Am Mittleren Grund


II

„Ich bin hier, um mich bei Kommandant Kropantin zu melden.“

Tishanea presste die Lippen zusammen, als ihre Worte nicht so fest klangen wie sie gehofft hatte. Umso entschlossener streckte sie dem Erdhaften, der am Tor des Hauses der Mittelwache postiert war, ein Blatt Papier entgegen. Das Schreiben trug das Siegel des Dreigipfels und ernannte sie zum Kopf der Verdeckten Wache. In einem Nachsatz forderte der Brief sie auf, heute beim Kommandanten der Mittelwache ihren Dienst anzutreten. Der Erdhafte warf einen flüchtigen Blick auf das Papier und beäugte Tishanea etwas ausführlicher. Schließlich gab er ihr das Papier zurück und winkte sie hinein:

„Die Haupttreppe hinauf in den ersten Stock, dann links um die Ecke bis zum nächsten Wachposten.“

Vor dem Dienstzimmer des Kommandanten musste Tishanea dieselbe Prozedur nochmals überstehen, diesmal mit einem wasserhaften Mittelwächter. Dann stand sie endlich vor Kropantin. Auf den ersten Blick sah der Felshafte aus, als bestünde er aus rotem, zähem Leder, durch das sich die Enden seiner Knochen zu bohren drohten. Wie er hier an seinem Schreibtisch saß – mittelgroß, mager und weit über sechzig Jahre alt – wirkte er jedenfalls unscheinbar. Wer nicht wusste, dass die Präsidentin des Dreigipfels höchstpersönlich ihn zum Kommandanten der Mittelwache gemacht hatte, würde ihn leicht unterschätzen. Alle anderen vermuteten unwillkürlich Unerschütterlichkeit hinter seinem Gleichmut, Zähigkeit hinter seiner mageren Statur und reiche Erfahrung hinter seinem Alter.

„Freundliche Morgensonne, Kitz.“ Mit einer Geste forderte Kropantin Tishanea auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Seine Augen blieben auf ein Schriftstück geheftet, dem er soeben einige Zeilen hinzufügte.

Kitz? Tishanea konnte ein unwilliges Stirnrunzeln nicht unterdrücken. Kropantin mochte gute fünfundvierzig Jahre älter sein als sie. Aber sie war der Kopf der Verdeckten Wache. Sie unterstand ihm nicht. Sie stand auf derselben Stufe wie er. Zumindest theoretisch. In Wahrheit würde sie ihre Arbeit nur mit Hilfe der Mittelwache erfüllen können. Und die Mittelwache stand unter Kropantins Kommando... Trotzdem wollte sie sich nicht wie ein Bergziegenjunges behandeln lassen.

Tishaneas Stirn hatte sich noch nicht geglättet, als Kropantin seinen Kohlestift beiseite legte und den Kopf hob. In seinem Blick lag nichts Lauerndes. Offenbar hatte er nicht vorgehabt, Tishanea durch seine Anrede zu reizen. Allerdings schien er sich genauso wenig für die Ursache ihres Unmuts zu interessieren. Kropantin sah sie an, als würde er sie von Kindesbeinen an kennen – ohne Neugier, ohne Eindringlichkeit und ohne sie auf irgendeine Weise abzuschätzen.

„Kopf der Verdeckten Wache,“ stellte Kropantin fest. Nach einer kurzen Pause fuhr er im allersachlichsten Ton fort: „Kitz, ich will ehrlich sein: Eine Verdeckte Wache aus dem Haus des dreifachen Friedens ist keine gute Idee. Nicht in meinen Augen. Ihr seid zu jung und zu unerfahren. Dreizehn Jahre Schule sind nichts. Auch nicht in der besten Schule. Ihr werdet im Dunkeln tappen. Das ist keine Katastrophe. Wir alle tappen täglich im Dunkeln. Aber die meisten auf dem Mittleren Grund wissen das. Meine Leute sind täglich dort draußen. Sie wissen, wie es ist. So weit das überhaupt jemand wissen kann. Ihr Zöglinge wisst es nicht. Ihr seid völlig lebensfremd aufgewachsen. Völlig abgeschlossen vom Getriebe der Stadt. Du bist mir als klug und mutig beschrieben worden. Das glaube ich gerne. Verwende Klugheit und Mut vor allem für eines: Halte dir vor Augen, dass du keine Ahnung hast. Und nimm dir Zeit, zu lernen. Langsam. Sehr langsam. Lern meinetwegen jahrelang. Lass die Mittelwächter für Sicherheit sorgen. Dreizehn Jahre lang gab es keine Verdeckte Wache. Dreizehn Jahre lang ging Dreistadt nicht unter. Dreistadt wird noch länger nicht untergehen. Hoffentlich. Falls doch, wird es auch eine Verdeckte Wache nicht verhindern können. Ich hörte, dass du Schurac nahestehst. Dein Blick ist seinem sehr ähnlich. Vielleicht hast du nur die gleiche Willensstärke wie er. Vielleicht bist du genauso hastig wie er. Er will immer zu schnell zu viel. Das würde dir bei deiner Arbeit schaden. Nimm dir kein Beispiel an Schurac. Lern, das Getriebe von Dreistadt an dir vorüberlaufen zu lassen. Ohne ständig eingreifen zu wollen. Dann wirst du sehen, wie die Dinge laufen. Und irgendwann wirst du Muster dahinter erkennen. Hinter dem Lauf der Dinge. Von da an wirst du manches ändern können. Mit deinem kleinen Finger. Und du wirst manches andere akzeptieren – das, was du nicht ändern kannst. Das, wo du immer im Dunkeln tappen wirst. Von da an wirst du wirklich arbeiten. Und mit Krisen in Dreistadt umgehen können.“

Kropantin hielt inne, um einen Schluck Wasser zu trinken. Tishanea saß völlig verwirrt auf ihrem Stuhl. Was sie hier hörte, gefiel ihr nicht im Geringsten. Früher – während ihrer Zeit im Haus des dreifachen Friedens – hätte sie unter solchen Lektionen und Ratschlägen vor Wut gekocht. Jetzt weckten Kropantins Worte nur eine diffuse, kühle Ablehnung in ihr. Als der nüchterne Blick des Felshaften zu ihr zurückkehrte, begriff Tishanea, warum. Kropantin erwartete nichts von ihr. Er erwartete keine Heldentaten und kein bestimmtes Verhalten. Er erwartete nicht einmal, dass sie seine Ratschläge befolgte. Doch sie war daran gewöhnt, dass in einen Zögling des Hauses des dreifachen Friedens die größten Erwartungen gesetzt wurden. Diese Erwartungen hatten ihr ganzes Leben bestimmt – egal, ob sie dazu entschlossen gewesen war, alle Erwartungen zu enttäuschen, oder ob sie versucht hatte, ihnen gerecht zu werden. Dass nicht das Geringste von ihr erwartet wurde, war eine völlig neue Erfahrung für Tishanea. Der trockene Gleichmut des Kommandanten befremdete sie, verletzte sie geradezu. Sie schien in Kropantins Augen bedeutungslos zu sein. Wenn er ihr überhaupt irgendwelchen Einfluss auf Dreistadt zugestand, dann schlechten Einfluss. Am schlimmsten war, dass sie nichts dagegen tun konnte. Selbst der heftigste Ausbruch würde glatt durch Kropantin hindurch gehen. Tishanea blieb nichts anderes übrig, als ihr Unbehagen hinunterzuschlucken und weiter zuzuhören.

„Die Regelungen für eure Arbeit sind dir bekannt. Ihr kümmert euch um Anschläge auf den Frieden. Um ausgeführte Anschläge und um Anschlagspläne. Auf dem Mittleren Grund und in den drei Städten. Eure Aufzeichnungen und die der Mittelwache kommen in dasselbe Archiv. Ihr habt Zugriff auf alle Papiere der Mittelwache. Eure Berichte dürfen nur von hochrangigen Mittelwächtern gelesen werden. Von mir. Von meinen beiden Stellvertretern. Von den sechs Hauptmännern. Wir werden die Berichte regelmäßig lesen. Zur Kontrolle. Und damit wir auf demselben Wissensstand bleiben. Dringende Angelegenheiten werden natürlich mündlich berichtet. Zusammenarbeit wird wichtig sein. Mit der Gründung der Verdeckten Wache kam auch eine neue Regel für uns. Für die Mittelwache. Ab jetzt dürfen Mittelwächter in den drei Städten eingreifen. Nicht nur auf dem Mittleren Grund. Unter gewissen Bedingungen. Es muss unmittelbare Gefahr bestehen. Ein Verdeckter Wächter muss die Mittelwächter anführen. Oder den Mittelwächtern einen Befehl erteilt haben. Die Haftigkeitsbeschränkung muss gewahrt bleiben. Es dürfen also nur erdhafte Mittelwächter nach Erdstadt. Und so weiter. Ein Verdeckter Wächter kann jederzeit Mittelwächter abkommandieren. Maximal drei. Für spezielle Aufgaben und in besonderen Notfällen. Egal, ob für den Mittleren Grund oder für eine der drei Städte. Aus den Reihen der Wächter im Bereitschaftsdienst. Der Einsatz von mehr Mittelwächtern durch die Verdeckte Wache muss genehmigt werden. Von mir. Oder von einem meiner Stellvertreter. Das Kommando wird dann nicht immer bei der Verdeckten Wache liegen. Meistens wird ein Hauptmann die Mittelwächter kommandieren. Die Verdeckte Wache würde also den Einsatz planen. Die Mittelwache würde ihn ausführen.“ Kropantin hielt inne, nahm ein Blatt Papier von einem Stapel und ließ seinen Blick über die Zeilen wandern. „Ach ja. Ein erdhafter Verdeckter Wächter. Als Ersatz für den verstorbenen Triasbruder. Ihr braucht möglichst bald ein erdhaftes Mitglied. Sonst kann die Verdeckte Wache nur in Felsstadt und in Seestadt arbeiten. Wen dachtest du für diese Aufgabe auszuwählen?“

Tishanea erschrak beinahe, als die Aufzählung von Fakten jäh durch eine Frage beendet wurde. Rasch versuchte sie, ihre Gedanken zu sammeln.

