Am Mittleren Grund


Diese Leseprobe kann auch als E-Book heruntergeladen werden:

Für Kindle: Am Mittleren Grund (Leseprobe).mobi
Für iPhone, iPad und andere Geräte: Am Mittleren Grund (Leseprobe).epub

Dieses Buch ist auf neobooksamazon, thalia und bei anderen E-Book-Anbietern erhältlich.


I

Zwei Fische stoben blitzartig auseinander, als hätte ein Hai die Ruhe am Riff gestört. Doch die schlanke Gestalt, vor der die Tiere flohen, wurde nicht von den fließenden Schlägen einer Schwanzflosse vorwärts getrieben. Hände mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und lange Beine ließen sie durch das Wasser gleiten. Die Gestalt interessierte sich auch nicht für die aufgeschreckten Fische. Zielstrebig steuerte sie eine tunnelförmige Öffnung im Riff an. Sie tauchte so schnell, dass ihre dünnen, seetanggrünen Zöpfe kein einziges Mal vor ihren Augen tanzten. Nichts verdeckte ihr die Sicht auf den mächtigen Schatten, der von oben auf sie herabfiel. Ein Lächeln huschte über Tishaneas Gesicht. Wettschwimmen gegen Schurac waren eigentlich Unsinn. Der riesige Halbwasserhafte schlug sie mühelos, auf kurzen Strecken ebenso wie auf langen. Nur wenn sie durch den Tunnel im Seegurkenriff tauchen mussten, hatte Tishanea eine Chance. Sie brauchte weniger Luft und konnte den Tunnel in einem flachen Bogen durchtauchen. Schurac musste einen steileren Winkel wählen und verlor dabei Zeit. Tatsächlich glitt Tishanea als Erste durch den Tunnel. Nun galt es, ihren Vorsprung zu halten! Wie von der Qualle verbrannt hetzte sie durch die Bucht. Kurz vor dem Ziel wurde sie plötzlich am Knöchel festgehalten. Schurac hatte bereits Grund unter den Füßen gewonnen und zog Tishanea mit einem schlitzohrigen Lächeln in seine Arme. Gerade noch rechtzeitig schluckte Tishanea ihre Empörung hinunter. Stattdessen erwiderte sie Schuracs Lächeln und verschränkte ihre Finger in seinem Nacken. Langsam näherte sie ihr Gesicht dem seinen. Im selben Moment, in dem seine Lider sich senkten, wand Tishanea sich blitzschnell aus der Umarmung. Sie stieß sich so fest von Schuracs Brust ab, dass er prustend unterging. Erneut schoss sie auf den Strand zu und fiel zuletzt keuchend in den Sand. Kurz darauf erschien auch Schurac an ihrer Seite.

„Das war Anwendung unlauterer Mittel!“ protestierte er.

„Allerdings!“ japste Tishanea. „Es gilt nicht, seinen Gegner festzuhalten!“

„Ach, das hast du missverstanden! Ich wollte dich nur so schnell wie möglich für deinen Sieg belohnen.“

Nun prustete Tishanea. „Ich habe also unlautere Mittel gegen meine Belohnung angewandt?“

„Vollkommen richtig,“ gab Schurac mit aufgesetzter Strenge zurück. „Und sie damit natürlich verspielt – unwiderruflich.“

„Dann werde eben ich dich trösten müssen.“

Tishanea rückte näher, um den Kuss nachzuholen, den sie im Wasser nur vorgetäuscht hatte. Prompt schlossen Schuracs Arme sich wieder um sie, und diesmal dachte sie nicht daran, ihnen zu entfliehen. Aus dem verhassten, unerbittlich strengen Lehrer war ihr Fels in der Brandung geworden. Sie standen nun auf derselben Seite und kämpften für dasselbe Ziel: Für Frieden zwischen den Felshaften, Erdhaften und Wasserhaften. Für Frieden in Dreistadt.

Nach einer Weile wurde es Tishanea zu heiß in der Sonne. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie, dass Schuracs Augen offen standen. Wie so oft flackerte sein Blick voller Unruhe umher. Tishanea setzte sich auf.

„Denkst du schon wieder an das Haus des dreifachen Friedens?“

Schurac richtete sich ebenfalls auf, schüttelte den Sand aus seinem schwarzen Haar und band es neu im Nacken zusammen. „Das Haus des dreifachen Friedens lässt mich nie los.“ In seinem Ton mischten sich Widerwillen, Stolz und Trotz. „Morgen werden die neuen Zöglinge ausgewählt...“ Schurac hielt inne, um auf Tishaneas Miene nach Anzeichen für Missmut zu fahnden.

Tishanea lachte. „Sprich nur weiter. Ich weiß doch, dass das Haus des dreifachen Friedens das Wichtigste in deinem Leben ist. Ich habe mich schon darüber gewundert, dass du so wenig darüber redest, obwohl sich gerade so vieles ändert.“

„Manchmal möchte sogar ich über andere Dinge reden,“ grollte Schurac.

