemand aus Drubant.

„Wo kommst du überhaupt her? Der Schnee reicht dir doch schon fast bis zur Nasenspitze! Und fliegen können nicht einmal die mächtigsten Magier!“

Das Kind reagierte nicht. Wie ein blindes, taubes Bündel Elend hing es an Leovel. Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Kind wieder in die Arme zu nehmen, um ihren Hals zu entlasten. Unwillig warf Leovel den Kopf zurück. Ihr Schal war verrutscht und verdeckte ihr die Sicht. Freilich hätte freie Sicht auf das Schneetreiben sie auch nicht klüger gemacht. Es wurde dunkel, und ihre letzten Fußspuren waren beinahe wieder zugeweht. Wenn sie sich durch das Kind und durch seltsame Lichtstrahlen lähmen ließ, konnte sie sich endgültig damit abfinden, bald zu erfrieren. Leovel wollte gerade einen neuen Versuch unternehmen, das Kind abzuschütteln, als sie erneut Licht wahrnahm. Schon wieder ein Zauber? Unwillig wandte Leovel sich dem fahlen Schein zu. Wenn es wirklich noch ein Zauber war, würde er hoffentlich mehr zu bieten haben als schmerzende Augen und einen Moment der Wärme. Ein schnelles Ende zum Beispiel. Auf alles, was sie nicht dauerhaft von Schnee und Kälte erlöste, konnte sie jedenfalls verzichten.

Zu dem fahlen Schein gesellten sich ein zweiter und ein dritter. Gleich darauf zeichneten sich dunklere Umrisse gegen das Schneetreiben ab, gefolgt von Geräuschen. Leovel vernahm das Stampfen von Pferden, das Quietschen von durchweichtem Sattelleder und zuletzt eine raue Stimme:

„Bildet endlich eine Kette, ihr Idioten! Solange ihr in diesem Teufelswetter hintereinander reitet, verfehlt ihr sogar eine Scheunenwand! Wir können die Pferde nicht schonen! Wir müssen unbedingt die Stelle finden, von der dieses Licht kam! Das war kein natürliches Licht! Und wer an diesem verdammten Tag mitten im Grenzland zaubert, muss eine ganze Wagenladung Dreck am Stecken haben!“

Leovel verharrte reglos, während sie auf das Knirschen der Hufe im Schnee lauschte. Sechs Pferde. Diese Reiter waren entweder ihre letzte Rettung oder ihr sicherer Tod – und beides war gleich wahrscheinlich. Also konnte sie es genauso gut dem Zufall überlassen, ob sie gefunden wurde oder nicht. Selbst mit Laternen würden diese Reiter kaum etwas sehen, das Schneegestöber war zu dicht. Alles hing davon ab, wie stark sich ihre weiß bestäubte Kleidung noch von der Umgebung abhob. An Kampf war nicht zu denken. Mit sechs Esbirkolnern gleichzeitig hätte sie es nicht einmal aufnehmen können, wenn kein Kind an ihrem Hals gehangen wäre.

Eines der Pferde stapfte direkt auf Leovel zu. Als das Tier sie witterte, versuchte es auszuweichen, wurde aber von seinem Reiter vorwärts getrieben. Zuletzt wieherte es scharf, bäumte sich halb auf und brach nach rechts aus. Der Lichtkreis der Laterne streifte Leovel.

„Hoo! Alle Halt!“ bellte die raue Stimme. „Mir scheint, wir haben gefunden, was wir suchen. Plerit – halt die Zügel von meinem Gaul!“

Der Schnee neben Leovel knirschte empört, als er unter den Stiefelsohlen eines Mannes zusammengepresst wurde. Der Esbirkolner schien unnatürlich breit zu sein, bis Leovel begriff, dass er in einem Mantel aus Bärenfell steckte. Unter dem Tuch, das der Mann von seinem Gesicht löste, kam jedoch ein Kinn zum Vorschein, das seinem ausladenden Mantel alle Ehre machte. Die Augen des Esbirkolners konnte Leovel nur vage unter der Fellkapuze hervorglänzen sehen – trotz der Laterne, die er nun höher hob.

„Bei Yog! Dieses Hexenweib hier hat tatsächlich die Knospe bei sich! Dafür wirst du brennen! Gib sofort dein Opfer frei, oder –“ Mit einer abrupten Handbewegung ließ der Mann ein Messer aus seinem Ärmel schießen und zielte damit auf Leovels rechtes Auge.

„Bitte sehr.“ Leovel hob ihre Arme. Wieder klammerte das Kind sich mit aller Kraft an ihr fest. „Ich gebe diese Last mit dem größten Vergnügen her. Vielleicht könntest du deine furchterregende Klinge dafür verwenden, sie von mir loszuschneiden.“

„Vorsicht, Frens,“ warf eine hohe Frauenstimme hastig ein. „Vergiss nicht, dass sie eine Magierin ist!“

„Hältst du mich für schwachsinnig, Plerit? Halt den Mund!“ Trotz seines rüden Tons begannen Frens’ Kiefer zu mahlen. Die bullige Gestalt verharrte unschlüssig.

„Wenn ich eine Magierin bin, seid ihr Yogs schleimige Schoßtiere.“ Energisch löste Leovel die verkrampften kleinen Finger aus ihrem Nacken und hielt Frens das Kind entgegen. „Hier, nimm deine kostbare Knospe. Und pass ab jetzt besser auf sie auf. Manche Pflänzchen vertragen den Frost nicht gut.“

Der Esbirkolner rührte sich nicht. „Plerit – nimm die Knospe! Schau, ob sie verletzt ist.“

„Mit Verletzungen oder Zaubern kennt Ennock sich besser aus,“ gab die hohe Stimme zurück. „Außerdem kann ich nicht gleichzeitig die Pferde festhalten und die Knospe nehmen.“

„Wirst du mir wohl gehorchen, du Teufelsbrut!“ brüllte Frens los. „Glaubst du, dass die Pferde in diesem hohen Schnee plötzlich davongaloppieren? Du machst dir nur vor diesem Hexenweib in die Hose! Aber wenn du dich nicht sofort um die Knospe kümmerst, kannst du mitsamt deinen nassen Hosen zurück zur Hölle gehen!“

Wieder knirschte der Schnee. Eine weitere in Bärenfell verpackte Gestalt stapfte heran. Leovel erblickte nur flüchtig ein verhülltes Gesicht und einige schwarze Haarsträhnen, als die Frau ihr das Kind abnahm. Auf dem Weg zurück zu ihrem Pferd begann Plerit, begütigende Worte zu murmeln.