„Wir – mein felshafter Triasbruder und ich – wollen erdhafte Mitzöglinge aus dem Haus des dreifachen Friedens fragen, ob einer von ihnen Verdeckter Wächter werden möchte. Zwei oder drei von ihnen haben das Zeug dazu.“

Kropantin blickte Tishanea bedächtig an. „Erdhafte Zöglinge. Zöglinge, die ihr Amt auf dem Mittleren Grund antraten?“

Tishanea nickte, beinahe empört. Der Kommandant konnte doch nicht ernsthaft annehmen, dass sie jemanden in die Verdeckte Wache aufnehmen würde, der dem Haus des dreifachen Friedens den Rücken gekehrt hatte!

„Dieser Zögling würde also einer anderen Trias fehlen.“ Nachdenklich legte Kropantin die Fingerspitzen aufeinander. „Hm. Schon jetzt ist nicht jede Trias vollzählig. Aber für andere Dienste mag leichter Ersatz gefunden werden. Leichter als für die Verdeckte Wache. Versuch es also. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit. Jüngere erdhafte Mittelwächter. Wir nahmen im Winter neue Wächter auf. Um eine Verdeckte Wache zu begründen. Weil es Zweifel gab, ob Zöglinge sie begründen würden. Vier von ihnen sind Erdhafte. Ich schreibe dir ihre Namen auf.“ Kropantin zog ein leeres Blatt heran und griff nach seinem Kohlestift. „Vielleicht möchtest du mit ihnen sprechen. Wegen der Verdeckten Wache. Gut –“ Der Kommandant seufzte, stützte beide Hände auf der Schreibtischplatte ab und stemmte sich von seinem Sitz hoch. „Das war vorerst alles.“

Tishanea sprang auf und nahm das Blatt mit den Namen der erdhaften Mittelwächter, das Kropantin ihr entgegenhielt.

„Meine Tür steht dir immer offen, Kitz. Schick mir bald deinen felshaften Triasbruder vorbei. Damit ich sein Gesicht kennenlerne. Und wie gesagt: Geht es langsam an.“

Tishanea nickte erneut. Weil ihr keine passende Erwiderung einfallen wollte, führte sie ihre rechte Faust an die gesenkte Stirn. Im selben Moment erschien es ihr dumm, dem Kommandanten der Mittelwache den Gruß der Wasserhaften zu bieten. Doch Kropantins Miene blieb völlig ungerührt, während er zum Abschied knapp seinen Kopf senkte.


Missmutig stapfte Tishanea die Treppe hinunter. Im Erdgeschoß ließ sie das bewachte Tor links liegen und steuerte einen unauffälligen Ausgang in einer Ecke der Eingangshalle an. Wie erwartet führte die Tür in den ungepflegten Hof hinaus, der vom Haus der Mittelwache und vom Haus des Dreihandels umschlossen wurde. Wer in diesen Hof gelangen wollte, musste eines der beiden Gebäude durchqueren. Deshalb hatte die Verdeckte Wache ein Dienstzimmer im Haus des Dreihandels erhalten. Über den Hof hinweg konnten die Verdeckten Wächter unauffällig mit der Mittelwache in Verbindung bleiben. Wenn ihr Dienstzimmer im Haus der Mittelwache gelegen wäre, hätten aufmerksame Beobachter bald Verdacht geschöpft. Alle Mittelwächter trugen Uniform. Wer keine Uniform trug, aber ständig im Haus der Mittelwache aus- und einging, zog unweigerlich Aufmerksamkeit auf sich. Aufmerksamkeit konnten die Verdeckten Wächter nicht brauchen Unter den Beamten im Haus des Dreihandels stachen sie nicht hervor und würden unerkannt bleiben. Tishanea fuhr sich seufzend durch die Zöpfe. Kropantin wäre es gewiss lieber gewesen, wenn sie wirklich für den Dreihandel arbeiten würde statt als Verdeckte Wächterin. Das Zusammentreffen mit dem Kommandanten war alles andere als ermutigend gewesen. Und dann war sie auch noch stumm dagesessen! Mit stumpfsinnigem Schweigen würde sie Kropantin gewiss nicht davon überzeugen, dass sie ihre Pflicht erfüllen konnte. Oder sollte sie froh sein, dass er nichts von ihr erwartete? Immerhin nahm er ihr damit die Last ab, die so schwer auf ihren Schultern lag. Aber es fühlte sich einfach nicht richtig an. Kropantin würde die Verdeckte Wache niemals antreiben, sondern zur Vorsicht und zum Abwarten mahnen – als ob ein Dreistädter, der den Frieden liebte, es sich erlauben dürfte, untätig zu bleiben! Die Kriegstreiber blieben bestimmt nicht untätig! Sie würden den Verdeckten Wächtern keine Zeit lassen, jahrelang zu beobachten und zu lernen. Konnte sie doch nicht so stark auf die Hilfe der Mittelwache zählen wie Schurac meinte?

Im neuen Dienstzimmer traf Tishanea plangemäß auf Paukir. Zu ihrer Überraschung trug der Felshafte keine erwartungsvolle Miene zur Schau, sondern eine düstere. Erst durch sein Begrüßungslächeln hellte sie sich ein wenig auf.

„Wie ist unser Kommandant? Können wir auf ihn zählen?“

„Kommandant Kropantin ist sehr...,“ Tishanea suchte nach einem Wort, „...gelassen. Wir werden auf ihn zählen können, solange wir nichts tun, was die Dreistädter darauf aufmerksam machen könnte, dass es eine Verdeckte Wache gibt.“

Paukirs Nasenflügel blähten sich konzentriert. Er schien den Sarkasmus in Tishaneas Antwort zu riechen. Gleichzeitig fiel es ihm offenbar schwer, zu glauben, dass seine Triasschwester sich tatsächlich eine abfällige Bemerkung über den Kommandanten der Mittelwache erlauben würde.

„Er hält uns für Grünflossen,“ stellte Tishanea klar. „Es wäre ihm am liebsten, wenn wir mit der Geschwindigkeit von Seegurken arbeiten würden – weil wir noch nichts über den Lauf der Dinge in Dreistadt wissen. Er meint, unsere Ausbildung im Haus des dreifachen Friedens sei lebensfremd gewesen.“

Paukir gab sich gekränkt: „Kropantin müsste eigentlich wissen, dass wir schon ein ganzes Jahr mitten im Lauf der Dinge verbracht haben – im Dienst des Hauses des dreifachen Friedens, auf der Jagd nach Verschwörern.“

Tishanea hob die Schultern. „Er weiß es wohl, aber das reicht in seinen Augen noch lange nicht. Es kommt mir vor, als würde er am liebsten gar nicht in den Lauf der Dinge eingreifen. Jedenfalls will er nicht, dass wir es tun. Zumindest nicht bevor wir mehr gesehen und gelernt haben.“

Nun kehrte die Düsternis auf Paukirs Miene zurück. „Dann braucht Loschonn sich wenigstens keine Sorgen mehr zu machen, dass meine Arbeit zu gefährlich sein könnte.“

Tishanea musterte ihren Triasbruder alarmiert. Sie brauchte Paukirs ganzen Einsatz – umso mehr, als sie vorerst ohne erdhaften Verdeckten Wächter auskommen mussten. „Wieso macht Loschonn sich plötzlich Sorgen über deine Arbeit? Sie wusste doch schon lange, dass unsere Trias für die Gründung der Verdeckten Wache ausgewählt wurde – und sie schien nie ein Problem damit zu haben.“

„Ja, sicher wusste sie es, aber das war vorher...“ Paukir stockte und winkte ab, doch Tishanea ließ nicht locker:

„Vorher? Bevor aus nebelumwaberter Zukunft klare, harte Gegenwart wurde, oder was?“

„Nein, bevor...“ Paukir stockte, dann brach es mit der Wucht eines Steinschlags aus ihm hervor: „Loschonn ist schwanger! Und wir haben überhaupt nicht damit gerechnet! Du weißt ja – wir waren nicht sicher, ob wir als gemischthaftiges Paar überhaupt irgendwann Kinder haben könnten... Sicher, da ist Schurac, aber sonst gibt es keine Gemischthaftigen! Und dann ist Schuracs Mutter auch noch bei seiner Geburt gestorben – sie war eine Wasserhafte, genauso wie Loschonn! Wir haben keine Ahnung, wie sich alles entwickeln wird – ob alles gut gehen wird! Und jetzt sorgt Loschonn sich eben wegen meiner Arbeit. Schließlich lebt ein Verdeckter Wächter etwas gefährlicher als ein Sekretär im Haus des Dreihandels! Wenn Loschonn... Wenn Loschonn die Geburt nicht überleben sollte, hätte das Kind nur noch mich... Natürlich gibt es auch noch meine Eltern und ihre, aber sie wohnen in Felsstadt und in Seestadt. Aber vor allem – Tisha, denk nur: Ein gemischthaftiges Kind in Dreistadt! Sogar auf dem Mittleren Grund ist das eine Katastrophe! Nicht einmal alle gemischthaftigen Paare wagen es, ihre Liebe offen zu zeigen! Sie verhalten sich so unauffällig wie möglich. Was für ein Leben steht also einem gemischthaftigen Kind bevor! In Dreistadt hat man schon genug zu kämpfen, wenn man einer Haftigkeit angehört – weil man zwischen den Haftigkeitsfanatikern und den loyalen Dreistädtern eingeklemmt wird! Aber wie viel schwerer muss es sein, wenn man zu keiner Haftigkeit gehört!“

Vor lauter Panik klang Paukirs Stimme hoch und dünn. Tishanea konnte es ihm nicht verübeln. Natürlich löste der Gedanke an ein gemischthaftiges Kind in Dreistadt als Erstes Verzweiflung aus. Noch dazu musste die Entdeckung ganz frisch sein. Bei ihrem letzten Treffen vor zwei Tagen hatte Paukir noch völlig unbeschwert über ihre künftige Arbeit gesprochen. Ein Gefühl der Verlorenheit wollte in Tishanea aufsteigen, doch sie unterdrückte es sofort. Es war nicht Paukirs Schuld, dass er noch andere Sorgen hatte als seine Arbeit für die Verdeckte Wache. Und auf jeden Fall brauchte er aufmunternde Worte gerade viel dringender als sie.