Den flüchtigen Kuss auf ihre Stirn nahm Tishanea nichtsdestotrotz als Dank für alle Gespräche – auch für das bevorstehende Gespräch über das Haus des dreifachen Friedens.

„Also,“ nahm Tishanea die Angelschnur wieder auf. „Die neuen Zöglinge werden morgen ausgewählt. Fürchtest du, dass euch die Auswahl schwer fallen wird?“

„Nein, die Auswahl wird uns nicht schwer fallen. Es wurden nur elf erdhafte, zehn felshafte und neun wasserhafte Zöglingskandidaten angemeldet. Damit gehen sich gerade die neun Dreigeschwistergruppen aus, die wir früher hatten. Wir müssen also nur zwei erdhafte Kinder und ein felshaftes Kind ablehnen. Es sind die wenigen Anmeldungen, die mir Sorgen machen. Offenbar wird das Haus des dreifachen Friedens in den drei Städten weniger geschätzt als wir angenommen haben – oder besser gesagt: es wird weniger geschätzt als wir gehofft haben. Daneben gibt es noch ein Problem mit den Zöglingskandidaten. Die meisten kommen aus Familien, die es sich nicht leisten können, ihre Kinder in eine gute Schule in Erdstadt, Felsstadt oder Seestadt zu schicken. Für das Haus des dreifachen Friedens müssen sie nichts bezahlen.“

Tishanea hob die Schultern. „Wo ist das Problem? Wenn die Zöglinge aus solchen Familien kommen, werden sie das Haus des dreifachen Friedens umso mehr schätzen. Außerdem tut die Schule noch mehr Gutes, wenn sie Kindern aus armen Familien zu einer guten Ausbildung verhilft.“

Schurac seufzte. „Ich wäre ganz deiner Meinung, wenn ich nicht den Verdacht hätte, dass diese Familien ihre Kinder aus dem falschen Grund in das Haus des dreifachen Friedens schicken. Die neuen Regelungen sollten dafür sorgen, dass kein Kind mehr dazu gezwungen wird, als Zögling zu leben – dementsprechend müssten die neuen Zöglinge aus Familien kommen, die den Frieden zwischen den Haftigkeiten stärken wollen. Stattdessen bekommen wir jetzt Zöglinge, deren Eltern ihren Geldbeutel schonen wollen.“

„Nicht einmal die ärmste Familie würde ihr Kind in das Haus des dreifachen Friedens schicken, wenn sie nicht für Frieden zwischen den Haftigkeiten wäre – die wirklich Engstirnigen würden ihre Kinder doch lieber verhungern lassen als sie auf den Mittleren Grund zu schicken.“

„Mag sein,“ knurrte Schurac. „Aber vergiss nicht, dass die Zöglinge diesmal nicht mehr die ganze Zeit im Haus des dreifachen Friedens leben werden – nach zehn Tagen in der Schule kehren sie für fünf Tage zu ihren Familien zurück. Die Eltern wissen also, dass sie ihren Kindern alle Lektionen aus dem Haus des dreifachen Friedens wieder austreiben können, wenn sie ihnen nicht gefallen. Es wird schwierig werden, die Zöglinge zu loyalen Dreistädtern zu erziehen, wenn sie in den drei Städten ständig etwas anderes hören und sehen. Aber das ist nur eine Sache. Zu viele Erdstädter, Felsstädter und Seestädter verachten das Haus des dreifachen Friedens jetzt schon. Wenn alle unsere Zöglinge aus armen Familien kommen, werden noch mehr unsere Schule verachten.“

„Das glaube ich nicht,“ winkte Tishanea ab. „Nur die Fischköpfe, die jetzt schon gegen das Haus des dreifachen Friedens sind, werden es deshalb noch mehr verachten. Aber denen ist ohnehin nicht zu helfen! Das muss uns egal sein.“

Ein energisches Kopfschütteln war die Antwort. „Es könnte uns egal sein, wenn die Zöglinge die ganze Zeit im Haus des dreifachen Friedens leben würden. Das wird aber nicht der Fall sein. So wie die Dinge stehen, werden sie in den drei Städten doppelte Außenseiter sein. Erstens, weil sie Zöglinge des Hauses des dreifachen Friedens sind, und zweitens, weil sie aus armen Familien kommen. Darunter werden die Kinder leiden – vielleicht sogar so sehr, dass sie beginnen werden, ihre Schule zu hassen und sich gegen alles wenden, was wir ihnen beibringen wollen. Dabei haben wir gehofft, dass die Zöglinge schon während ihrer Schulzeit als Botschafter des Friedens wirken könnten – allein durch das, was sie ihren Freunden und Bekannten in den drei Städten über das Haus des dreifachen Friedens erzählen. Aber wenn die Zöglinge aus verachteten Familien kommen, wird ihnen niemand zuhören. Niemand wird sie ernst nehmen. Du weißt, wie es in Dreistadt ist – nur wer Geld hat, wird gehört. Als die Zöglinge durch das Los ausgewählt wurden, kamen sie aus allen möglichen Familien – aus armen und reichen, friedlichen und engstirnigen. Bei einem Losentscheid würde vieles anders aussehen.“