„Nun zu dir, Hexenweib.“ Seit das Kind aus der Bahn war, zielte Frens’ Messer auf Leovels Herz. „Wie, bei Yog–“

„Frens!“ unterbrach Plerit. „Nicht hier! Die Knospe scheint unverletzt zu sein, aber sie ist eiskalt, und ich kann nicht sagen, ob ein Zauber auf ihr liegt. Wir müssen so schnell wie möglich zurück – raus aus diesem verdammten Schnee!“

Frens brummte etwas Unverständliches, dann brüllte er erneut los: „Ennock! Komm her und fessle diesem Hexenweib die Hände! Du wirst sie vor dir in den Sattel nehmen und die ganze Zeit ein Messer an ihre Kehle halten! Die Pferde können ohnehin nur im Schritt gehen, du brauchst also keine Angst zu haben, dass du ihr bei einem plötzlichen Ruck den Hals durchschneidest. Und du, Hexenweib – mach keine falsche Bewegung und erst recht keinen Laut! Wenn du auch nur versuchst, ein Wort zu sagen, stopfe ich dir deinen Schal als Knebel in den Hals! Und deine jämmerliche Tasche nehme ich!“

Leovel rollte mit den Augen. Großartig! Genau auf diese Weise hatte sie ihrer aussichtslosen Lage entkommen wollen: Mit einem Messer an ihrer Kehle und mit mehr oder weniger bloßen Beinen im Sattel vor einem Esbirkolner Ritter. Ihre Röcke waren zu eng zum Reiten. Nur ihr Mantel würde dank seiner Schlitze auf ihre Beine herabhängen – solange er nicht im Wind flatterte. Eine Rettung vor Schnee und Kälte sah anders aus. Eher würden Schnee und Kälte sie jetzt erst recht umbringen. Aber vielleicht war Erfrieren noch das Beste, was ihr in dieser Gesellschaft passieren konnte. Zähneknirschend ließ Leovel es zu, dass ein stupsnasiger Esbirkolner ihr mit fahrigen Bewegungen die Handgelenke fesselte und sie dann mit Frens’ Hilfe auf sein Pferd manövrierte. Bald stellte Leovel fest, dass ausgerechnet das Messer an ihrer Kehle die Lage erträglich machte. Um die Klinge ohne großen Kraftaufwand an ihrer Stelle halten zu können, presste Ennock seine Gefangene an sich. Zwischen dem Arm, der das Messer fixierte, und dem Arm, der die Zügel führte, versank Leovel im Bärenfellmantel des Esbirkolners. Schnee und Kälte waren immer noch eine Tortur, besonders für ihre Beine, aber gegen den ärgsten Wind wurde sie durch den Reiter in ihrem Rücken abgeschirmt. Freilich ging es wegen der hohen Schneewechten selbst zu Pferde kläglich langsam voran. Die ermatteten Tiere bahnten sich mit gesenkten Köpfen den Weg. Immer wieder musste ein anderes Pferd den vordersten Platz in der Reihe übernehmen. Zu Leovels Verwunderung hielten die Reiter kein einziges Mal an, um sich zu versichern, dass sie noch auf dem richtigen Weg waren. Inzwischen war es stockdunkel. Nur die Laternen kämpften gegen die Nacht und gegen das Schneetreiben an. Leovel erlaubte es sich, in einen leichten Dämmerschlaf zu sinken. Als der Wind plötzlich aussetzte und Ennocks Pferd leichter ausschritt, schlug sie sofort die Augen auf. Sie ritten an einer zwei Mann hohen Mauer entlang, auf einem schmalen, vom Schnee befreiten Weg. Obwohl Leovel gerne ihre starren Gliedmaßen wiederbelebt hätte, wagte sie es nicht, sich zu rühren. Ennocks Arm lag immer noch quer über ihrer Brust, und sogar durch den Schal hindurch glaubte Leovel, die Klinge seines Messers erahnen zu können. Auf Frens’ gellenden Ruf öffnete sich ein Tor. Im Schein weiterer Laternen bogen die Reiter in den Hof eines stolzen Bauernguts ein. Das Wohnhaus und sogar der Stall waren genauso massiv gebaut wie die Mauer, von der die Gebäude umschlossen wurden.

„Lass los, Ennock, ich hab sie.“

Leovel fühlte sich an der Taille gepackt und vom Pferd gezerrt. Zum Glück ging ihr gedämpftes Stöhnen im Stampfen und Schnauben der Tiere unter. Ihre Füße waren völlig taub, dafür schien auf ihren Beinen kein Stückchen Haut mehr heil zu sein. Die Schneekristalle und das Sattelzeug hatten wie Schleifsand gewirkt.

„Bei Yog! Für eine Magierin bist du echt ein Schwergewicht – und ganz schön kräftig.“ Beinahe empört testete Frens die Muskeln in dem Arm, an dem er Leovel fortzog. „Du musst gewusst haben, was dir alles bevorsteht, wenn du zu einem abtrünnigen Hexenweib wirst! Leider wird dir deine ganze Kraft nichts nützen. Wer der Knospe auch nur ein Haar krümmt, hat sein Leben in den Höllenrachen geworfen!“

Frens zerrte Leovel über die Schwelle des Wohnhauses und warf seinen Mantel von sich. Auch ohne Bärenfell blieb seine Gestalt bullig. Das kantige Kinn saß unter einem massigen Kopf und über einem Hals, der sich fast übergangslos in mächtige Schultern ausbreitete. Selbst Frens’ dunkles, borstiges Haar schien vor Kraft zu strotzen. Schnelligkeit gehörte bestimmt nicht zu den Stärken dieses Mannes. Aber die Entschlossenheit, die aus seinen dunkelgrauen Augen sprach, würde diese Schwäche gemeinsam mit seiner Kraft und seiner Ausdauer mehr als wettmachen. Frens befreite seine Gefangene mit zwei groben Schlägen auf Kopf und Rücken von den letzten Schneeresten.

„Habt ihr sie gefunden? Sagt mir, dass ihr sie gefunden habt!“ Eine überaus dünne, großgewachsene Frau drängte sich zwischen die heimgekehrten Reiter in den Vorraum. Trotz der Enge erblickte sie sofort das Bündel in Plerits Armen. „Dem heiligen Schutzpaar sei Dank! Komm zu mir, Kurany!“

Das Kind streckte matt eine Hand nach der dünnen Frau aus.

„Du liebe Güte, was ist die Knospe blass! Es ist ihr doch nichts passiert? Sagt mir, dass es ihr gut geht!“

„Wer kann das schon sagen, wenn sie so lange in diesem Wetter draußen war – in der Hand von Entführern?“ Plerit übergab der dünnen Frau das Kind und schälte sich aus ihrem Bärenfellmantel. „Die Knospe atmet, ihr Herz schlägt, sie ist nicht verletzt, und sie kann sich bewegen. Aber sie spricht nicht, ihre Kleidung ist klamm und sie ist eiskalt. Natürlich habe ich alles getan, um sie auf dem Weg zu wärmen, aber du hast ja gesehen, wie es draußen ist. Außerdem weiß ich nicht, was sie sonst noch durchgemacht hat...“

Plerits vielsagender Blick in Leovels Richtung entging der dünnen Frau. Sie hatte nur Augen für das Kind. „Du hast Recht, sie hat viel durchgemacht. Und natürlich wird sie sofort die beste Betreuung bekommen! Hol Suleira, Plerit, und bring sie in die große Stube! Du weißt doch, wo Suleira untergebracht wurde – im Zimmer der jüngeren Gutstöchter, am Ende des Flurs im ersten Stock.“

Das Tuch, das Plerit gerade von ihrem Gesicht löste, enthüllte eine äußerst unwillige Miene. Doch die dünne Frau achtete nicht darauf, sondern trug das Kind eiligst durch die Tür, durch die sie hereingekommen war.