„Ein Schritt nach dem anderen!“ sagte Tishanea so ruhig wie möglich. „Jetzt geht es erst einmal darum, dass Loschonn die Schwangerschaft und die Geburt gut übersteht. Und wenn das geschafft ist, werdet ihr auch die Kraft finden, um eurem Kind alles mitzugeben, was für ein Leben in Dreistadt nötig ist. Außerdem wird euer Kind nicht der einzige gemischthaftige Nachwuchs bleiben. Wenn ihr beide ein Kind bekommen könnt, werden andere gemischthaftige Paare auch welche bekommen. Ihr werdet mit eurem Kind nicht allein sein, und euer Kind wird nicht allein sein. Vor allem vergiss nicht, dass du ein Zögling aus dem Haus des dreifachen Friedens bist. Die Friedenslehrer würden sich bestimmt um das Kind ihrer ehemaligen Zöglinge kümmern, falls dir oder Loschonn etwas passieren sollte.“

Tishanea hätte gerne größere Überzeugung in ihre Worte gelegt. Zu hohl klangen sie in ihren Ohren. Zum Glück war Paukir mehr als bereit, sich Hoffnung einflößen zu lassen. Er seufzte tief und entspannte sich ein wenig.

„Ja, du hast Recht, ich sollte nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen. Es ist nur so plötzlich auf mich hereingestürzt. Ich weiß es selbst erst seit gestern. Und ich bin so unsicher, weil es niemanden gibt, der Erfahrung mit gemischthaftigen Kindern hat – fast niemanden... Könntest du Schurac irgendwann genauer über seine Eltern befragen? Vielleicht war sein Vater genauso riesig wie er. Dann hätte seine... ungewöhnliche Gestalt nichts mit seiner gemischthaftigen Abstammung zu tun.“

Sofort schüttelte Tishanea den Kopf. „Schurac weiß doch kaum etwas über seinen Vater. Außerdem würde es euch überhaupt nichts nützen, mehr über Schurac und über seine Eltern zu erfahren. Er ist ein Einzelfall, der nichts über andere Gemischthaftige sagt. Dass seine Mutter bei seiner Geburt starb, muss nichts damit zu tun gehabt haben, dass sein Vater ein Erdhafter war. Es kommt schließlich immer wieder vor, dass eine Frau die Geburt ihres Kindes nicht überlebt – leider.“

Paukir wiegte mit wissender Miene seinen Kopf hin und her.„Und dann wäre da noch die Kleinigkeit, dass Schurac nicht gerne über sich selbst spricht.“

Tishanea warf ihrem Triasbruder einen finsteren Blick zu. Er hatte sie ertappt. Schurac sprach tatsächlich nicht gerne über seine Vergangenheit, und sie empfand eine tiefe Scheu davor, nachzubohren – umso mehr, als sie davon überzeugt war, dass Schurac ihre Fragen ohnehin nicht beantworten würde.

„Schon gut,“ winkte Paukir ab. „Ich kenne ihn ja. Wenn er anders wäre, hätte ich ihn genauso gut selbst fragen können. Ich dachte nur, dass du vielleicht eine Chance hättest, nachdem ihr euch jetzt so nahesteht.“ Er betrachtete Tishanea versonnen. „Du und Schurac. Es fällt mir immer noch schwer, das zu glauben. Ich wäre weniger überrascht gewesen, wenn einer von euch den anderen umgebracht hätte.“

„Dir fällt es schwer, das zu glauben? Du hast doch schon vor Monaten darüber schwadroniert, wie ähnlich Schurac und ich einander wären. Also dürfte es dich eigentlich nicht wundern, dass wir zusammengefunden haben.“ Missmutig funkelte Tishanea ihren Triasbruder an. Musste er sie unbedingt daran erinnern, wie verblendet sie gewesen war und wie sehr sie Schurac gehasst hatte?

„Vielleicht sollte es mich wirklich nicht überraschen,“ sinnierte Paukir weiter. „Andererseits habt ihr euch immer nur in den Haaren gehabt. Dann ist er noch vierzehn Jahre älter als du und war dein Lehrer. Das sind nicht gerade die besten Zutaten für eine Romanze. Vom Größenunterschied ganz abgesehen.“ Er grinste Tishanea an. „Loschonn meint, wenn Schuracs Liebe genauso groß ist wie er selbst, hätte sie an deiner Stelle ständig Angst vor Rippenbrüchen. Außerdem würde sie es niemals wagen, auch nur ein kritisches Wort zu Schurac zu sagen. Aber damit hattest du noch nie ein Problem, und du bist immer noch am Leben.“

„Können wir uns jetzt an die Arbeit machen?“ schnitt Tishanea Paukirs Redefluss ab. Sie fand sein Grinsen und seine Bemerkungen über Schurac unmöglich. Was kümmerte es ihn, dass sie bei Schurac ein Heim gefunden hatte, seit sie in dieselbe Richtung blickten und für dieselben Ziele eintraten? Sie würde Paukir ganz bestimmt nicht erzählen, dass Schurac der größten Behutsamkeit fähig war und dass sie ihre Rippen in bester Sicherheit wusste.

„Natürlich!“ Paukir stolzierte zu seinem Schreibtisch und setzte sich kerzengerade auf seinen Stuhl. „Immerhin haben wir noch die eine oder andere Rechnung offen.“ Er streckte einen Finger in die Höhe. „Erstens mit diesen Felsstädtern, die drei wehrlose Zöglinge entführten, sie betäubt durch ein Höhlensystem schleppten und auf der anderen Seite des Roten Massivs aussetzten. Zweitens,“ ein weiterer Finger gesellte sich zum ersten, „haben wir nie diesen Sprengstoffschmuggler festgenagelt, dem wir in Felsstadt auf der Spur waren bevor wir entführt wurden.“

Tishanea ließ sich die kurze, aber umso energischer vorgebrachte Aufzählung durch den Kopf gehen. Diese Felsstädter, die Paukir, Rogosol und sie selbst entführt hatten, würden sie wohl niemals fassen. Alles war zu schnell gegangen. Kein einziges der Gesichter ihrer Angreifer wollte klar aus Tishaneas Gedächtnis hervortreten. Selbst wenn es Paukir gelingen sollte, in Felsstadt Verdächtige aufzuspüren, könnten sie nie sicher sein, ob sie tatsächlich die Angreifer gewesen waren. Außerdem wäre es bereits ein Wunder, wenn Paukir tatsächlich Verdächtige fände. Kaum ein Felsstädter würde ihm bei der Suche helfen. Zu viele von ihnen waren gegen die Anwesenheit der achten Trias in Felsstadt gewesen. Die wenigen anderen würden entweder nichts wissen oder aus Angst schweigen. Trotzdem sah Tishanea keinen Sinn darin, Paukir von der Suche nach den Entführern abzuhalten. Als Verdeckter Wächter musste er ohnehin herausfinden, welche Felsstädter die ärgsten Kriegstreiber waren – und wer die Zöglinge aus dem Haus des dreifachen Friedens am meisten hasste. Schließlich würden die neuen felshaften Zöglinge regelmäßig nach Felsstadt zurückkehren. Wer schon einmal Zöglinge entführt hatte, würde womöglich vor einer weiteren Entführung nicht zurückschrecken – egal, ob die Haftigkeitsbeschränkung auch diesmal eine Rolle spielte oder nicht. An den felshaften Sprengstoffschmuggler hatte Tishanea nicht mehr gedacht, seit die Anschläge aufgeklärt worden waren. Lehmak und seine Spießgesellen hatten ihren Sprengstoff selbst hergestellt, deshalb war der Felshafte verschont geblieben. Doch sie musste Paukir recht geben. Der Schmuggler war gefährlich. Er würde mit Freuden jedem Wasserhaften und jedem Erdhaften, der neue Fehden heraufbeschwören wollte, unter der Hand Sprengstoff verkaufen.