Tishanea wollte auffahren, doch Schurac hob beschwichtigend die Hände. „Ich habe nicht vergessen, welche Probleme der Losentscheid brachte. Aber er hatte auch seine Vorteile. Nachdem er Zöglinge wie dich hervorgebracht hat, kann er nicht nur schlecht gewesen sein.“

Das Lob besänftigte Tishanea kein bisschen: „Der Losentscheid brachte aber auch einen Zögling wie Rogosol hervor. Und ich wäre beinahe denselben Weg gegangen wie er.“

Die Erinnerung an ihren erdhaften Triasbruder trieb Tishanea auf die Beine. Am liebsten wäre sie davongelaufen. Das Entsetzen über Rogosols Taten und über sein Ende saß immer noch tief. Zu knapp war sie selbst davor gestanden, ihren Hass auf das Haus des dreifachen Friedens an Unschuldigen auszulassen. Mechanisch klopfte Tishanea den Sand von ihrer Fischledertunika, während Schurac sich zu seiner vollen Größe auftürmte. Mit dem massiven Oberkörper eines Erdhaften und den langen, schlanken Beinen eines Wasserhaften überragte er Tishanea fast um zwei Köpfe.

„Es gibt nun einmal kein ideales Verfahren für die Auswahl der Zöglinge,“ stellte Schurac fest. „Jetzt zeigen sich eben die Nachteile der neuen Regelung. Ich bin nicht sicher, ob sie kleiner sind als die Nachteile des Losentscheids – aber ändern kann ich die Regelung jetzt so oder so nicht. Die Entscheidung für die zweite Zöglingsgeneration ist schon gefallen.“

Tishanea blickte auf das Meer hinaus. Würde Schurac jemals begreifen, welche Wunde der Losentscheid in ihr Leben geschlagen hatte? Im Haus des dreifachen Friedens wurde der einzig richtige Weg für Dreistadt gelehrt, gewiss. Aber vielleicht hätte sie schneller und leichter auf diesen Weg gefunden, wenn sie nicht aus ihrer Familie gerissen worden wäre. Bei ihrem Bruder war es so gewesen.

„Wolltest du heute nicht noch Schirron besuchen?“ erkundigte Schurac sich, wie wenn er ihre Gedanken gelesen hätte.

Nichts hätte Tishanea schneller aus ihren trüben Erinnerungen holen können als diese einfache Frage. Die Zwänge der Zöglingszeit lagen hinter ihr. Schurac befahl nicht mehr, er fragte. Mit ihrem Bruder hatte sie zumindest eine kleine Familie. Sie konnte jederzeit den Mittleren Grund verlassen und nach Seestadt gehen. In Zukunft würde es sogar ihre Pflicht sein, nach Seestadt zu gehen.

„Ja, ich möchte Schirron besuchen. Ab morgen werde ich nicht mehr so viel Zeit haben – als Kopf der Verdeckten Wache...“

Schurac blickte mit einem halben Lächeln und einer hochgezogenen Braue auf Tishanea hinunter. „Höre ich da ein wenig Anspannung in deiner Stimme?“

Tishanea setzte zu einer wegwerfenden Geste an, dann schlug sie die Augen nieder. „Ich habe einfach nicht damit gerechnet, zum Kopf der Verdeckten Wache ernannt zu werden,“ brach es aus ihr hervor. „Ich war sicher, dass Paukir der Kopf wird. Jetzt soll ich die Verdeckte Wache leiten, dabei weiß ich doch nichts über die Arbeit einer Verdeckten Wächterin! Die Suche nach den Verschwörern letztes Jahr zählt nicht – ich habe Lehmak und seine Spießgesellen doch nur durch eine ganze Kette von Zufällen gefunden!“

„Unsinn,“ entgegnete Schurac. „Du weißt genug. Du bist dreizehn Jahre lang darauf vorbereitet worden, eine Verdeckte Wächterin zu sein.“

„Aber wir hätten doch erst in unserem letzten Schuljahr für die Gründung einer Verdeckten Wache ausgebildet werden sollen! Und dieses letzte Jahr haben wir mit der Suche nach den Verschwörern verbracht!“ Fahrig zwirbelte Tishanea einen ihrer Zöpfe zwischen den Fingern.