„Zieh keine Gesichter, sondern tu, was Diris dir gesagt hat!“ donnerte Frens Plerit an. „Wir brauchen Suleira nicht nur wegen der Knospe, sondern auch wegen dem Hexenweib!“ Wieder packte er Leovel am Arm und zog sie mit sich, der dünnen Frau hinterher.

Leovel fand sich in einer großen, düsteren Stube wieder. Die einzige Beleuchtung kam von einem großen Kamin, um den sich mehrere Esbirkolner scharten. In ihrer Mitte kniete Diris’ dünne Gestalt auf einem Schaffell. Natürlich galt aller Aufmerksamkeit dem Mädchen. Wie die Kleine wohl zu ihrem albernen Spitznamen gekommen war? Wenn sogar die Bediensteten sie „Knospe“ nannten, würde sie den Namen nie wieder loswerden. Genau wie Großtante Wena, die noch als Achtzigjährige „Entchen“ gerufen worden war.

Trotz der Fesseln um ihre Handgelenke ließ die Wärme im Raum das Blut schmerzhaft in Leovels Finger zurückkehren. Umso unangenehmer fühlten sich plötzlich die klammen Kleider an. Leovel schauderte. Vorsichtig zog sie wenigstens den durchweichten Schal von ihrem Gesicht.

„Sie ist kaum bei Bewusstsein,“ drang eine metallische Frauenstimme vom Kamin her. „In welchem Zustand war die Knospe, als ihr sie gefunden habt, Frens?“

Der Halbkreis um den Kamin öffnete sich in Frens’ Richtung. Im Feuerschein, der durch die Lücke fiel, wurde die Sprecherin sichtbar. Aus ihrem Gesicht und aus ihrer Haltung sprach vor allem eines: Stolz. An diesen glatten Zügen würden Belanglosigkeiten abperlen wie Wasser von dem streng geflochtenen schwarzen Haar.

Frens verbeugte sich tief. „Herrin – die Knospe war halb tot, als wir sie fanden. Wenn wir sie nur wenig später gefunden hätten, wäre sie wahrscheinlich nicht mehr zu retten gewesen. Dieses Hexenweib hier hat die Tochter der Herrin des Esbir bestimmt nicht entführt, um sie am Leben zu lassen!“

Die Tochter der Herrin des Esbir? Diese Frau war Zinofor, die Herrscherin von Esbirkol? Unwillkürlich starrte Leovel die kerzengerade Gestalt am Kamin an. Anscheinend war der Spitzname des Mädchens doch nicht so albern. Die Herrscher von Esbirkol bezeichneten ihre Familie gerne als Baum des Esbir. Ein neuer Spross wäre also eine Knospe. Leovel grub die Fingernägel in ihre Handflächen. Wenn das Kind aus dem Schnee die Tochter von Zinofor und Tilmont war, hatte sie der künftigen Herrscherin ihrer Erzfeinde das Leben gerettet. Die Ironie war niederschmetternd. Heute hatten es wirklich alle vierundzwanzig Teufel auf sie abgesehen.

„Ein Hexenweib? Eine abtrünnige Magierin?“ Die Herrin des Esbir blickte Leovel an, als ob sie Yogs schleimigstes Schoßtier wäre. „Der Kreis der Magier hat uns nicht berichtet, dass eine Magierin zu den Teufeln übergelaufen ist.“

Leovel erwiderte den Blick unbeeindruckt. „Kann sein, dass ich irgendwann zu den Teufeln übergelaufen bin, ohne es zu bemerken. Aber eine Magierin bin ich garantiert nicht.“

„Sie lügt, Herrin,“ setzte Frens an, doch er wurde durch die Ankunft einer Frau in einem rostroten, rauschenden Gewand unterbrochen.

Eine abrupte Bewegung ließ die Fesseln schmerzhaft in Leovels Handgelenke schneiden. Grimmig lockerte Leovel ihre Schultern. Als ob es irgendeinen Sinn machen würde, nach ihrem Schwert zu greifen! Diese Gestalten in ihren rostroten Kleidern kannten ganz andere Waffen.

Am Kamin sprang Diris sofort auf. „Suleira! Ein Segen, dass Ihr da seid! Wenn Ihr Euch der Knospe annehmt, kann ich endlich wieder frei atmen! Macht Platz! Lasst unsere Magierin zu der Knospe!“

Die Esbirkolner am Kamin wichen eilig vor Diris’ weitausholenden Gesten zurück. Suleiras rostrotes Gewand breitete sich über das Schaffell, als die Magierin neben dem Kind niederkniete. Leovel konnte sehen, dass Kurany inzwischen ausgezogen und in einen trockenen Umhang gewickelt worden war. Für eine Weile sagte niemand ein Wort. Verstohlen rückte Leovel näher an den Kamin heran. Am liebsten hätte sie alle Esbirkolner, die zwischen ihr und der Wärme standen, beiseite gestoßen. Oder gleich ins Feuer hinein. Leider waren es zu viele. Auf ein Murmeln von Suleira verließ Diris die Stube. Majestätisch wandte die Herrin des Esbir sich wieder Leovel zu. Diesmal trat ein Mann an Zinofors Seite, der sich bisher nur um das Kind gekümmert hatte. Seine Weste und seine Hose waren aus demselben grünen, glänzenden Stoff geschneidert wie das Kleid der Herrin. Aber der Herr des Esbir trug offenbar schwerer an seinem Gewand. Obwohl er noch keine vierzig Jahre zählen konnte, stand Tilmont leicht gebeugt. Sein dunkelbrauner Bart verbarg seinen Mund fast vollständig. Leovel war überrascht, als seine Stimme dennoch klar und gebieterisch klang:

„Du sagst, dass du keine Magierin bist. Du hast aber die Knospe des Esbir aus den Mauern dieses Gutshofes entführt und meilenweit verschleppt, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Dieses Meisterstück kann sogar einer Magierin nur mit dem allergrößten Glück gelingen. Wie willst du uns also beweisen, dass du keine Magierin bist?“

Leovel seufzte gereizt. „Seht mich einfach etwas genauer an!“

Auf einen Wink seines Herrn schubste Frens Leovel näher zum Kamin und riss ihr den Schal vom Kopf. Das mächtige Kinn blieb für einen Augenblick schlaff in der Luft hängen.

„Bei Yog!“ schnaufte Frens. „Nun seht euch diese Locken an – goldbraun!“ Er beugte sich näher zu Leovels Gesicht. „Ihre Augen haben dieselbe Farbe! Und dann noch diese Sommersprossen – widerlich! Herrin, Herr – dieses Hex... diese Frau muss aus Drubant sein! Das heißt also, dass– Moment!“ In plötzlicher Hektik zog Frens Leovels Arme an ihren gefesselten Handgelenken hoch und fixierte ihre linke Hüfte. Alle Farbe wich aus seinen Wangen. „Heiliges Schutzpaar! Herrin, Herr – ich muss um Eure großmütigste Verzeihung bitten! Ich habe eine Drubanter Schwerttochter in Eure Gegenwart gebracht, ohne sie zu entwaffnen. Dabei hätte ich auf den ersten Blick erkennen müssen, was sie ist! Nur die Schwerttöchter tragen solche Mäntel – knöchellang, oben eng, unten weiter und aus festem Leder. Und sie tragen ihre Schwerter nicht an einem Gürtel, sondern in ihren Mänteln.“

Mit der Gewandtheit eines Meisters zog Frens Leovels Schwert aus der Scheide, die in ihrem Mantel eingehakt war. Ein Ruck ging durch Leovels Körper. Nur der Verlust ihres Schwertarms hätte sie noch mehr getroffen als der Verlust ihres Schwerts.