„Vielleicht wäre es an der Zeit, diesem Sprengstoffschmuggler eine Falle zu stellen,“ begann Tishanea langsam. „Wir wissen, dass er gefährlich ist, aber wir haben nichts gegen ihn in der Hand. Gleichzeitig können wir es uns nicht leisten, zu viel Zeit auf diesen einen Felshaften zu verschwenden. Wir wissen nur, dass er auf dem Mittleren Grund wohnt, aber nicht wo. Wir müssten ihn erst finden, und danach müssten wir ihn ständig beschatten, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Währenddessen würden wir zu nichts anderem kommen. Dabei sollten wir vor allem in Felsstadt und in Seestadt arbeiten, nicht auf dem Mittleren Grund. Mit einer Falle könnten wir den Schmuggler schnell auffliegen lassen und ihn außer Gefecht setzen. Aber diese Falle will sorgfältig geplant sein. Wir müssen die Sache langsam und vorsichtig angehen.“ Mit gemischten Gefühlen hörte Tishanea, wie Kropantins Worte aus ihrem eigenen Mund kamen. Hatte der Kommandant bereits bei der ersten kurzen Begegnung auf sie abgefärbt? Rasch fuhr Tishanea fort: „Die Nachforschungen über die Felshaften, die uns damals entführten, liegen ganz in deinen Händen. Wegen der Haftigkeitsbeschränkung kannst nur du allein in Felsstadt arbeiten. Verbeiß dich aber nicht zu sehr in diese Sache. Am Anfang geht es vor allem darum, in Felsstadt und in Seestadt Informanten zu finden – vertrauenswürdige, loyale Dreistädter, die für uns Augen und Ohren offen halten. Wir können nicht überall sein. Und wir kennen Felsstadt und Seestadt noch nicht gut, weil wir als Zöglinge nie dorthin durften – leider.“ Alter Grimm wollte sich regen, doch ein anderer Gedanke verdrängte ihn sogleich: „Zuallererst müssen wir aber einen erdhaften Verdeckten Wächter finden! Hast du mit Mooriann, Humisa und Lösserib gesprochen? Kann einer der drei sich vorstellen, zur Verdeckten Wächter zu kommen?“

Paukir verzog das Gesicht. „Ich habe mit ihnen gesprochen, aber es sieht nicht gut aus. Wie wir befürchtet haben, hält die siebte Trias so fest zusammen wie Felskletten. Sie sind beinahe über mich hergefallen, als ich es wagte, Lösserib zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, Verdeckter Wächter zu werden. Humisa fühlt sich der Sache nicht gewachsen. Sie fürchtet, dass sie als Verdeckte Wächterin oft kämpfen müsste. Dafür beherrscht sie die Kampftechnik nicht gut, meint sie. Wahrscheinlich hat sie Recht. Als Verdeckte Wächter müssen wir jederzeit mit Angriffen rechnen, und Humisa hat sich im Kampfunterricht nie wirklich wohlgefühlt. Schade. Wir hätten Humisa gut brauchen können. Keiner sieht so schnell und so tief unter die Oberfläche aller Wasserhaften, Erdhaften und Felshaften wie sie. Mooriann will noch überlegen, ob sie Verdeckte Wächterin werden möchte. Aber ich glaube nicht, dass sie Jossis im Stich lässt. Er würde ja als Einziger von der ersten Trias übrig bleiben, nachdem Zirkape dem Haus des dreifachen Friedens den Rücken gekehrt hat – dieses treulose, undankbare Stück Taubstein. Und wenn ich ehrlich sein soll... ich bin nicht sicher, ob ich mit Mooriann zusammenarbeiten könnte.“

Tishanea seufzte verhalten. Paukir war nie gut mit der erdhaften Schwester der ersten Trias ausgekommen. Vom ersten Tag an hatten er und Mooriann um die Rolle des Musterzöglings gewetteifert. Offenbar war er immer noch nicht über diese kindische Rivalität hinausgewachsen. Trotzdem empfand Tishanea mehr Ratlosigkeit als Enttäuschung. Weder Mooriann noch Lösserib noch Humisa waren in ihren Augen ideale Anwärter für die Verdeckte Wache. Aber zumindest waren sie ihr vertraut. Nach dreizehn gemeinsamen Zöglingsjahren kannte sie jede ihrer Stärken und Schwächen. Alle anderen jungen Erdhaften waren ihr völlig fremd. Wie leicht könnte ihre Wahl auf jemanden fallen, der noch weniger für die Verdeckte Wache geeignet war als Mooriann, Lösserib oder Humisa! Missmutig betrachtete Tishanea das Blatt mit den Namen der erdhaften Mittelwächter, das Kropantin ihr gegeben hatte.


Die Gewohnheit von dreizehn Jahren trug Tishanea zur Wohnung der achten Trias, als sie abends gedankenverloren in das Haus des dreifachen Friedens zurückkehrte. Erst vor der altvertrauten Schilftür hielt sie inne. Sie wohnte nicht mehr hier. Die achte Trias – oder das, was nach Rogosols Tod von ihr übrig geblieben war – wohnte nicht mehr hier. Bald würden die Zöglinge der siebzehnten Trias in diese Räume einziehen, unter der Obhut ihrer erdhaften Friedenslehrerin Flynna. Paukir hatte schon vor Wochen gemeinsam mit Loschonn eine Wohnung in der Nähe des Oberen Marktplatzes auf dem Mittleren Grund gemietet. Tishanea lebte seit Kurzem mit Schurac in seinem Wohn- und Schlafzimmer. Eigentlich war das Zimmer eines Friedenslehrers nicht groß genug für zwei. Doch weil es in den weitläufigen Gebäuden des Hauses des dreifachen Friedens lag, fühlten Tishanea und Schurac die Enge nicht. Sie brauchten nicht einmal eine zweite Hängematte. Schuracs überdimensionale Schlafstatt bot genug Platz für sie beide. Tishanea machte kehrt, lief die Stiegen hinunter und lächelte der Tür zu Schuracs Zimmer schon von weitem entgegen. So heftig ihre frühere Ablehnung gegen diesen Anblick gewesen war, so groß war nun seine Anziehungskraft.

Schurac saß am Schreibtisch und las. Als er Tishanea hereinkommen sah, schlug er das Buch ohne jedes Bedauern zu. Der Einband verriet ihr, dass es sich um ein altes Werk über die glorreiche Geschichte von Seestadt handelte.

„Frischst du deine Erinnerung an die Märchen auf, die den Kindern in Seestadt erzählt werden?“ Tishanea deutete mit dem Kinn auf das Buch.

„Ja. Ich würde den ganzen Fischabfall nämlich viel zu gerne vergessen.“ Schurac schob den dicken Band von sich und richtete einen forschenden Blick auf Tishanea. „Wie fühlt es sich an, der Kopf der Verdeckten Wache zu sein?“

Tishanea zog eine Grimasse. „Zur Zeit fühle ich mich bestenfalls wie der kleine Finger einer versteckten Wache. Ich habe keine Ahnung, wo ich einen erdhaften Verdeckten Wächter hernehmen soll. Oder womit ich meine Arbeit beginnen soll. Und wenn es nach Kommandant Kropantin geht, brauche ich ohnehin erst in zehn Jahren anzufangen – nachdem ich den Lauf der Dinge in Dreistadt wirklich kennengelernt habe.“

Halb seufzend, halb schnaubend stieß Schurac Luft durch die Nase. „Kropantin war immer schon träge. Ich hatte nicht oft mit ihm zu tun, aber jedes Mal stand ich kurz davor, ihn anzubrüllen – weil er nie den Befehl gab, endlich einzugreifen. Leider hält Mergole ihn gerade deswegen für den idealen Kommandanten der Mittelwache – wegen seiner ,großen Gelassenheit.’ Du weißt, wie sehr ich Mergoles Urteil vertraue, und bis jetzt verlor Kropantin auch nie die Kontrolle über den Mittleren Grund. Aber oft werde ich das Gefühl nicht los, dass er dabei vor allem Glück hatte. Er hält ja jedes Handeln für vorschnell – als ob wir in Dreistadt immer wochenlang Zeit hätten, um das Schlimmste zu verhindern! Je früher man eingreift, desto eher hat man die Chance, Schlimmeres abzuwenden. Stell dir vor, du wärest nicht sofort nach Erdstadt gelaufen, als dir klar wurde, dass Rogosol in die Sprengstoffanschläge verwickelt ist! Dann hättest du den Anschlag auf die Feierlichkeiten zum Tag des Waffenstillstands nicht verhindert, und höchstwahrscheinlich wären neue Fehden ausgebrochen. Lass dich also von Kropantin nicht beirren! Ihr müsst sofort anfangen zu arbeiten. Und wie ich Dreistadt kenne, wirst du dich nicht lange fragen müssen, womit du anfangen sollst. Hier herrschen nie Ruhe und Frieden. Bald wirst du dich fragen, womit du als Erstes anfangen sollst. Es war höchste Zeit für die Gründung einer Verdeckten Wache!“

Schuracs entschiedener Ton dämpfte die Mutlosigkeit, die ihr erster Arbeitstag in Tishanea hinterlassen hatte. Trotzdem weckten seine rastlosen Gesten und sein heftig flackernder Blick gleichzeitig Unruhe in Tishanea. Sonst ließ sie sich kaum von Schuracs Getriebenheit anstecken. Es musste an ihrer Müdigkeit liegen – die Müdigkeit am Ende eines Tages voller neuer Eindrücke und ungelöster Probleme.

„So gesehen sollten wir froh darüber sein, dass uns noch ein ruhiger Abend vergönnt ist.“

Tishanea trat an Schuracs Seite. Sein Arm umfing ihre Taille ebenso selbstverständlich wie ihre Arme sich um seinen Hals legten. Sie hielten einander oft auf diese Weise. Nur wenn Schurac saß und Tishanea neben ihm stand, konnten sie einander direkt in die Augen sehen. Sofort wurde Schuracs Blick ruhiger. Er sah Tishanea auf jene besondere Weise an, die sie erst seit wenigen Wochen kannte: Voll Ernst, aber ohne ein Flackern in den blauen Augen, ohne ein Zeichen für sein ewiges Ringen um Beherrschung. Tishanea nahm diesen Blick als Zeichen dafür, dass Schurac sich in ihrer Nähe ebenso zu Hause fühlte wie sie sich in seiner. In Schuracs Armen fand sie immer Ruhe und Geborgenheit, egal wie hoch die Wogen um sie herum aufbrandeten. Tishanea schmiegte sich enger an den riesigen Halbwasserhaften und überließ sich ganz dem Gefühl, gehalten zu werden.