„Ja, eine Trias hätte in ihrem letzten Jahr speziell auf die Aufgaben einer Verdeckten Wache vorbereitet werden sollen. Aber es war doch lange nicht klar, welche Trias zuletzt als Verdeckte Wache arbeiten würde – oder im Haus der dreifachen Gerechtigkeit, oder im Haus des Dreihandels, und so weiter. Diese Entscheidung fiel erst kurz vor eurem letzten Jahr. Deshalb lehrten wir alle Zöglinge, was sie als Verdeckte Wächter, als Richter oder als Handelsinspektoren können müssen und wissen müssen. Du und Paukir – ihr habt im letzten Jahr nur Wiederholungen und Vertiefungen versäumt.“ Behutsam befreite Schurac Tishaneas Zopf aus ihren verkrampften Fingern. „Außerdem kann wirklich keine Rede davon sein, dass du Lehmak und seine Mitverschwörer nur zufällig gefunden hast. Es reicht nicht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Man muss auch das Entscheidende sehen und die Puzzleteile richtig zusammenfügen – genau das hast du getan. Du hast die Verschwörung aufgedeckt und den dritten Sprengstoffanschlag verhindert. Das allein wäre Grund genug, dich zum Kopf der Verdeckten Wache zu ernennen. Es gibt aber noch andere Gründe. Erstens ist der Kommandant der Mittelwache ein Felshafter. Es wäre deshalb unklug, einen weiteren Felshaften zum Kopf der Verdeckten Wache zu machen – schließlich ist die Verdeckte Wache ein Teil der Mittelwache. Und weil es gerade keinen erdhaften Verdeckten Wächter gibt – Rogosol muss ja erst ersetzt werden – lag die Ernennung der Wasserhaften umso näher. Zweitens ist Paukir zwar klug und überaus fleißig, aber er wartet zu oft auf Anweisungen statt eigene Entscheidungen zu treffen. Trotzdem wird er gerne überheblich. Das ist keine gute Mischung für den Kopf der Verdeckten Wache. Deshalb bist du zum Kopf ernannt worden. Natürlich hast du noch viel zu lernen, aber du bringst alles mit, was du für diese Arbeit brauchst.“

Tishanea starrte zu Boden und grub ihre Zehen in den Sand. Die stolze Überzeugung in Schuracs Worten ließ die Verantwortung noch schwerer auf ihren Schultern lasten. Paukir hatte von Anfang an für die Ziele des Hauses des dreifachen Friedens gelebt, während sie sich nur nach Seestadt zurückgesehnt hatte. Und nun sollte sie plötzlich ein besserer Kopf der Verdeckten Wache sein als er? Schurac trat einen Schritt näher und legte seine Hände auf Tishaneas Schultern. Sie lehnte sich an ihn und hörte seine Stimme tief aus seinem Brustkorb kommen:

„Tisha, dein Kopf und dein Herz sind endlich auf dem gleichen, richtigen Platz. Folge einfach dem, was sie dir sagen, und du wirst deine Pflicht als Kopf der Verdeckten Wache erfüllen. Außerdem stehst du ja nicht allein. Die Verdeckte Wache ist ein Teil der Mittelwache. Alle Lehrer aus dem Haus des dreifachen Friedens werden weiterhin für dich und für Paukir da sein. Und vor allem werde ich für dich da sein.“

Endlich begann Tishaneas Unbehagen abzuklingen. Offenbar war sie nochmals von dem Gefühl eingeholt worden, allein gegen alles und jeden in Dreistadt kämpfen zu müssen. Doch in Schuracs Armen fand dieses Gefühl keinen Platz mehr.


Tishanea und Schurac erreichten Figass’ Schiffswerft gerade rechtzeitig zum Feierabend. Sie mussten in der Schar der Werftarbeiter nicht lange nach Schirron Ausschau halten. Er hatte den riesigen Halbwasserhaften sofort erblickt und bahnte sich seinen Weg zu ihm. Inzwischen war Schirron daran gewöhnt, dass er Tishanea an Schuracs Seite finden würde. Trotzdem verblasste sein Grinsen etwas, als er nach seiner Schwester auch ihren Begleiter begrüßte. Tishanea machte sich nichts daraus. Schirron hatte Schurac als jähzornigen, herrschsüchtigen Lehrer kennengelernt, der seine Schwester zweimal aus ihrem Elternhaus geschleppt hatte. Es würde einige Zeit dauern, bis er sein Misstrauen gegen den Halbwasserhaften ablegen könnte. Außerdem war Tishanea viel zu sehr von Schirrons Aussehen gefangen, um sich über sein Verhalten Gedanken zu machen. Bisher hatte Schirron sein Haar nach Seestädter Art lang und geflochten getragen. Nun stand es in Sardinengrätenlänge und lose von seinem Kopf ab.

„Bist du irrtümlich in eine Herde Bergziegen geraten, die geschoren wurde?“ neckte Tishanea.

Schirron strich sich mit einem schiefen Lächeln über den Kopf. „Ich hatte es einfach satt, ständig Sägespäne im Haar zu haben – oder mit dem Zopf an einer Holzplanke hängenzubleiben, wenn ich in den unfertigen Schiffsrümpfen herumgeklettert bin. Für die Arbeit in der Werft sind kurze Haare das einzig Wahre.“

Plötzlich fiel Tishanea auf, wie stark Schirron seinem Vater ähnelte. Auch Goschub trug sein Haar kürzer als die meisten Wasserhaften, wenn auch geflochten.