„Eine Schwerttochter?“ Ein dicklicher Mann mit schnupfenroter Nase lugte empört hinter dem Herrn des Esbir hervor. „Es gibt wirklich und wahrhaftig Schwerttöchter? Ich hielt es immer für ein Gerücht, dass jene Drubanter Familien, die keinen Sohn für die Armee haben, eine Tochter hergeben müssen!“

„Das ist alles andere als ein Gerücht!“ Frens ließ seinen Daumen prüfend über die Schwertklinge fahren.

Leovel fletschte die Zähne.

„Es ist jedes Mal schockierend, wie primitiv diese Drubanter sind!“ Die rote Nase kräuselte sich angewidert. „Versteht mich nicht falsch – unsere hochgeborenen Töchter den Ritterdienst machen zu lassen, ist eine vorbildliche und edle Tradition. Aber der Gedanke, Frauen in diesen wilden Heerhaufen der Drubanter zu mischen, kann nur einem Gehirn entsprungen sein, das von allen vierundzwanzig Teufeln gleichzeitig besessen war.“

„Die Schwerttöchter passen hervorragend in diesen wilden Haufen. Glaub mir, kleiner Hofmeister – Du würdest keiner Schwerttochter begegnen wollen, wenn du allein bist. Mit ihrem Schwert hätte ich sie niemals in diesen Raum führen dürfen...“

„Schon gut, Frens,“ beschwichtigte der Herr des Esbir. „Du hattest ihr Fesseln angelegt, und mit gefesselten Handgelenken hätte sie ihr Schwert nicht ziehen können – oder zumindest nicht schnell genug. Diese lange Klinge kommt nur glatt aus ihrer Hülle, wenn die Schildhand die Scheide waagrecht hält. Viel wichtiger ist außerdem die Frage, wie eine Drubanter Schwerttochter unsere Knospe entführen konnte.“

Unter diesen Worten gelang es Leovel endlich, den Blick von ihrem Schwert in Frens’ Händen zu lösen. „Meint Ihr das ernst? Erst behauptet Ihr, dass es selbst einer Magierin kaum gelingen würde, Eure Tochter zu entführen – und jetzt soll ich immer noch die Entführerin sein, obwohl inzwischen auch die Dümmsten kapiert haben müssten, dass ich keine Magierin sein kann?“

„Du bist mit der Knospe gefunden worden,“ entgegnete die Herrin kühl. „Du kommst aus Drubant und bist somit eine Feindin unseres Landes. Wie dir die Entführung gelungen ist, werden wir noch herausbekommen – allem Anschein nach warst du bei diesem Verbrechen auch nicht allein. Aber daran, dass du die Knospe entführt hast, besteht kein Zweifel.“

„Ja, macht es euch nur einfach,“ höhnte Leovel. „Warum solltet ihr nach den wirklichen Entführern suchen, wenn eine Drubanterin hier ist, der ihr die Schuld geben könnt?“

Zinofor warf entrüstet den Kopf in den Nacken. „Deine Unverschämtheiten werden dir nichts nützen. Und du wirst erfahren, dass das Haus des Esbir niemals voreilig oder ungerecht urteilt. Frens – erstatte einen genauen Bericht über eure Suche nach der Knospe!“

Der bullige Ritter straffte seine Schultern. „Wie Ihr wisst, Herrin, hatte ich mit meinem Trupp die Suche in Richtung Süden übernommen. Wir hielten nach Spuren Ausschau, so gut es in diesem teuflischen Schneetreiben eben ging. Unsere Hoffnungen, irgendetwas zu finden, wurden mit jeder Viertelmeile geringer. Plötzlich sahen wir in einiger Entfernung – vielleicht siebzig oder achtzig Schritt vor uns – ein seltsames Licht. Es war viel zu hell, um von einer Laterne oder von einem Feuer zu kommen. Außerdem bewegte es sich, schraubte sich um irgendetwas in die Höhe. Natürlich dachte ich sofort an Magie und führte meinen Trupp zu der Stelle, an der das Licht aufgeleuchtet war. Dort fand ich diese Frau – mit der Knospe in ihren Armen.“

„Also muss sie trotz allem eine Magierin sein! Dieser Mantel, die Haarfarbe und alles andere sind eine Maskerade. Sie spielt die Drubanter Schwerttochter nur! Wahrscheinlich hat sie ihre Magie benützt, um ihr Aussehen zu verändern!“ Die Herrin des Esbir fixierte Leovel, als könnte sie dadurch hinter jede Maskerade sehen.

„Verzeiht mir, Herrin – die Erscheinung der Dinge kann mit Magie nicht beeinflusst werden. Magie verändert die Verteilung der Kräfte im Gewebe, lässt aber die Oberfläche der Gewebe unverändert.“ Das rostrote Kleid rauschte leise, während Suleira aufstand. „Erlaubt Ihr mir, dass ich der Gefangenen einige Fragen stelle?“

Auf ein hoheitsvolles Nicken der Herrin trat Suleira näher zu Leovel. Die dunklen Augen der Magierin sahen im Schein des Kaminfeuers beinahe schwarz aus. An Suleiras Schläfen zogen sich bereits einige weiße Fäden durch das blauschwarze Haar, aber auf ihrem Gesicht zeigten sich noch keine Fältchen. Es war ein überaus ruhiges Gesicht, mit einer schmalen Nase zwischen hohen Backenknochen. Suleiras Stimme wurde von derselben Ruhe getragen:

„Wie ist dein Name?“

Leovel musterte Suleira skeptisch. Ausgerechnet die Magierin mimte so etwas wie Respekt vor der Drubanter Schwerttochter!

„Leovel.“

„Ist das dein Rufname oder der Name deiner Familie?“

„Schwerttöchter haben nur einen Rufnamen.“

„Und keine Familie mehr, nicht wahr? Ihr müsst sie vollkommen aufgeben, wenn ihr zu eurem Heer geht. Ein hartes Los. Woher in Drubant kommst du ursprünglich?“

„Mewa.“

„Das ist im Süden des Landes?“

„Südosten. Ihr könnt Euch den Versuch sparen, mich durch kluge Fragen als Lügnerin zu entlarven. Ich bin wirklich eine Drubanter Schwerttochter. Wenn Ihr einen echten Beweis wollt, löst meine Fesseln und gebt mir mein Schwert zurück!“

Suleiras Mundwinkel hoben sich zum Ansatz eines Lächelns. „Das wird nicht notwendig sein. Hast du die Knospe entführt?“

„Nein.“

„Wie kam es dann, dass du mit ihr gefunden wurdest?“

„Ich fand sie zufällig, halb im Schnee begraben.“

„Du hast sie also ausgegraben?“

„Ja.“ Leovel blickte die Magierin herausfordernd an. Suleira sollte ruhig nach dem Grund dafür fragen – sie würde ihr bestimmt keine Lüge auftischen.