Tishaneas Finger erstarrten auf dem Türgriff. Bewegte sich da jemand im Dienstzimmer? Die Wasserhafte lauschte konzentriert und hörte tatsächlich das leise Tappen vorsichtiger Schritte. Ihr Triasbruder konnte es nicht sein. Paukir wollte sich heute morgen bei Kommandant Kropantin melden. Außerdem würde er nicht durch sein eigenes Dienstzimmer schleichen. Tishanea fluchte innerlich. Warum war dieses Türschloss immer noch nicht ausgetauscht worden? Eine Verdeckte Wache musste unbedingt ihr Dienstzimmer versperren können! Noch lag nichts in dem Raum, das irgendetwas über das Tun der Verdeckten Wache verriet. Wer immer hier zu schnüffeln versuchte, würde um nichts klüger werden. Aber schon am dritten Arbeitstag als Kopf der Verdeckten Wache ungebetenen Besuch zu erhalten war eindeutig zu viel! Tishanea holte tief Atem, riss die Tür auf, sprang mit einem Satz ins Zimmer und nahm die Grundhaltung der wasserhaften Kampftechnik ein. Drinnen wirbelte eine Gestalt herum, sich ebenfalls für einen Angriff wappnend. Im ersten Moment glaubte Tishanea, in Rogosols Augen zu blicken. Dann begriff sie, dass eine junge Frau vor ihr stand. Nur die Stirn und die Augen der Erdhaften erinnerten stark an Rogosol. Ihr Kinn war spitzer, ihre Nase schmäler und ihre Backenknochen höher als jene des toten erdhaften Bruders der achten Trias. Auch ihre Locken glänzten in einem helleren Braun. Die Erdhafte schien allerdings ungefähr gleich alt zu sein wie die erste Generation der Zöglinge aus dem Haus des dreifachen Friedens. Tishanea machte sich auf einen harten Kampf gefasst. Ihre Gegnerin überragte sie um einige Fingerbreit und war kräftiger gebaut als sie. Doch nach einer Schrecksekunde löste die Erdhafte sich aus ihrer breitbeinig-bulligen Angriffsposition und hob zur Entwarnung beide Hände auf die Höhe ihrer Schultern.

„Tut mir Leid, dass ich einfach hier hereinkam! Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Raum leer ist – ich dachte, dass die Tür versperrt sein würde, wenn er leer wäre.“

„Du hast nicht damit gerechnet, dass der Raum leer ist?“ wiederholte Tishanea zynisch. „Obwohl niemand auf dein Klopfen geantwortet hat?“ Sie ließ ihre Arme sinken und verteilte ihr Gewicht wieder über ihre ganzen Fußsohlen, ohne ihre Wachsamkeit aufzugeben.

Verlegene Röte stieg in die Wangen der Erdhaften. Nach einigen Augenblicken straffte sie ihre Schultern. „Um das zu erklären, sollte ich von vorne anfangen. Vielleicht möchtest du dafür ganz hereinkommen?“

Tishanea schloss die Tür hinter sich, bewegte sich aber nicht vom Fleck. Ungebetenem Besuch würde sie gewiss keine Gelegenheit zur Flucht geben. Sie fixierte ihr Gegenüber mit einem ebenso scharfen wie auffordernden Blick.

„Mein Name ist Didymie,“ begann die Erdhafte, nur um gleich wieder inne zu halten und Tishanea abwartend anzusehen.

Der Wasserhaften kam dieser Name tatsächlich bekannt vor. Gleich darauf fiel ihr ein, dass er auf der Liste stand, die Kropantin ihr gegeben hatte. Ärger begann Tishaneas Argwohn zu verdrängen. Welch riesige Frechheit von dieser Mittelwächterin, einfach so in das leere Dienstzimmer der Verdeckten Wache hineinzuspazieren! Oder war sie von Kropantin geschickt worden? In diesem Fall würde sie allerdings kein dunkelblaues Leinenkleid tragen, sondern einen Kettenpanzer über einem gelben Hemd...

„Warum bist du nicht in Uniform, Didymie?“

„Ich habe heute frei.“ Die Erdhafte war offensichtlich erleichtert, dass Tishanea sie als Mittelwächterin erkannte.

Tishaneas Laune blieb davon unberührt. „Und warum schleichst du an deinem freien Tag im leeren Dienstzimmer der Verdeckten Wache herum? Das wolltest du doch erklären, also sprich endlich!“

Didymie presste ihre Lippen zusammen und gab sich einen Ruck: „Ich wollte mich bewerben – als Verdeckte Wächterin. Deshalb stürmte ich in das Dienstzimmer – genauso, wie ich es tun würde, wenn ich einen Raum stürmen müsste, um jemanden zu überwältigen und festzunehmen. Ich wollte damit beweisen, dass ich dazu fähig bin, mich unbemerkt zu nähern, einen Raum zu sichern und die Dreistädter darin festzuhalten. Das gehört schließlich zu den Dingen, die eine Verdeckte Wächterin können muss. Aber als ich in den Raum stürmte, war er leer. Ich weiß – ich hätte mich vorher versichern müssen, dass wirklich jemand im Raum ist. Nur dachte ich eben, dass zugesperrt sein würde, wenn noch niemand da wäre. Und dann habe ich mich auch noch total von dir überraschen lassen, weil ich mich ablenken ließ. Ich hatte nämlich den Verdacht, dass jemand ins Dienstzimmer eingebrochen ist – sonst hätte doch die Tür versperrt sein müssen! Also suchte ich nach Spuren.“

„Das Schloss ist noch nicht ausgetauscht worden.“ Tishanea räumte ihren Posten an der Tür, setzte sich auf ihren Schreibtisch, ließ die Beine baumeln und musterte Didymie eingehend. Die Erdhafte hatte sich wahrlich nicht ausgezeichnet. Weder durch die Ausführung ihres Plans noch durch den Plan selbst. Sie war völlig unvorbereitet in einen Raum gestürzt, in dem sie zwei Dreistädter vermutet hatte – nein, nicht einfach zwei Dreistädter. Zwei Verdeckte Wächter, die im Haus des dreifachen Friedens ausgebildet worden waren, und die mehrere Kampftechniken beherrschten. Didymies Überzeugung, dass es ihr nichtsdestotrotz gelungen wäre, einen Beweis für ihr Können abzuliefern, sprach im besseren Fall von großem Selbstvertrauen und im schlechteren Fall von Selbstüberschätzung. Auf der Miene der Erdhaften stand jedoch kein trotziger Stolz, sondern ehrliches Bedauern. Und ungebrochene Entschlossenheit. Die Mittelwächterin hatte keinen Versuch unternommen, ihre Fehler zu beschönigen, gab sich aber auch nicht geschlagen:

„Zumindest habe ich eine wichtige Lektion für die Arbeit einer Verdeckten Wächterin gelernt: Plane für alle Fälle – auch für jene Fälle, die äußerst unwahrscheinlich sind. Jetzt bleibt mir leider nichts anderes übrig, als mich auf die langweilige Weise zu bewerben, die mir so aussichtslos vorkam. Ironischerweise wäre alles andere aussichtsreicher gewesen als der Auftritt, den ich gerade hingelegt habe.“ Didymie rollte in komischer Verzweiflung die Augen. Dann legte sie nach der Art der Erdhaften ihre Handflächen auf Magenhöhe übereinander und senkte kurz den Kopf. „Gute Stunde der taunassen Wiesen, Kopf der Verdeckten Wache. Ich – Didymie, eine Mittelwächterin – bewerbe mich hiermit darum, als erdhafte Verdeckte Wächterin aufgenommen zu werden.“

Unschlüssig begegnete Tishanea Didymies gespanntem Blick. Trotz Paukirs Bedenken hatte sie nochmals versuchen wollen, Mooriann für die Verdeckte Wache zu gewinnen. Was sie tun sollte, wenn Mooriann ablehnte, hatte sie sich nicht zu fragen gewagt. Auf keinen Fall war sie darauf vorbereitet gewesen, dass eine erdhafte Mittelwächterin in ihrem Dienstzimmer auftauchen würde, um Verdeckte Wächterin zu werden. Obwohl Tishanea sich überrumpelt fühlte, konnte sie sich nicht dazu durchringen, Didymie gleich wieder fortzuschicken. Der tollkühne Plan der Erdhaften mochte danebengegangen sein, aber offenbar lag ihr sehr viel daran, Verdeckte Wächterin zu werden. Nicht jeder hätte den Mut, einfach so in das Dienstzimmer der Verdeckten Wache zu stürzen.

„Seit wann bist du Mittelwächterin?“ fragte Tishanea, um Zeit zu gewinnen.

Ein Hoffnungsschimmer glomm in den braunen Augen auf. Der Ton der Erdhaften blieb jedoch sachlich: „Seit letztem Winter, als die Mittelwache zuletzt neue Wächter aufnahm. Ich hatte mich schon ein Jahr früher um Aufnahme beworben, wurde aber abgelehnt. Du weißt sicher, dass die Mittelwache kaum Frauen aufnimmt – angeblich, weil sie besonderen Wert auf kräftige Wächter legen... Also trainierte ich weiter, vor allem Armbrustschießen und erdhafte Kampftechnik. Trotzdem erwartete ich mir nicht viel und war überrascht, als sie mich beim zweiten Mal aufnahmen – schließlich werde ich bei allem Training nie so stark sein wie die erdhaften Männer, die in die Mittelwache aufgenommen werden. Erst später erfuhr ich, dass bei meinem zweiten Versuch mehr auf andere Eigenschaften geachtet worden war. Kommandant Kropantin plante die Gründung einer Verdeckten Wache durch Mittelwächter und wollte dafür schnelle, wendige Männer und Frauen, die gut beobachten und auch mal unauffällig sein können. Ich war froh wie ein Erdochse in der Suhle, als mein Hauptmann davon erzählte. Mittelwächterin sein ist gut, aber ich glaube, ich könnte als Verdeckte Wächterin noch viel mehr für den Frieden in Dreistadt tun. Aber dann wurde bekannt, dass die Verdeckte Wache doch von einer Trias aus dem Haus des dreifachen Friedens begründet werden würde. Und seitdem musste ich vor allem Schreibdienst im Haus machen. Hin und wieder gehe ich noch auf Patrouille.“

Während sie über die Mittelwache sprach, hatte Didymie unbewusst eine stramme Haltung angenommen. Doch weder ihre Miene noch ihre Worte verbargen, dass sie mit ihrem Dienst nicht wirklich zufrieden war. Gedankenverloren zwirbelte Tishanea einen ihrer Zöpfe zwischen den Fingern. Didymie hatte sich doch hoffentlich nicht um die Aufnahme in die Mittelwache bemüht, ohne zu wissen, was sie von ihrem Dienst erwarten konnte? Kropantins Pläne für eine Verdeckte Wache waren ihr schließlich erst später zu Ohren gekommen. Hatte Didymie zu rosige Vorstellungen von der Arbeit einer Mittelwächterin gehabt? Oder wurde sie nicht als vollwertige Mittelwächterin behandelt nachdem Kropantins Pläne zerflossen waren?