Haar hielt er für eine Beleidigung aller Wasserhaften.

„Wie hast du Vaters Wutausbruch überlebt, als er deine neue Frisur gesehen hat?“

„Dieser Wutausbruch steht mir noch bevor. Ich habe Vater und Mutter in letzter Zeit wenig besucht...“ Schirron seufzte.

Unwillkürlich ballte Tishanea die Fäuste. Sie war so erleichtert gewesen, als Schirron wieder begonnen hatte, ihre Eltern zu besuchen. Ihr selbst fehlte der Mut dazu. Goschub hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er einen Zögling des Hauses des dreifachen Friedens nicht unter seinem Dach dulden würde. Mit seinem Sohn würde er sich vielleicht versöhnen – obwohl Schirron gegen den Willen der Eltern eine Lehre in der Schiffswerft begonnen hatte, eine loyale Dreistädterin liebte, und im Streit ausgezogen war. Schirron ließ sich nämlich nicht beirren. Nicht in seinem Beruf, nicht in seiner Liebe und nicht in seinem Bemühen, die Familie zusammenzuhalten. Er besaß mehr Großzügigkeit, Humor und Geduld als alle anderen Dreistädter, die Tishanea kannte. Wenn einer Goschub und Rabess vernünftige Gedanken über Dreistadt einflößen konnte, dann war es Schirron. Doch anscheinend wollte es nicht einmal ihm gelingen.

„Es wird nicht besser mit ihnen?“

Schirron wedelte mit der Hand durch die Luft. „Nein, aber das war ja auch nicht zu erwarten – das heißt, nicht so schnell. Sie werden mir noch lange nachtragen, dass ich zu Quissa und Assoran gezogen bin. Mir war klar, dass meine Besuche monatelang so aussehen würden wie die letzten – voll eisiger Höflichkeit, und mit Gesprächen, die bestenfalls seicht sind. Aber immerhin haben Mutter und Vater mir nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen – nicht einmal, als ich zuletzt Quissa mitbrachte. Ich habe deshalb gehofft, dass sie mit den Jahren doch noch vernünftig werden – dass sie Dreistadt sehen werden, wie es ist. Aber seit meinem letzten Besuch ist diese Hoffnung um einiges kleiner geworden. Fjurosch ist wieder frei und wohnt seitdem bei ihnen. Er wird jedes meiner Worte zunichte machen – abgesehen davon, dass wegen ihm jeder Besuch zur Qual wird.“

Schirrons Worte ergossen sich wie ein Schwall eiskalten Wassers über Tishanea. Fjurosch saß nicht mehr in einer Zelle im Haus der dreifachen Gerechtigkeit? Das war übel genug! Aber wie kam es überdies, dass sie nichts davon wusste? Sie hatte Fjuroschs Pläne aufgedeckt und dafür gesorgt, dass er gefangen genommen und verurteilt wurde – die Mittelwache musste sie also benachrichtigen, wenn Fjurosch freigelassen wurde! Allerdings war die Anklage damals von Schurac geführt worden, weil sie noch ein Zögling gewesen war. Hatte Schurac von der Freilassung erfahren? Tishanea ließ ihren Blick zu ihm hoch schweifen.

„Die Mittelwache konnte ihn nicht länger festhalten,“ missdeutete Schurac ihre unsichere Miene. „Fjurosch wurde nur wegen seiner Anschlagspläne verurteilt, zur Ausführung des Anschlags kam es ja nicht. Mehr als ein halbes Jahr Gefängnis war nicht drinnen, und diese Strafe hat er inzwischen abgesessen – leider!“

„Die Strafe war allerdings genug, um Fjuroschs Karriere als Seewächter zu beenden,“ schaltete Schirron sich wieder ein. „Wer einmal ins Gefängnis musste, darf kein Seewächter mehr sein. Die meisten Seestädter finden zwar, dass das nur bei Urteilen gelten sollte, die in Seestadt gefällt wurden, aber das Gesetz gilt trotzdem auch für Urteile, die auf dem Mittleren Grund gefällt wurden. Sicher hat der Dreigipfel beim Friedensschluss darauf bestanden. Jedenfalls war Fjurosch ohne Arbeit und geht jetzt jeden Tag mit Vater, Mutter und Riesche auf Fischzug – zur großen Freude von Riesche. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Fjurosch dabei glücklich ist. Kann aber auch sein, dass ich mir nur wünsche, dass er unglücklich ist – in der Hoffnung, dass er bald wieder verschwindet. Ich konnte ihn noch nie leiden, auch nicht vor seiner Verurteilung. Wenn ich mir vorstelle, dass ich jedes Mal diesen Schleimfisch sehen muss, wenn ich Vater und Mutter besuche... Da frage ich mich schon, ob ich die Familienbande wirklich wieder enger knüpfen will – oder ob ich es überhaupt kann.“

Tishanea wollte protestieren, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Sie verstand Schirron allzu gut. Fjurosch hatte seinen Hass auf die Erdhaften und auf die Felshaften bestimmt nicht im Haus der dreifachen Gerechtigkeit zurückgelassen. Auf jedes gute Wort über Dreistadt, das Schirron in die Ohren ihrer Eltern legte, würden zehn schlechte von Fjurosch kommen. Kein Wunder, dass Schirron daran dachte, Goschub und Rabess aufzugeben.