„Und nachdem du sie ausgegraben hattest, kam dieses Licht, von dem Frens berichtete?“

„Ja.“

„Beschreib dieses Licht genauer.“

Leovel hob die Schultern. „Es war ein einzelner, greller Lichtstrahl. Wahrscheinlich kam er aus dem Boden, ich kann es nicht genau sagen. Jedenfalls bewegte sich der Lichtstrahl zuerst durch den Schnee und dann durch die Luft. Er wand sich um mich wie eine Schlange, immer höher. Zum Schluss muss er auch meinen Kopf eingehüllt haben. Gesehen habe ich es nicht mehr, weil ich zuletzt meine Augen abdecken musste. Aber ich habe es gefühlt.“

„Hüllte der Lichtstrahl auch die Knospe mit ein?“

„Ja.“ Wie hätte er sich auch zwischen sie und das Kind schieben sollen ohne sie zu versengen?

Suleira blinzelte langsam. „War das Licht grellweiß? Und hüllte es euch beide in Wärme ein?“

Langsam fühlte Leovel sich wie die dressierte Nebelkrähe ihres dritten Hauptmanns. Dieser Vogel hatte nur ein einziges Wort sagen können: Ein langgezogenes, krächzendes „Ja...“ Zur Abwechslung nickte Leovel stumm.

„Herrin, Herr.“ Suleira wandte sich zu dem Herrscherpaar um. „Diese Drubanter Schwerttochter hat die Knospe nicht entführt – sie hat ihr das Leben gerettet. Das Licht, das Frens zu der Knospe führte, war das gleißende Band. Daran besteht nicht der geringste Zweifel.“

Fassungslos taumelte der Herr des Esbir einen Schritt zurück. „Das gleißende Band? Aber das ist doch seit unerdenklichen Zeiten nicht mehr vorgekommen! Es hieß sogar, dass dieser Zauber nicht mehr wirksam sei!“

„Natürlich ist dieser Zauber noch wirksam.“ Leises Missfallen färbte Suleiras ruhige Stimme. „Es ist vielmehr die Angst vor dem gleißenden Band, die seine Erscheinung selten gemacht hat. Denkt nur an das Sprichwort: Rette ein Leben und du bist des Todes.“

Die betretenen Gesichter der Esbirkolner behagten Leovel kein Bisschen. „Nachdem jetzt klar ist, dass ich nichts mit der Entführung zu tun hatte, kann ich wohl gehen.“

Abrupt hielt sie Frens ihre Handgelenke unter die Nase, damit er ihre Fesseln löste. Der Ritter betrachtete sie ungläubig.

„Es tut mir leid, Leovel,“ ließ Suleira sich vernehmen. „Du kannst uns nicht verlassen.“

„Was?“ Aufgebracht fuhr Leovel zu der Magierin herum. „Weil ich eine Drubanter Schwerttochter bin, oder was?“

Suleira schüttelte graziös den Kopf. „Nein, das ist es nicht. Frens, nimm Leovel die Fesseln ab, damit sie zumindest ihren feuchten Mantel ausziehen kann.“

Mit eigensinnig vorgeschobenem Kinn suchte Frens den Blick seiner Herrin. Zinofor bedeutete ihm steif, den Befehl zu befolgen. Doch bevor Frens den Strick durchtrennte, brachte er Leovels Schwert außer Reichweite. Leovel knurrte verhalten. Mit dem größten Widerwillen ließ sie ihren Mantel von den Schultern gleiten. Das schwere Leder bedeutete für eine Drubanter Schwerttochter dasselbe was die Rüstung für einen Esbirkolner Ritter bedeutete. Aber in der Gegenwart einer Magierin hätte ihr auf Esbirkolner Boden nicht einmal eine Rüstung Schutz geboten. Außerdem war das durchnässte Kleidungsstück unerträglich geworden. Leovel hängte ihren Mantel an einen Haken am Kamin. Endlich drang die Wärme des Feuers bis auf ihre Haut durch. Suleira hatte sich inzwischen wieder zu Kurany niedergekniet. Sie legte dem Mädchen ihre Hände auf die Schläfen. Nach einem kurzen Innehalten nickte sie.

„Die Heilzauber haben gewirkt. Die Knospe wird sich wieder erholen. Der Schnee und die Kälte haben keinen bleibenden Schaden angerichtet.“

„Schnee und Kälte sind nicht das einzige mögliche Übel,“ bemerkte die Herrin des Esbir. „Gibt es irgendwelche Spuren von einem Schadenzauber?“

Suleiras Lippen wurden schmal. „Nein, Herrin. Es kann auch keine geben. Zurzeit lebt in ganz Esbirkol kein einziger Magier, der dem Haus des Esbir nicht loyal wäre. Der Kreis der Magier wacht darüber.“

„Zumindest wacht er wieder darüber, nach dem Vorfall vor vier Jahren...“ Zinofor bedachte Suleira mit einem scharfen Blick.

Noch schmallippiger als zuvor neigte die Magierin den Kopf. Diris’ Rückkehr löste die Spannung, die plötzlich im Raum lag.

„Die Brühe ist fertig und das Bett aufgewärmt,“ verkündete die dünne Frau. „Ich nehme die Knospe jetzt mit.“ Erst mit der letzten Silbe mündete Diris’ entschlossener Ton in einer Frage. In ihrer Sorge um das Kind hatte die Frau sich offenbar zu spät daran erinnert, dass andere hier die Entscheidungen trafen.

„Tu das.“ Der Herr des Esbir hob seine Tochter auf und gab sie an Diris weiter. „Lass sie für heute nicht mehr aus den Augen.“

„Natürlich nicht! Ich werde sie nie wieder aus den Augen lassen!“ An der Tür drehte Diris sich nochmals um. „Herrin, Herr – bestraft Plerit nicht zu hart. Sie würde ihr Leben für die Knospe geben. Es war bestimmt keine Nachlässigkeit, die sie heute–“

„Wir werden später hören, was Plerit uns zu sagen hat,“ unterbrach die Herrin. „Bring nun die Knospe zu Bett.“

Diris deutete einen Knicks an. Dann verschwand sie durch die Tür.