„Warum wolltest du eine Mittelwächterin werden?“

Didymie gab ihr stramme Haltung auf und breitete theatralisch ihre Arme aus. „Ich verbrachte meine gesamte Kindheit in Erdstadt – nur in Erdstadt, sowohl während der fünfjährigen Fehden als auch danach. Ich wurde fünfzehn Jahre alt bevor ich das erste Mal auf den Mittleren Grund ging. Und selbst da ging ich mit ziemlichen Bauchschmerzen. Nach allem, was ich von den Wasserhaften und Felshaften gesehen hatte – während der Fehden – und nach allem, was mir über den Mittleren Grund erzählt worden war, erwartete ich das Schlimmste. Ich stellte mir den Mittleren Grund vor wie eine Arena – eine Arena für die Kämpfe zwischen den Haftigkeiten. Als wären die fünfjährigen Fehden nie wirklich beendet worden, sondern nur auf diesen einen, kleineren Ort verlegt worden. Stattdessen kam ich in einen Stadtteil, wo alles neu, weit und hell war. Wasserhafte, Felshafte und Erdhafte stritten hier zwar miteinander, aber sie arbeiteten auch zusammen. Sie machten Geschäfte und manchmal lachten sie sogar gemeinsam. Kurz gesagt: Sie lebten miteinander. Ganz gegen meine Vorstellungen war der Mittlere Grund friedlich – viel friedlicher als Erdstadt. In Erdstadt lebt der Groll auf die anderen Haftigkeit viel stärker, obwohl die Erdhaften dort unter sich sind. Manchmal könnte man glauben, Erdstadt ist immer noch im Krieg. Der Friede auf dem Mittleren Grund war für mich wie hundert Felder voller Goldähren. Also ging ich immer öfter auf den Mittleren Grund. Und ich sah, wie die Mittelwächter dafür sorgten, dass dieser Friede sich entfalten konnte. Die Mittelwache griff sofort ein, wenn irgendwelche Dreistädter aneinander gerieten. Von da an wollte ich eine Mittelwächterin sein. Ich lernte also Armbrustschießen und Schwertkampf... und alles andere, was ein Mittelwächter können und wissen muss.“

Der Schatten, der bei den letzten Worten über Didymies Gesicht glitt, gefiel Tishanea nicht. Ein Mittelwächter musste mehr meistern als nur seine Waffen. Er musste möglichst viel über die Eigenheiten aller drei Haftigkeiten wissen. Er musste mit seinen andershaftigen Kameraden auskommen. Er musste Streitereien schlichten, wenn es wieder einmal ein Missverständnis zwischen verschiedenhaftigen Dreistädtern gegeben hatte. Er musste harmlose Bräuche von auffälligem Verhalten unterscheiden. Wenn Didymie fünfzehn Jahre alt geworden war, ohne den Mittleren Grund zu sehen, gehörte ihre Familie gewiss nicht zu den loyalen Dreistädtern. Ihre Eltern und Verwandten mussten den Felshaften und Wasserhaften feindlich gesinnt sein. In dieser Familie hätte Didymie niemals jenes Wissen über die anderen Haftigkeiten sammeln können, das jeder Mittelwächter brauchte. Tishaneas Herz sank. Ihr letztes Jahr als Zögling hatte ihr allzu deutlich vor Augen geführt, wie tief die Ansichten einer Familie sich in die Köpfe ihrer Kinder gruben. Wie viele Lügen über die anderen Haftigkeiten und wie viel Schönfärberei über die Rolle der Erdhaften mochten noch in Didymie stecken, nur dünn überwachsen von ihrer Begeisterung für den Mittleren Grund und seine Wächter?

„Was hat deine Familie dazu gesagt, dass du Mittelwächterin werden wolltest?“

Die offene Miene der Erdhaften verschloss sich zu solcher Starrheit, dass Tishanea ihre Frage beinahe bereute. Gleichzeitig wusste sie, dass Mitgefühl fehl am Platz war. Didymies Reaktion zeigte am allerbesten, warum sie diese Frage stellen musste.

„Sie waren dagegen und sind es immer noch,“ gab Didymie zurück. Ihr Ton setzte einen unmissverständlichen Punkt hinter die Angelegenheit.

Tishanea unterdrückte ein Seufzen. Sie würde Didymies Bewerbung ablehnen müssen. Die Verdeckte Wache stand in dieser zerrissenen Stadt vor schweren Aufgaben. Jeder der Wächter brauchte ein Heim, wo er Verständnis und Unterstützung fand. Von einer engstirnigen Familie drohte Didymie zerrissen zu werden. So wie Tishanea selbst eine Zerrissene gewesen war. Aber ihr hatten zumindest die Lehrer im Haus des dreifachen Friedens jahrelang einen anderen Weg gezeigt. Didymie schien von niemandem auf ihren neuen Weg geleitet worden zu sein. Bestand dann nicht die Gefahr, dass sie wieder umkehren würde? Als Kopf der Verdeckten Wache konnte Tishanea es sich nicht leisten, Didymie aufzunehmen. Sie brauchte jemanden aus einer Familie von loyalen Dreistädtern. Im nächsten Moment prustete Tishanea beinahe los. Der Mittlere Grund wäre nie gegründet worden, wenn Mergole darauf bestanden hätte, dass alle ihre Mitstreiter aus friedlichen Familien stammten. Kein Dreistädter kam aus einer durch und durch loyalen Familie. Dafür hatte Schirron sich ohne eine einzige Lektion im Haus des dreifachen Friedens von den Ansichten seiner Eltern gelöst. Und wer sich wie Didymie seinen eigenen Weg erkämpft hatte, würde auch nicht so leicht umkehren.

Bevor Tishanea zu irgendeinem Entschluss kommen konnte, horchte Didymie plötzlich auf und legte einen Zeigefinger auf die Lippen. Ebenso flink wie lautlos wich die Erdhafte zurück. Gerade als sie sich mit dem Rücken gegen die Wand neben der Tür presste, quietschten die Angeln und Paukir stolzierte herein. Tishanea blickte ihm erstaunt und verwirrt entgegen. Anders als Didymie hatte sie Paukir nicht kommen gehört. Und was auf allen Wassern führte die Erdhafte jetzt im Schilde? Seinen Morgengruß posaunte Paukir noch unbekümmert heraus. Dann betrachtete er seine sichtlich verblüffte Triasschwester mit einem irritierten Stirnrunzeln.

„Ist es dir unangenehm, dass ich dich dabei erwischt habe, wie du auf dem Schreibtisch sitzt?“ Der Felshafte schüttelte ungläubig den Kopf. „Als ob ich es nicht gewohnt wäre, dass du überall hockst außer auf Sesseln und auf Sitzkissen. Wie auch immer – ich war gerade bei Kommandant Kropantin. Er ist ein sehr bedachter und kluger Mann. Wir können viel von ihm lernen. Und wir sollten auf jeden Fall sein Angebot annehmen, dass wir uns mit Fragen und Problemen jederzeit an ihn wenden dürfen.“

Sobald Paukir zu sprechen begann, löste Didymie sich ohne ein Geräusch von der Wand. Sie näherte sich dem Felshaften, als wolle sie ihn von hinten angreifen. Offenbar witterte sie die Chance auf jene Talentprobe, die sie vorher vermasselt hatte. Mit einem nachdrücklichen Poltern sprang Tishanea vom Tisch und hob ihre Hand. Wenn sie einen Angriff aus dem Hinterhalt zuließ, würde Paukir sich verraten fühlen – zu Recht. Egal, ob Didymie sich bei einem solchen Angriff blamierte oder ob sie glänzte, sie könnte danach von einer Aufnahme in der Verdeckte Wache nur noch träumen. Paukir würde ihr die Attacke viel zu übel nehmen. Sein Befremden war schon groß genug, als er Tishaneas Blick folgte und plötzlich eine Erdhafte hinter sich stehen sah.