„Wenn Riesche und Fjurosch zumindest eine eigene Wohnung suchen würden,“ fuhr Schirron fort. „Aber das werden sie wohl nicht tun. Bei unseren Eltern ist Platz genug, und billiger ist es auch. Also bleibt mir fast nichts anderes übrig, als Mutter und Vater irgendwo anders zu treffen. Ich weiß nur nicht, ob sie sich darauf einlassen werden. Oder wo ich sie treffen sollte. Ich könnte sie ja nicht einmal in eine Schenke einladen – solange ich in meinem ersten Lehrjahr bin, bekomme ich noch keinen Lohn. Und über die Schwelle von Assorans Haus würde ich Mutter und Vater nie im Leben bringen...“

Nachdenklich starrte Schirron ins Leere, als könnte er dort einen geeigneten Ort für künftige Treffen mit seinen Eltern entdecken. Tishanea sah es voller Dankbarkeit. Anscheinend war Schirron doch nicht dazu bereit, Goschub und Rabess ihrer engstirnigen kleinen Welt zu überlassen. Plötzlich hallte ein Satz in Tishanea nach und brachte sie auf etwas ganz anderes:

„Schirron, brauchst du Geld?“

Jäh aus seinen Gedanken gerissen, sah ihr Bruder sie verdutzt an. Die Antwort kam äußerst zögerlich: „Nun ja... nicht wirklich. Assoran verlangt weder Miete noch Kostgeld von mir, und Quissa verdient mit ihren Muschelmosaiken immer besser – ich muss dir endlich einmal einige ihrer Bilder zeigen! Außer Essen und einem Dach über dem Kopf brauche ich eigentlich nichts. Seit meinem achtzehnten Geburtstag wachse ich auch nicht mehr. Alle meine Kleider passen mir noch...“

Zum ersten Mal wirkte Schirrons Lächeln aufgesetzt. Tishanea kannte Assoran und Quissa inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie Schirron ohne jegliches Grollen unterstützen würden, bis er Lohn erhielt. Er würde jedoch nicht mehr von den beiden annehmen als unbedingt notwendig, und selbst das nur mit schlechtem Gewissen. Zumindest dieses Problem konnte sie für ihn lösen:

„Jeder Zögling des Hauses des dreifachen Friedens bekommt am Ende seiner Ausbildung etwas Geld. Schließlich müssen wir Wohnungen einrichten und neue Kleidung kaufen, noch bevor wir Lohn für unsere neuen Ämter auf dem Mittleren Grund bekommen. Und natürlich werde ich von nun an auch Lohn bekommen. Ich möchte dir jetzt einen Teil von meinem Zöglingsgeld geben, und später jeden Monat einen Teil von meinem Lohn.“

Schirron schüttelte heftig den Kopf. „Kommt nicht in die Reuse! Du wirst das Geld doch selbst brauchen!“

„Bei weitem nicht alles! Ich muss keine Wohnung einrichten, weil ich bei Schurac bleibe. Essen werde ich auch im Haus des dreifachen Friedens, und was die Küche dafür von mir verlangt, ist lächerlich. Außerdem wird es ja nicht für immer sein. Wenn dein zweites Lehrjahr anfängt, sprechen wir noch einmal darüber. Eigentlich müssten Vater und Mutter dir dabei helfen, deinen Weg zu gehen. Stattdessen versuchst du, ihnen neue Wege zu zeigen... Ich konnte bisher nie für meine Familie da sein – jetzt könnte ich etwas für dich tun! Und ich möchte dir wirklich gerne helfen!“

Langsam stieg auf Schirrons abweisender Miene ein hoffnungsvoller, beinahe sehnsüchtiger Ausdruck auf. Mit der Andeutung eines Nickens gab er sich geschlagen.