„Herrin – Herr!“ Frens stand für einen Moment stramm, während die Herrschaften sich ihm zuwandten. „Ich bitte um die Erlaubnis, die Tasche der Schwerttochter durchsuchen zu dürfen – sie hatte eine Schultertasche bei sich, als wir sie fanden. Wir dürfen zwar nicht mehr darauf hoffen, dass der Inhalt der Tasche uns etwas über die Entführung der Knospe verrät, aber nachdem wir die Schwerttochter nicht fortschicken können, müssen wir wissen, was sie bei sich hat.“

Die Last auf Tilmonts Schultern schien noch schwerer zu werden. „Darüber brauchen wir doch nicht einmal zu reden! Selbstverständlich durchsuchst du ihre Tasche!“

Eilig stiefelte Frens in den Vorraum, wo er Leovels Tasche gemeinsam mit seinem Mantel abgeworfen hatte. Leovel sah ihm verächtlich nach. Der Ritter würde bald feststellen, dass er seine Zeit verschwendete. Nachdem sie jedes Stück Wäsche, das sie besaß, am Körper trug, war kaum etwas in ihrer Tasche zurückgeblieben. Nur eine fadenscheinige Decke, ein Schleifstein, eine Zunderbüchse, ein Klappmesser, eine Wasserflasche und etwas Schnur lagen noch darin – abgesehen von ihren letzten Rationen, die wegen der Nässe zweifellos ungenießbar geworden waren.

Das Rauschen von Suleiras rostrotem Kleid drang an Leovels Ohren. „Wie viel weißt du über Magie, Leovel?“

Leovel ließ ihren abfälligen Blick zu der Magierin schweifen. „Ich bin aus Drubant.“

Suleira legte die Fingerspitzen ihrer Hände aneinander. „Nur weil in Drubant keine Magie wirkt, heißt das nicht, dass niemand in Drubant etwas über Magie weiß.“

„Ich weiß nur eines über eure Zauberei: Dass Drubant schon längst zerstört wäre, wenn die Magier die Macht dazu hätten.“

Die Magierin erwiderte Leovels gnadenlosen Ton mit einem sanften, traurigen Lächeln. „Über den Krieg zwischen Esbirkol und Drubant zu urteilen steht mir nicht zu. Und er tut hier auch nichts zur Sache. Wenn du nichts über Magie weißt, weißt du wohl auch nichts über das gleißende Band...“

Leovel stieß die Hände in ihre Rocktaschen. „Ich weiß, dass das gleißende Band in den Augen schmerzt und nichts als Scherereien bringt.“

„Es ist in der Tat eine Bürde – eine schwere, aber auch sehr ehrenvolle.“ Suleira betrachtete Leovel ernst. „Das gleißende Band gehört zu den höheren magischen Verbindungen. Kein Magier kann eine höhere magische Verbindung schlingen. Sie entstehen aus den Kräften des Lebens selbst. Sie entstehen aus jenen Kräften, die uns umweben und in die wir verwoben sind – außer dort, wo diese Kräfte gelähmt sind, wie in Drubant. Ein gleißendes Band entsteht, wenn ein Mensch einem anderen das Leben rettet, aber die Lebensgefahr für den Geretteten noch nicht vorüber ist. Erst wenn jene Bedrohung, von der die Lebensgefahr anfänglich ausging, aufgehoben ist, löst sich das Band wieder. Bis dahin sind Retter und Geretteter untrennbar miteinander verbunden. Sie können sich nicht weit voneinander entfernen, und sie können nicht ohne einander leben. Wenn der eine stirbt, stirbt der andere ebenfalls.“

Was?“ Fassungslos ballte Leovel die Fäuste in ihren Taschen. „Irgendjemand will eurer Knospe an den Kragen, und jetzt bin ich diejenige, die diesen Jemand finden muss? Weil ich zufällig über einen Fetzen Wollstoff im Schnee gestolpert bin? Bei Yog und den dreiundzwanzig minderen Teufeln – das kann doch nur ein grausamer Scherz sein!“

„Es ist kein Scherz,“ gab Suleira mit Nachdruck zurück. „Du hast die Natur des gleißenden Bandes genau erfasst. Du hast die Knospe vor dem Tod bewahrt und damit die edle Aufgabe auf dich genommen, sie auch künftig vor dem Tod zu bewahren – oder besser gesagt, vor jenen, die sie mit dem Tod bedrohen.“

„Großartig! Wer wäre besser dafür geeignet, das Komplott irgendwelcher Esbirkolner gegen die Erbin des Hauses des Esbir aufzudecken als eine Drubanter Schwerttochter!“ Leovel stützte ihre beiden Unterarme gegen den Kaminsims, lehnte ihre Stirn dagegen und starrte ins Feuer. Die Hitze aus dem mannshohen Kamin war kaum mehr auszuhalten. Doch sie gewöhnte sich besser gleich daran, denn nun hatte die Hölle wirklich ihr Tor für sie geöffnet. Wenn sie doch nur an diesem dunklen Fleck im Schnee vorübergegangen wäre!

„Ein Komplott von Esbirkolnern gegen die Erbin?“ näselte eine entrüstete Stimme. „Welch unerhörte Unterstellung! Niemand in diesem Land würde der Knospe jemals ein Haar krümmen! Der Feind muss von außen gekommen sein – höchstwahrscheinlich aus Drubant! Das geschieht dir nur recht, Schwerttochter – dass du dein Leben für diejenigen einsetzen musst, denen du immer nach dem Leben getrachtet hast!“

„Wir müssen alles für möglich halten, Hofmeister.“ Dieser leidgeprüfte Ton kam aus dem Mund des Herrn des Esbir. „Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass alle unsere Untertanen vollkommen loyal sind. Auf unserer Reise sind wir in einer völlig anderen Situation als in Stammhalt auf unserer heimatlichen Burg. Wir leben in fremden Häusern und mit Leuten, die wir nicht so gut kennen wie wir sie kennen sollten.“

„Und nun müssen wir auch noch eine fremde Person in unsere Reisegesellschaft aufnehmen – noch dazu eine aus einem verfeindeten Volk!“ Ein angewidertes Schnäuzen erklang. „Gibt es keinen anderen Weg?“

„Nein, Wuharg.“ Suleiras Kleid rauschte. „Die Schwerttochter muss bleiben. Möglichst nahe an der Knospe.“

„Aber sie darf niemals in Besitz eines Schwerts kommen!“ Frens polterte soeben zurück in die Stube und hatte offenbar die letzten Worte aufgeschnappt.

Wieder rauschte das Kleid der Magierin. „Im Gegenteil! Du musst Leovel ihr Schwert zurückgeben!“

„Bei Yog – und bei allem Respekt vor den Magiern, Suleira! Als Hauptmann der Leibwache der Herren des Esbir kann ich es nicht zulassen, dass eine Drubanter Schwerttochter am Hof des Esbir ein Schwert trägt!“

„Du irrst dich!“ Zum ersten Mal tönte die Macht der Magierin in Suleiras Worten. „Als Hauptmann der Leibwache des Hauses des Esbir kannst du es nicht zulassen, dass Leovel kein Schwert trägt. Halt dir die Natur des gleißenden Bandes vor Augen! Wenn einer der Verbundenen stirbt, stirbt auch der andere! Leovel muss sich verteidigen können! Andernfalls ist sie kein Schutz für die Knospe, sondern ihr Tod! Wer der Knospe nach dem Leben trachtet, wird nun zweifellos versuchen, durch Leovel zu seinem Ziel zu gelangen!“

„Mit ihrem Schwert ist sie eine Gefahr für uns alle!“

„Frens,“ ließ sich nun die Herrin des Esbir vernehmen. „Wie viele Männer und Frauen zählt die Leibwache?“