„Paukir, das ist Didymie,“ stellte Tishanea eilig vor. „Sie wurde in die Mittelwache aufgenommen, um vielleicht Verdeckte Wächterin zu werden – im letzten Winter, als Kropantin nicht sicher war, ob wirklich eine Trias aus dem Haus des dreifachen Friedens die Verdeckte Wache begründen würde. Didymie bewirbt sich darum, unsere erdhafte Verdeckte Wächterin zu werden.“

Paukirs Miene gefror zu einer Maske. Sein starrer Blick fixierte Didymies Augen und ihre Stirn. Die Erdhafte schien hingegen weder Groll gegen Tishaneas Eingreifen noch Spott gegen Paukirs Fassungslosigkeit zu hegen. Sie stand wieder völlig entspannt und grüßte Paukir freundlich lächelnd auf die Art der Erdhaften. Tishanea war hin- und hergerissen. Ein feines Gehör und die Fähigkeit, sich anzuschleichen, besaß Didymie zweifellos. Wenn sie in die Mittelwache aufgenommen worden war, musste sie auch im Kampf eine passable Figur machen. An Zielstrebigkeit und Entschlossenheit mangelte es ihr nicht im Geringsten. Vielleicht hatte sie sogar zu viel davon. In ihrer Begeisterung schien sie zu hastigen, kaum durchdachten Aktionen zu neigen. Allerdings gaben diese spontanen Aktionen mehr Einblick in Didymies Charakter als ein nüchternes Gespräch zutage bringen konnte. Natürlich war sie weit davon entfernt, Didymie zu kennen. Aber wenn es ihr nicht gelang, einen der erdhaften Zöglinge aus dem Haus des dreifachen Friedens für die Verdeckte Wache zu gewinnen, blieb ihr nichts anderes übrig als einen Fremden aufzunehmen. Und jeder andere Erdhafte wäre noch undurchschaubarer als Didymie. Tishanea beendete ihre Wankelmütigkeit:

„Didymie, wir – die Verdeckten Wächter – wollen möglichst bald eine bestimmte Sache erledigen. Wir müssen dazu vollzählig sein, zwei sind zu wenig. Ich nehme dich probeweise in die Verdeckte Wache auf. Nach dem Einsatz werde ich endgültig entscheiden, ob du unser erdhaftes Mitglied sein wirst. Morgen trittst du deinen Dienst hier an – ich werde Kommandant Kropantin gleich davon berichten, damit du vom Dienst für die Mittelwache freigestellt wirst.“

Die Erdhafte strahlte. „Ich werde mein Bestes tun! Und morgen früh pünktlich meinen Dienst antreten!“

„Aber ohne irgendwelche Versuche, Paukir oder mich zu überwältigen,“ dämpfte Tishanea Didymies Eifer. „Beweise dein Können an Dreistädtern, die das auch verdienen!“

„Versprochen!“ Lachend vollführte Didymie nochmals die erdhafte Grußgeste und verließ das Dienstzimmer.

„Ist das dein Ernst?“ fuhr Paukir Tishanea an, sobald Didymies Schritte verklungen waren. „Wir kennen diese Mittelwächterin überhaupt nicht. Sollten wir nicht versuchen, mehr über sie herauszufinden, bevor wir sie auch nur zur Probe aufnehmen? Woher willst du wissen, dass sie die Richtige für den Dienst in der Verdeckten Wache ist?“

„Ich weiß es nicht.“ Tishaneas Tonfall fiel schärfer aus als sie beabsichtigt hatte. „Ich kann es nicht wissen – noch nicht. Ich würde es bei anderen Erdhaften genauso wenig wissen – außer bei anderen Zöglingen, aber du hast selbst gesagt, dass keiner von ihnen Verdeckter Wächter werden will. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als jemanden aufzunehmen, den wir nicht kennen und den wir kennenlernen müssen. Deshalb habe ich auch eine Probezeit angesetzt.“ Paukir holte Atem, aber Tishanea ließ ihn nicht zu Wort kommen: „Natürlich werde ich im Archiv der Mittelwache nachsehen, was dort über Didymie vermerkt ist. Für alles andere müssen wir abwarten oder Didymie selbst fragen – außer du willst nach Erdstadt hineinspazieren und dich dort nach ihr erkundigen.“

Paukir quittierte Tishaneas letzte Bemerkung mit einer Grimasse und begab sich hoheitsvoll zu seinem Schreibtisch. „Sie sieht aus wie Rogosol,“ murmelte er nur noch. „Und ich dachte, ich würde nie wieder in Rogosols Augen blicken müssen.“


So tief wie möglich auf die Dachziegel geduckt, lauschte Tishanea angestrengt. Trotz der morgendlichen Stille hatte sie Mühe, etwas anderes zu hören als ihren Herzschlag und das Blut, das durch ihre Ohren rauschte. Auch ihre Nase war von einer einzigen Wahrnehmung in Beschlag genommen, nämlich von durchdringendem Fischgeruch. Nur auf ihre Augen konnte Tishanea sich vollkommen verlassen. Unablässig ließ sie ihren Blick über den Hinterhof schweifen, der vor ihr lag. Die aufgehende Sonne warf die ersten langen Schatten. Tishanea hoffte inständig, dass Paukir und Didymie unentdeckt geblieben waren und ihre Posten bezogen hatten. Gleich würde der erste Einsatz der Verdeckten Wache beginnen – viel früher als erwartet. Bevor sie dazu gekommen waren, eine Falle für den felshaften Sprengstoffschmuggler auszuhecken, hatte die Mittelwache Alarm geschlagen. Die Mittelwächter überprüften immer noch regelmäßig, ob jemand eine Botschaft an den Schmuggler bei der Statue des Felshaften am Brunnen des Friedensschlusses hinterlassen hatte. Vor drei Tagen hatten die Wächter nicht nur eine Botschaft gefunden, sondern auch ihren Überbringer – einen Wasserhaften – dabei beobachtet, wie er das eng gefaltete Blatt hinter dem Ohr der Statue anbrachte. Das Blatt war daraufhin mitsamt einer Beschreibung des Wasserhaften der Verdeckten Wache anvertraut worden. Nach einigem Hin und Her hatten Tishanea, Paukir und Didymie beschlossen, den Sprengstoffschmuggler und seinen Kunden auf frischer Tat zu ertappen. Im Schutz der Nacht war die Botschaft an den Schmuggler wieder zum Brunnen des Friedensschlusses zurückgekehrt, ohne danach aus den Augen gelassen zu werden. Schon am nächsten Vormittag hatte eine spitznasige, ziemlich große Felshafte in einer Weste aus zotteligem Bergziegenfell das Papier mitgehen lassen. Didymie war es gelungen, die Felshafte bis zu einem Haus zu verfolgen, das sich als Geschäftssitz des Schmugglers entpuppte. Nun kannte die Verdeckte Wache seinen Namen und wusste, warum er am helllichten Tag Fässer voller Sprengstoff von Felsstadt auf den Mittleren Grund transportieren konnte: Pattovuk war ein Baumeister. Baumeister durften Sprengstoff kaufen und verwenden, um etwa Bauplätze von störenden Felsbrocken zu befreien, oder um alte Gebäude zu entfernen. Sprengstoff an andere Dreistädter weiterzuverkaufen war den Baumeistern hingegen streng verboten. Doch genau das hatte Pattovuk an diesem Morgen vor – oder zumindest hoffte sein wasserhafter Kunde darauf.

Während sie den Hinterhof des Fischgroßhandels überblickte, war Tishanea neuerlich erleichtert, dass der Kunde einen so abgeschlossenen Ort für das Zusammentreffen gewählt hatte. Anderswo wäre ihre Arbeit viel schwerer gewesen. Tishaneas Atem stockte, als sie plötzlich einen Wasserhaften sah. Er musste aus dem Haus getreten sein, auf dessen Dach sie saß. Der Mann war ziemlich beleibt für einen Wasserhaften. Ein dünner Zopf hing von dem weißen Haarkranz herab, der seine kahle Schädelplatte umrahmte. Genau so hatten die Mittelwächter den Wasserhaften beschrieben, der die Botschaft am Brunnen angebracht hatte. Bevor Tishanea den Mann genauer betrachten konnte, nahm sie aus dem Augenwinkel weitere Bewegung wahr. Aus dem schmalen Durchgang, der von der Straße direkt in den Hinterhof führte, löste sich ein Felshafter. Ein mittelgroßer Felshafter mit einem ungewöhnlich rundlichen Schädel und einer markanten Metallspange im anthrazitfarbenen, von hellgrauen Strähnen durchzogenen Haar – Pattovuk, der Baumeister und Sprengstoffschmuggler. Er musterte sein wasserhaftes Gegenüber gelassen, bevor er in unbeteiligtem Ton sagte:

„Ich brauche ein Fass mit lebenden Makrelen als Köder für die Jagd auf den Großen Sandhai.“

Der Wasserhafte nickte langsam, als er den Satz hörte, den er als Erkennungszeichen in seine geheime Nachricht geschrieben hatte. Dann winkte er Pattovuk umso eiliger näher, offenbar zerrissen zwischen Argwohn und Ungeduld. „Worum es geht, ist ja wohl klar,“ knurrte der Wasserhafte. „Ich brauche ein großes Fass von der Felsstädter Mischung. Der Preis spielt keine Rolle, solange ich in Dreistädter Münze bezahlen kann.“

„Langsam, mein Freund.“ Ein überhebliches Lächeln breitete sich über Pattovuks Gesicht aus. „Geschäfte wollen gut überlegt sein. Besonders Geschäfte wie dieses. Ich liefere nicht an jeden. Du wirst mir etwas mehr über deine Pläne erzählen müssen. Über den Preis werden wir uns schon einig, wenn mir deine Pläne zusagen.“

Immer wieder ließ der Felshafte seinen Blick beiläufig durch den Hof wandern, als interessiere er sich für die leeren, nach Fisch riechenden Fässer und Holzkisten. Sein Kunde verbarg sein Misstrauen weniger gut. Er beäugte den Schmuggler voller Unmut. Es behagte ihm offenbar nicht, über seine Pläne zu sprechen.