Es dämmerte bereits, als Schirron sich vor Assorans Haus verabschiedete. Auf dem Weg in die Krakengasse, wo Schurac nach dem Rechten sehen wollte, versank Tishanea in ihren Gedanken. Die Nachricht, dass Fjurosch nun bei ihren Eltern lebte, lag wie ein giftiger Tentakel um ihren Hals. Dieser schmierige Wasserhafte glitt mühelos in die Köpfe anderer Dreistädter, um mit ihren Ängsten und Sehnsüchten zu spielen. Schaudernd erinnerte Tishanea sich daran, wie es ihm beinahe gelungen war, sie durch seine Lügen und Täuschungen zu einer Mörderin zu machen. Am liebsten hätte sie ihn für alle Zeit vergessen. Leider durfte sie es sich nicht erlauben, ihn zu vergessen. Sie hätte es sich nicht einmal erlauben dürfen, wenn er ihrer Familie ferngeblieben wäre. Es war sein Plan gewesen, die Zisternen des Mittleren Grundes zu sprengen und den brüchigen Frieden zwischen Erdhaften, Felshaften und Wasserhaften im wahrsten Sinne des Wortes fortzuschwemmen. Erst die Zeit würde zeigen, ob die Haft im Haus der dreifachen Gerechtigkeit ihn zumindest entmutigt hatte. Mit einer vollkommenen Läuterung war in seinem Fall ohnehin nicht zu rechnen. Als Kopf der Verdeckten Wache musste sie ihn im Auge behalten. Auch wenn ihr Dienst erst morgen begann, hätte Fjuroschs Rückkehr nach Seestadt ihr niemals verborgen bleiben dürfen. Und die Nachricht hätte von einer ganz bestimmten Person kommen müssen... Tishanea musterte Schurac von der Seite. Wie immer flackerte sein Blick unablässig über die Häuser von Seestadt und über die Wasserhaften, die seiner massiven Gestalt sorgfältig auswichen. War es möglich, dass Schurac vergessen hatte, ihr von Fjuroschs Freilassung zu erzählen? Tishanea unterdrückte ein Seufzen. Als ob Schurac jemals etwas vergessen würde! Vielmehr schien es dem rastlosen Halbwasserhaften schwerzufallen, etwas aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Und ein Ereignis, das den Frieden in Dreistadt bedrohte, würde er erst recht nicht vergessen.

„Schurac – warum hast du mir nicht gesagt, dass Fjurosch aus dem Haus der dreifachen Gerechtigkeit entlassen wurde?“

Schuracs Schultern spannten sich, seine Miene verschloss sich. Er streifte Tishanea mit einem Blick und antwortete weniger prompt als gewöhnlich: „Ich dachte, ich hätte schon nach Fjuroschs Verhaftung klar gemacht, wie sehr ich diesen Kerl verabscheue. Das hat sich nicht geändert. Ich will nach wie vor nicht an ihn denken – geschweige denn über ihn sprechen. Außerdem spielt er keine Rolle mehr. Warum hätte ich also Vergangenes noch einmal aufwühlen sollen?“

Die Bitterkeit in Schuracs Stimme verwirrte Tishanea. Natürlich musste er einen Wasserhaften verabscheuen, der den Tod zahlloser Dreistädter geplant hatte. Und natürlich würde Schurac wünschen, dass diese Muräne für immer von der Bildfläche verschwinden möge. Aber es sah ihm nicht ähnlich, einen Verschwörer beiseitezuschieben statt ihn mit den wachsamen Augen eines Raubfisches zu verfolgen.

„Woher willst du wissen, dass Fjurosch keine Rolle mehr spielen wird? Ich bin der Kopf der Verdeckten Wache. Ich muss alles über die Wege und Pläne von jemandem wie Fjurosch wissen.“

Tishaneas Frage ließ Zorn in Schuracs Augen aufblitzen, danach knirschten seine Zähne in kühlerem Unwillen.

„Sicher,“ presste er hervor. „Aber du trittst deinen Dienst als Kopf der Verdeckten Wache erst morgen an, und du hast im letzten Jahr viel durchmachen müssen. Findest du nicht, dass du eine unbeschwerte Zeit verdient hattest?“

Tishanea war zu dankbar für die zurückliegenden Wochen voller Freiheit und Glück, um zu widersprechen. Aus dem Mund eines Mannes, der sie dreizehn Jahre lang unerbittlich an ihre Pflichten erinnert hatte, klang die Frage dennoch sonderbar. Nur weil sie nun kein Zögling mehr war, würde Schurac es bestimmt nicht dulden, dass sie ihre Pflichten vernachlässigte. Nicht einmal sechs Wochen lang. Schließlich waren ihre Pflichten noch viel größer als früher. Argwöhnisch linste Tishanea zu Schurac hinauf. Auf seiner Miene stand nichts von der Unbeschwertheit, die er soeben als Lohn für große Verdienste bezeichnet hatte. In der Krakengasse rückten Schuracs Brauen noch enger zusammen. Fast feindselig hakte sein Blick sich an dem Haus fest, an dessen Wand ein Relief mit zwei Seelöwen hing. Tishanea senkte betreten den Kopf. An diesem Ort hingen wahrlich keine guten Erinnerungen. Wahrscheinlich trug der Raum im Obergeschoß immer noch die Spuren des weißglühenden Zorns, in den sie Schurac hier getrieben hatte – Sprünge im Verputz und ein Blutfleck an der Wand. Am Tag danach war sie in dem verzweifelten Entschluss, Schuracs Fängen zu entkommen, in Fjuroschs Falle gegangen. Heute schien es Tishanea unfassbar, dass sie Fjurosch glühend verehrt und Schurac ebenso glühend gehasst hatte. Schurac war auf der richtigen Seite gestanden und hatte immer ihr Bestes gewollt. Seine Mittel mochten die falschen gewesen sein, aber das hatte er inzwischen eingesehen. Es gab keinen Grund für Argwohn. Gleich darauf zweifelte Tishanea daran, dass Schuracs düstere Miene mit diesem einen Abend zusammenhing. Der grausame Streit lag zu weit hinter ihnen, um noch einen Schatten auf sie zu werfen. Nach anderen Schatten hatte sie nie zu fragen gewagt – bis jetzt.