„Sechzig, hohe Herrin.“

„Und du willst uns wahrlich weismachen, dass sechzig unserer tapfersten und fähigsten Ritter nicht dazu imstande sind, den Baum des Esbir vor einer Drubanter Schwerttochter zu beschützen?“

„Hohe Herrin, die Schwerttochter hat nichts zu verlieren, und sie ist eine Feindin unseres Landes. Sie könnte jederzeit versuchen, ein Blutbad am Hof anzurichten. Und nicht einmal dann dürften wir ihr ein Haar krümmen, weil sie mit der Knospe verbunden ist.“

„Es heißt doch immer, dass die Drubanter Kämpfer keine Ehre kennen, und dass ihnen ihr eigenes armseliges Leben wichtiger ist als alles andere. Warum sollte gerade diese Frau plötzlich beschließen, sich für das Wohl ihres Landes zu opfern – wenn sie überhaupt etwas für das Wohl ihres Landes ausrichten könnte. Ein Blutbad könnte sie höchstens unter den unbewaffneten Knechten anrichten, und das würde Drubant nichts bringen. Der Herr des Esbir und ich sind gut geschützt – durch die Leibwache und durch unsere eigenen Schwerter. Doch selbst wenn es der Schwerttochter trotz allem gelingen sollte, den Herrn des Esbir oder mich zu töten, gäbe es immer noch die Knospe. Und die Knospe kann die Schwerttochter nicht töten ohne sich selbst zu töten. Sie kann den Baum des Esbir nicht fällen. Suleira,“ wandte Zinofor sich der Magierin zu. „Wie weit darf die Schwerttochter von der Knospe entfernt sein, ohne der Knospe zu schaden?“

„Ich wage nicht zu sagen, ab welcher Entfernung den Verbundenen Gefahr drohen würde. Aber die Verbundenen müssen sich nicht in unmittelbarer Nähe zueinander aufhalten. Eine Viertelmeile Abstand ist gewiss noch sicher.“

„Und wird das gleißende Band nur dann gelöst, wenn der Retter höchstpersönlich die Bedrohung für den Geretteten ausräumt?“

„Nein. Es spielt keine Rolle, wer die Bedrohung ausräumt. Sobald keine Lebensgefahr mehr besteht, löst sich das Band. Natürlich räumt dennoch meist der Retter die Bedrohung aus. Denn ihm liegt am meisten daran, die Verbindung zu lösen.“

„Gut,“ stellte die Herrin des Esbir fest. „Wir können die Schwerttochter also im Hofstaat lassen und sie gleichzeitig aus der unmittelbaren Nähe der Knospe, des Herren und mir selbst fernhalten. Die Zahl der Leibwächter, die ständig um uns drei sind, müssen wir nach dieser Entführung ohnehin verstärken. Daneben reicht es, wenn die übrigen Leibwächter ein Auge auf die Schwerttochter behalten. Nun, Frens – werden deine sechzig Ritter diese Herausforderung bewältigen?“

„Natürlich!“ stieß Frens zackig hervor. „Unser Leben für den Baum des Esbir!“

„Dann führ die Schwerttochter nun an einen warmen Platz, wo sie sich ausruhen kann und etwas zu essen bekommt! Und gib ihr ihre Sachen zurück, auch das Schwert. Ich nehme an, dass sie nichts Gefährliches oder Verdächtiges in ihrer Tasche hatte?“

„Nein, nur wertloses Zeug.“

„Nimm die Schwerttochter also mit. Und bring danach Plerit hierher, damit sie nochmals ganz genau über die Entführung berichten kann.“

„Ich bitte um Verzeihung, Herrin,“ warf Suleira ein. „Sollte Leovel nicht dabei sein, wenn Plerit befragt wird? Als Retterin der Knospe hat sie nicht nur das Recht, zu hören, was vorgefallen ist, sondern vielmehr die Pflicht dazu.“

„Unerhört!“ Vor Entrüstung ließ der Hofmeister seine Schuhabsätze lautstark auf die Holzbohlen knallen. „Eine Drubanter Schwerttochter im Hofstaat von Esbirkol! Du gehst zu weit, Suleira! Gleißendes Band hin oder her – sie ist und bleibt eine Feindin! Wir können nicht zulassen–“

Die kühle Stimme der Herrin unterbrach Wuharg: „Als Mutter der Knospe und als Herrin des Esbir entbinde ich die Schwerttochter von dieser Pflicht. Ich erwarte nur eines von ihr: Sich von allem Unheil fernzuhalten!“

Leovel konnte gerade noch ihren Mantel an sich raffen, bevor Frens sie in den Vorraum zerrte.

„Da hast du deinen armseligen Krempel, Sprenkelgesicht!“

Die Schultertasche flog in Leovels Hände.

„Und wenn ich dir jetzt dein Schwert zurückgebe, wirst du es sofort wegstecken!“ Frens zückte sein eigenes Schwert, bevor er Leovel das ihre hinhielt.

„Hast du Angst, dass ich das Blutbad mit dir beginne?“ Leovel nahm Frens das Schwert ab, machte aber keine Anstalten, es wieder in seiner Hülle zu versenken.

„Steck es weg, habe ich gesagt!“ Der Ritter ließ die Spitze seines Schwerts auf Leovels Kehle zielen.

Ungerührt hielt Leovel den Blick der grauen Augen. „Ein Esbirkolner Ritter findet vielleicht nichts dabei, sein Schwert in einer feuchten Scheide herumzutragen. Aber eine Drubanter Schwerttochter weiß, was sie ihrer Waffe schuldig ist.“

Frens bellte ein Lachen. „Wenn ihr wüsstet, was ihr euren Schwertern schuldig seid, würdet ihr die Scheiden nicht in eure Mäntel einnähen!“

„Auf den Gedanken, dass die Scheiden eingenäht sind, kann nur ein Esbirkolner kommen! Sie sind eingehakt. Oder hast du geglaubt, dass wir im Lager sogar bei der größten Sommerhitze in unseren Mänteln herumlaufen, nur weil wir vielleicht unsere Schwerter brauchen könnten?“

„Für so schlau habe ich euch Höllenbrut wirklich nicht gehalten. Schließlich habe ich noch nie eine Schwerttochter ohne ihren Mantel gesehen – nicht einmal in der größten Sommerhitze.“

„Und das kann natürlich nicht daran liegen, dass du Schwerttöchter immer nur während einer Schlacht gesehen hast...“

Das markante Kinn schob sich noch ein Stück weiter vor. Frens legte sein Schwert quer über Leovels Kehle und beugte sich zu ihr, bis seine Nase beinahe die ihre berührte. „Ich mag keine Klugscheißer, Sprenkelgesicht!“

Leovel wich um keine Haaresbreite zurück. „Zu dumm, dass du gegen diese bestimmte Klugscheißerin nichts unternehmen kannst.“

„Sei dir da nicht zu sicher.“ Ein gehässiges Grinsen breitete sich über Frens’ Gesicht aus. „Es gibt viele Wege zur Hölle – für dich und für mich...“

Das Geräusch von Schritten ließ Frens zurückweichen. Ein Mann im Bärenfellmantel der Leibwache betrat den Vorraum. An seiner Stupsnase meinte Leovel, Ennock zu erkennen, doch sie war erst sicher, als Frens ihn ansprach:

„Ennock, du Missgeburt des niedersten Teufels! Wieso ist dir nicht aufgefallen, dass dieses Weib, das du ewig lange vor dir im Sattel hattest, ein Schwert trägt?“

Ein gehetzter Blick flirrte über Leovel und über die Waffe in ihren Händen. Blitzartig zog auch Ennock sein Schwert. „Es muss die Kälte gewesen sein,“ sprudelte er hervor. „Die Kälte, die mich im Sattel komplett taub gemacht hat. Und der Mantel – durch das dicke Bärenfell spürt man doch nichts durch!“

Die Spitze von Ennocks Schwert zitterte leicht. Unter der aufwärtsgebogenen Nase des Esbirkolners saßen die Kiefer so fest aufeinander, dass man ein Stemmeisen gebraucht hätte, um sie auseinanderzubringen. Leovel hob ihr Schwert und machte einen Ausfallschritt in Ennocks Richtung. Wie erwartet warf der junge Ritter sich sofort in den Kampf. Leovel parierte die Attacke halbherzig, mehr aus Reflex denn mit Absicht. Im nächsten Augenblick polterte Ennock zu Boden, niedergestreckt durch Frens’ Hieb in seinen Nacken. Erstaunlich behände stieg der bullige Hauptmann über seinen Ritter hinweg, um Leovel erneut seine Schwertklinge an die Kehle zu setzen.

„Was sollte das jetzt?“ dröhnte Frens. „Willst du die Knospe töten, indem du dich von uns umbringen lässt?“

Leovel schnaubte verächtlich. „Warum sollte ich mich auf einen von euch verlassen, wenn das meine Absicht wäre? Ihr Stümper würdet mich vielleicht nur verstümmeln. Wenn ich die Knospe töten wollte, wäre es viel sicherer und viel einfacher, wenn ich mich selbst umbringen würde.“

Frens runzelte die Stirn. „Ihr Drubanter seid doch zu feige, um euch selbst umzubringen. Aber wenn du nicht sterben willst – wozu dann der Angriff auf Ennock?“

„Das nennst du einen Angriff?“ Leovel winkte ab. „Wenn ich angreife, sieht das anders aus.“

„Ach ja? Wofür soll ich diesen Schwertstreich dann halten? Für eine besonders freundliche Begrüßung nach Drubanter Art?“ Frens’ Augen wurden schmal. „Willst du etwa deine Gegner testen, damit du weißt, womit du es im Ernstfall zu tun hast?“

Ein sturer Blick blieb Leovels einzige Antwort. Sie wusste selbst nicht, was sie dazu bewogen hatte, Ennock zu provozieren. Wollte sie sterben, um gleichzeitig die Erbin der Herrscher von Esbirkol zu töten? Wollte sie ihre Gegner kennenlernen? Oder war es einfach zu verlockend gewesen, diesen nervösen Ritter über seine eigene Schwäche stolpern zu lassen – als Rache dafür, dass sie seine Gefangene gewesen war?

Sobald Ennock sich stöhnend aufgerappelt hatte, trat Frens einen Schritt zurück. Seine Waffe blieb auf Leovel gerichtet.

„An deiner Stelle würde ich nicht darauf zählen, dass dir dein Schwert und deine Freiheit auf jeden Fall bleiben. Wie du gehört hast, setzt die Herrin des Esbir volles Vertrauen in ihre Leibwache. Wenn es hart auf hart geht, setzt sie sogar mehr Vertrauen in ihre Leibwache als in die Worte einer Magierin. Wenn du zu viele Schwierigkeiten machst, werden Suleiras Einwände sich deshalb ganz schnell in heiße Luft auflösen. Und dann werde ich dafür sorgen, dass du statt deines Schwerts Fesseln und eine eigene vierköpfige Leibwache bekommst. Diese Leibwache wird dich in jedem Augenblick deines elenden Lebens begleiten. Sie wird auf deiner Haut kleben wie Blutegel.“

„Wenn das nicht vertraut klingt,“ höhnte Leovel. „Genau so war es in meinem bisherigen Leben. Ob die Esbirkolner Blutegel zehn Meilen oder eine Elle von mir entfernt stehen, macht keinen Unterschied.“

„Auch da wäre ich an deiner Stelle nicht zu sicher. Gleißendes Band hin oder her – wird dürfen dich nur nicht töten. Sonst können wir alles mit dir machen. Wirklich alles!“ Bedeutungsvoll ließ Frens seinen Blick über Leovels ganzen Körper wandern.

„Wenn du so sicher bist, dass ihr trotz des gleißenden Bandes alles mit mir anstellen könnt, dann nimm mir mein Schwert doch gleich ab und gib mir diese vierköpfige Leibwache.“ Herausfordernd hielt Leovel dem bulligen Ritter ihren Schwertgriff entgegen. „In dem Fall hast du ja nichts zu verlieren, nur zu gewinnen.“

„Ich halte mich an meine Befehle,“ knurrte Frens. „Dir sollte allerdings klar sein, dass diese Befehle nicht in Stein gemeißelt sind. Ennock, sag Plerit, dass unsere Herren in der großen Stube mit ihr sprechen wollen. Dann berichte jedem Leibwächter und jedem Dienstboten, dass eine Drubanter Schwerttochter in den Hofstaat aufgenommen werden musste. Sie ist durch das gleißende Band mit der Knospe verbunden. Wer eine Waffe gegen die Schwerttochter erhebt, wird wegen Hochverrats angeklagt. Wer es der Schwerttochter erlaubt, sich vom Hofstaat zu entfernen, ebenfalls.“

Ennock rieb sich verwirrt den Nacken. „Solche Befehle haben die Herrschaften gegeben? Was, wenn die Schwerttochter versucht, sich den Weg freizukämpfen? Dann hätten wir auf jeden Fall eine Anklage wegen Hochverrats am Hals – wenn wir eine Waffe gegen sie erheben genauso wie wenn wir sie fortgehen lassen.“

„Benutz dein Hirn, du Idiot!“ Frens tippte grob gegen Ennocks Stirn. „Natürlich sollt ihr sie mit euren Waffen aufhalten, wenn sie versucht, sich vom Hofstaat zu entfernen. Aber du weißt, was das gleißende Band bedeutet – sie darf nicht sterben! Geh jetzt! Und ich will, dass du persönlich mit jedem Einzelnen sprichst, der zum Hofstaat gehört – oder zur Familie und zum Gesinde auf diesem Gutshof hier! Jeder muss über die Schwerttochter Bescheid wissen, sonst passiert noch ein Unglück! Sind noch Suchtrupps draußen?“

Unruhig flitzten Ennocks Augen von seinem Hauptmann zu Leovel und zurück. „Ja, zwei.“

„Du gehst nicht schlafen, bevor sie nicht zurück sind und du auch noch mit ihnen gesprochen hast! Und es interessiert mich nicht, dass du heute eigentlich nicht für die Nachtwache dran bist!“ Frens verscheuchte Ennock mit einer herrischen Geste. „Und du, Sprenkelgesicht, rührst dich bis morgen Früh nicht aus meinem Sichtfeld! Hier geht’s lang!“