„Ich kann dir versichern, dass keine Felshaften in Gefahr kommen werden,“ tastete der Wasserhafte sich vorwärts. „Der Sprengstoff wird fern von Felsstadt eingesetzt – nicht einmal auf dem Mittleren Grund.“

„Tatsächlich?“ Pattovuk verlor sichtlich an Interesse. „Geht es am Ende nur darum, irgendeinem Seestädter, der sich bei dir unbeliebt gemacht hat, eine Lektion zu erteilen?“

Der Wasserhafte ballte empört die Fäuste und besaß gerade genug Geistesgegenwart, um sie nicht gegen den Schmuggler zu erheben. „Als ob ich mich gegen meine eigene Haftigkeit wenden würde!“ würgte er hervor. Nach einigen konzentrierten Atemzügen fuhr er klarer fort: „Es läuft das Gerücht, dass der Dreigipfel am Fuß der östlichen Klippen eine neue Hafenmole errichten will – damit der Mittlere Grund nicht mehr vom Seestädter Hafen abhängig ist. Es gibt an den östlichen Klippen nur eine Stelle, wo man eine solche Mole bauen könnte. Um diese Stelle wollte ich mich kümmern. Eine richtig angebrachte Sprengladung, und niemand kann dort mehr eine anständige Mole bauen...“

„Dieses Gerücht habe ich auch schon gehört. Die Seestädter würden in der Tat viel Einfluss auf Dreistadt verlieren, wenn diese Mole gebaut werden sollte – besonders diejenigen Seestädter, die sich weigern würden, einen anderen Hafen zu benutzen als den eigenen.“

Tishanea vermochte nicht zu sagen, ob Pattovuks gelangweilter Tonfall echt oder aufgesetzt war. Der Plan des Wasserhaften würde zwar nicht sofort neue Fehden vom Zaun brechen und damit Pattovuks größten Wunsch erfüllen, aber Unruhe würde er auf jeden Fall stiften. Die uneingeschränkte Macht der Seestädter über die Fischerei und über den Handel mit anderen wasserhaften Städten war den loyalen Dreistädtern eine Gräte im Hals. Die engstirnigen Wasserhaften konnten den loyalen Wasserhaften jederzeit den Zugang zum Seestädter Hafen verwehren. Damit drohte den loyalen Händlern ständig der Ruin. Außerdem konnte der Mittlere Grund schnell von der Lieferung wichtiger Güter abgeschnitten werden. Ein neuer, kleiner Hafen für den Mittleren Grund wäre ein Befreiungsschlag für die loyalen Dreistädter. Wenn ein Seestädter den Bau dieses Hafens verhinderte, würde den Wasserhaften eine neue Welle des Hasses entgegenschlagen. Wahrscheinlich würde diese Welle nicht groß genug sein, um neue Fehden heraufzubeschwören. Aber gleichzeitig konnte jeder Schlag gegen den Frieden in Dreistadt der letzte sein...

Die Verhandlungen, die sich nun zwischen Pattovuk und dem Wasserhaften entspannen, ließen Tishanea klarer sehen. Der Wasserhafte drängte auf den Abschluss des Geschäfts, während der Schmuggler sich zierte und einen völlig überzogenen Preis verlangte. Offenbar hielt Pattovuk die Pläne seines Kunden nicht für den großen Wurf, auf den er gehofft hatte. Anders als dem Wasserhaften lag ihm nicht viel daran, ob die Seestädter ihre Vormachtstellung im Handel behaupten konnten oder nicht. Pattovuks Zurückhaltung brachte Tishanea in einen Zwiespalt. Sie hatte schon genug gehört und gesehen, um sowohl den Felshaften als auch den Wasserhaften festnehmen zu können. Aber die Strafen würden nicht hoch sein. Der Wasserhafte versuchte, gegen das Gesetz Sprengstoff zu kaufen, weil er plante, ein Stück des Mittleren Grundes zu zerstören – Absichten und Pläne, aber noch keine Taten. Dasselbe galt für Pattovuk. Wenn das Geschäft nicht abgeschlossen wurde, konnten die Richter ihm nur den Vorsatz auf ein verbotenes Geschäft vorwerfen. Mehr als einige Monate im Haus der dreifachen Gerechtigkeit hatte der Felshafte nicht zu befürchten. Sollte sie ihn laufen lassen und darauf hoffen, ihn später wegen einer größeren Verschwörung festnehmen zu können? Einen Augenblick lang war Tishanea tatsächlich versucht, den Einsatz abzubrechen. Doch dann siegte die Vernunft. Wie oft würde Pattovuk seine Kunden schon an einem Ort treffen, wo die Verdeckte Wache ihn so leicht belauschen und beobachten konnte? Außerdem würden sie den Wasserhaften auf jeden Fall festnehmen müssen – auch wenn sein Geschäft mit Pattovuk scheiterte. Sie durften nicht riskieren, dass er auf einem anderen Weg Sprengstoff erhielt und seinen Plan durchführte. Und wenn ein Beinahe-Kunde plötzlich von der Bildfläche verschwände, würde Pattovuk noch vorsichtiger werden.

Lautlos zog Tishanea das Messer aus der Scheide an ihrem Gürtel und schwang sich mit einer fließenden Bewegung über den Rand des Dachs. Sie landete hinter dem Wasserhaften, um ihm den Weg ins Haus abzuschneiden. Aufgeschreckt von dem Geräusch fuhr der Mann herum, und auch Pattovuk versuchte sofort, einen Blick auf den plötzlichen Neuankömmling zu erhaschen. Doch bevor die beiden etwas tun konnten, wurden sie von weiterer Bewegung abgelenkt. Paukir trat aus dem schmalen Durchgang hervor und richtete einen Speer auf die Verschwörer. Didymie tauchte aus einem der Fässer in der hintersten Ecke des Hofes auf. Mit raschem Klick ließ sie einen Bolzen in ihre Armbrust einrasten. Der Wasserhafte machte einen ebenso fieberhaften wie ziellosen Sprung zur Seite, um dann zu erstarren. Pattovuk gewann seine Fassung schneller zurück.

„Was soll das hier?“ fragte in einem Ton, als rüge er ungezogene Kinder, die ihm einen Streich spielen wollten. „Weshalb unterbrecht ihr die Verhandlungen von zwei Geschäftsleuten und bedroht sie mit Waffen? Wenn ihr Geld wollt, seid ihr an die Falschen geraten. Wir haben keines bei uns.“

„An deinem Geld sind wir nicht interessiert, Pattovuk.“ Zu Tishaneas Erleichterung tönte ihre Stimme ruhig und klar. „An euren Gesprächen allerdings schon. Und auch die Richter im Haus der dreifachen Gerechtigkeit werden sich sehr dafür interessieren.“

Bei der Nennung seines Namens war der Felshafte kaum merklich zusammengezuckt. Umso breiter zog er sein herablassendes Lächeln: „Unfug! Wie sollte denn die Anklage lauten?“

„Verbotener Verkauf von Sprengstoff. Verbotener Ankauf von Sprengstoff. Gefährdung des Friedens in Dreistadt,“ gab Tishanea knapp zurück.

„Wieso sollte es mir verboten sein, Sprengstoff zu kaufen?“ versuchte nun der Wasserhafte hektisch, die Situation zu retten. „Ich bin ein Fischer, und ich brauche den Sprengstoff zur Jagd auf den Großen Sandhai! Ihr müsst doch gehört haben, dass wir über die Jagd auf den Großen Sandhai sprachen! Genau an der Stelle, wo der Dreigipfel den neuen Hafen für den Mittleren Grund plant, haust ein Sandhai! Dieser Hai bringt alle in Gefahr, die dort arbeiten sollen! Er muss getötet werden – davon ist auch dieser Händler überzeugt.“ Er wies mit ausgestrecktem Arm auf Pattovuk. „Deshalb wollte er mir Sprengstoff aus Felsstadt verkaufen – weil Sprengstoff aus Felsstadt bei hoher Luftfeuchtigkeit am verlässlichsten wirkt!“

Tishanea schnaubte verächtlich. „Du bist kein Fischer.“

„Woher willst du Sardine das denn wissen!“ plusterte der Wasserhafte sich auf. „Du bist wahrscheinlich eine Mittelwächterin, also weißt du genauso viel über die Seestädter wie eine Seegurke! Lasst uns gehen, solange ihr noch könnt, ohne euch zu blamieren! Unsere Gespräche hier sind vollkommen harmlos! Es ist ja nichts Neues, dass in der Fischerei Sprengstoff verwendet wird – und gerade den Großen Sandhai kann man ohne Sprengstoff niemals fangen! Erst wird er geködert, und dann mit Sprengstoff betäubt! Die Zunft der Fischer wird sich wie wütende Sandhaie auf euch stürzen, wenn sie erfährt, dass ihr ein Zunftmitglied in den Dreck gezogen habt!“

„Du bist kein Fischer,“ wiederholte Tishanea kühl. „Ein Fischer wüsste, dass man den Großen Sandhai nur mit Flundern und Schollen ködern kann. Makrelen würden ihn nicht kümmern, egal ob sie noch lebendig wären oder tot – so viel zu dem genialen Erkennungssatz in deiner Nachricht an diesen Schmuggler.“

Als Tochter einer Fischerfamilie war Tishanea dieser Fehler in der Botschaft des Wasserhaften sofort aufgefallen. Außerdem hatte sie sich an keinen Fischer erinnern können, auf den die Beschreibung der Mittelwächter gepasst hätte. Um sicherzugehen, war Tishanea trotzdem nachts in das Seestädter Zunfthaus eingestiegen. Dort wurden die Formulare aufbewahrt, die jeder Fischer bei seinem Eintritt in die Zunft ausfüllen musste. Kein einziges Formular hatte dieselbe Handschrift getragen wie die Botschaft an Pattovuk.

Mit einem vernichtenden Blick auf Tishanea sah der Wasserhafte ein, dass seine Lügen zwecklos waren. Die Waffen der drei Verdeckten Wächter überredeten die beiden Verschwörer rasch dazu, sich die Hände fesseln zu lassen. Dann pfiff Didymie die Mittelwächter heran, die in der Nähe gewartet hatten. Während Pattovuk und sein Kunde flankiert von Kettenhemden und Speeren über den Mittleren Grund marschieren mussten, kehrten die Verdeckten Wächter auf unauffälligeren Wegen in ihr Dienstzimmer zurück. Sie mussten Berichte und Anklageschriften schreiben.

Dieses Buch wird bald als E-Book erhältlich sein.