„Was hat es eigentlich mit diesem Haus auf sich?“

Tishaneas vorsichtiger Ton weichte den Unmut auf Schuracs Gesicht auf. Trotzdem kam die Antwort voller Grimm: „Es ist das Haus meiner Großeltern. Das heißt, inzwischen ist es mein Haus. Ich habe es von ihnen geerbt. Jedenfalls bin ich hier aufgewachsen.“

Eine Welle des Mitgefühls schwappte über Tishanea hinweg. Hier hatte Schurac also zahllose Lügen über seine Eltern gehört. Hier war er zu jenem heldenhaften Krieger gedrillt worden, der die Herrschaft der Wasserhaften über die Erdhaften und über die Felshaften hätte begründen sollen. Kein Wunder, dass er dieses Haus hasste.

„Ich habe schon oft daran gedacht, es zu verkaufen,“ fuhr Schurac fort. „Mein Heim ist das Haus des dreifachen Friedens. Aber ich konnte mich nie dazu durchringen. Manchmal denke ich, dass dieses Haus besser leer stehen sollte – als hätten die Mauern so viel Hass und so viele Lügen aufgesogen, dass sie auf jeden abfärben könnten, der hier wohnt.“

Betrübt betrachtete Tishanea das Relief mit den beiden Seelöwen, die friedlich nebeneinander auf einem Felsen saßen. Es waren nicht die Häuser, die den Hass in Dreistadt am Leben hielten. Schurac zog einen Schlüssel aus seiner walrossledernen Gürteltasche und öffnete die Tür. Drinnen ergriff der Halbwasserhafte ein Tuch und begann Möbel, Fensterbretter und die wenigen vorhandenen Küchenutensilien vom Staub zu befreien. Im Nu war er fertig und stieg die Treppe hinauf, um der oberen Etage eine ebenso flüchtige Reinigung zukommen zu lassen. Tishanea blieb zurück und ließ geistesabwesend ihren Blick durch den Raum schweifen. Schuracs Großeltern hatten großes Unrecht begangen, das durch nichts wieder gutzumachen gewesen wäre. Sie hatten Schuracs Vater getötet, ihrem Enkel seine gemischthaftige Herkunft verschwiegen und ihn zu einem hasserfüllten Krieger erzogen. Aber was wäre gewesen, wenn seine Großeltern bei der Wahrheit geblieben wären?

„Hast du dich jemals gefragt, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du von deinem erdhaften Vater gewusst hättest?“ fragte Tishanea, als Schurac in die Wohnküche zurückkehrte.

Er hielt in seiner eilig-oberflächlichen Geschäftigkeit inne und legte das Staubtuch beiseite. In gewohnter Manier verschränkte er die Arme vor der Brust, während er sich an das Stiegengeländer lehnte.

„Niemals,“ stellte er nach kurzem, nachdenklichem Schweigen fest. „Ich war zu sehr damit beschäftigt, mit all dem zurecht zu kommen, was in meinem wirklichen Leben geschah. Wieso fragst du?“

„Weil ich gerade daran dachte, wie hart es gewesen wäre, als Gemischthaftiger in Seestadt aufzuwachsen – und dann auch noch die fünfjährigen Fehden zu überstehen. Hätten die engstirnigen Wasserhaften es überhaupt zugelassen, dass ein Gemischthaftiger unter ihnen lebt? Hätten sie dich nicht umbringen wollen? Vielleicht logen deine Großeltern auch, um dich zu beschützen.“

Schurac schnaubte verächtlich. „Meine Großeltern hätten mich beschützen wollen? Indem sie meinen Vater töteten und mich zu einem Krieger erzogen, der sich in eine Schlacht nach der anderen warf? Nein, Tisha. Sie wollten mich nicht davor bewahren, ein Opfer zu werden. Dafür hätte es gereicht, den anderen Seestädtern meine Gemischthaftigkeit zu verschweigen. Stattdessen machten sie mich zu einem Täter. Beschützen ist etwas ganz anderes. Beschützen heißt, die Schläge einzustecken, die einem anderen gelten. Du brauchst nicht zu versuchen, mich mit den Toten zu versöhnen. Die Lebenden zählen – und um die Lebenden werde ich mich kümmern.“

Schuracs Blick verlor bei diesen Worten sein Flackern und ruhte ernst in Tishaneas Augen, wie ein Versprechen.